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Forschung und allumfassender Humor: Michel Serres.

Nachruf

Michel Serres war einer wie es keinen sonst gab: Er war ein Weiser

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Zum Tod des französischen Philosophen Michel Serres, der im Alter von 88 Jahren gestorben ist.

Fangen wir ganz anders an: Serres ist ein Ortsteil der Gemeinde Wiernsheim im Enzkreis, unweit von Ludwigsburg. Er wurde um 1700 von Waldenserflüchtlingen gegründet, denen der Herzog von Württemberg das Terrain gegeben hatte, um sich dort ansiedeln zu können. Sie, die schon aus Frankreich vertrieben worden waren, hatten nun den Piemont verlassen müssen.

Michel Serres hat mit dieser Geschichte nichts zu tun. Der Philosoph, der am Samstag im Alter von 88 Jahren gestorben ist, wurde am 1. September 1930 im südfranzösischen Agen geboren und gut katholisch erzogen. Sein Vater war Schiffer auf der Garonne. Serres besuchte kurz die Marineschule, entschloss sich aber für die Universitätslaufbahn. Seinen Militärdienst leistete er als Marineoffizier. Er war im Suezkrieg.

1968, er war kurz an der revoltierenden Universität in Vincennes gewesen, verteidigte er seine Dissertation über „Leibniz’ System und seine mathematischen Modelle.“ 1984 wurde er Professor an der Stanford University, 1990 Mitglied der Académie française.

Michel Serres war geachtet, geehrt, gelesen - aber viel zu wenig

Geachtet, geehrt, gelesen. Aber all das auch viel zu wenig. Michael Serres brachte uns nicht nur bei, dass die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften uns dumm macht. Er zeigte uns auch, dass die großen Erzählungen über das Ganze und die kleinen Beobachtungen der Details zusammengehören, dass das Fragen und nicht das Wissen uns klüger macht. Ich werde nie vergessen, als ich – Anfang der 80er Jahre in „Der Parasit“ von Michel Serres – begriff, dass auch das Brummen und Krächzen, auf das ich stieß, wenn ich an meinem Radio drehte, um den Deutschlandfunk zu suchen, Informationen enthielt. Nicht die, nach denen ich suchte. Für andere aber viel wichtiger als die, nach denen ich lechzte.

Die Welt setzt sich nicht zusammen aus all dem, hinter dem die Menschheit her ist. Billionen Ordnungssysteme sind denkbar, um die Fülle des Gegebenen zu organisieren. Je mehr uns das klar wird, desto vielfältiger, desto komplexer wird die Welt. Desto notwendiger aber auch, sie zu ordnen. Und desto wichtiger zugleich, dass wir uns der „Beliebigkeit“ unserer Ordnungssysteme bewusst sind. Wir überleben nur, wenn wir uns an die Arbeit ihrer Veränderung machen.

1980 hatte Michel Serres bereits die fünf Bände seiner „Hermes“-Studie über Kommunikation geschrieben. Sie faszinierten mich bei weitem mehr als die Entdeckung der Bedeutung der Kommunikation durch Jürgen Habermas. Für den war die „Anschlussfähigkeit“ seiner Theoreme wichtig. Das schien mir bei Serres keine Rolle zu spielen. Er entfaltete seine Gedanken, indem er sich griff, was die Vorgänge, die ihm auffielen, erhellte. Griechische Mythen, Comicfiguren, Informationstheorie, Kybernetik und schöne Literatur, Malerei und Musik. Serres verband sich mit allem und uns – seine Leser – zog er mit hinein in diesen Strudel der Billionen Leben, der gelebten und ungelebten, der wirklichen und der virtuellen, der physikalischen und der fantastischen.

Wenn eine riesige Welle auf einen zukommt, tut man gut daran, in sie hineinzutauchen, das war über Jahre mein Umgang mit Michel Serres. Ich verstand es nicht, mit ihm oben auf der Welle zu surfen und hinüberzuschauen zu den verebbenden Vorläufern und den bedrohlich anbrandenden Nachfolgern, geschweige denn zu den von Fischern und Satyrn bewohnten Ufern zu sehen, die sich blitzschnell in ein Manhattan, ein Shanghai verwandeln konnten. Aber da unten träumte ich – ein unbegabter Serres-Jünger – von all dem, das zu sehen sein würde, wenn ich es einmal auf ein Surfbrett geschafft hätte.

Michel Serres war ein großer Realist

Serres war ein großer Realist, der im letzten seiner mehr als fünfzig Bücher all jene, die behaupten, früher sei alles besser gewesen, zum Beispiel an die Armut dieses Früher erinnerte, war ein großer Erzähler. Nicht wie Flaubert, sondern wie Lukrez ein großer Erzähler war. Serres’ Gegenstand war die Welt. Aber gerade nicht als etwas, das uns entgegensteht, sondern als das, das uns umhüllt, das uns aber auch konstituiert. Wir sind die Welt. Unser Körper, unser Geist gehört zu ihr. Wir begreifen auch letzteren nur, wenn wir ihn als Teil der Welt begreifen. Unsere Sinne filtern die Welt nach unserem Maß – nicht zum Beispiel nach dem einer Ameise. Unser Hirn organisiert das von den Sinnen eingespeiste Material, und es organisiert die Filter.

Wissenschaft ist der Versuch, den Käfigen dieser dialektischen Zurichtung zu entkommen. Sie ist immer auf der Flucht. Erst 1923 machte Edwin Hubble klar, dass das Universum größer ist als unsere Galaxie. Die Wissenschaft hatte uns wieder einmal das Zuhause genommen. Wir sind Flüchtlinge vor den Pseudosicherheiten der richtig eingestellten Radiosender, der Glaubenszugehörigkeiten, vor jedem überkommenen oder auch jedem selbst gewählten Zuhause. Wir sind alle Parasiten, die sich einbilden, sie seien die Wirte.

Serres hat dieser völligen Fehleinschätzung unserer Rolle – als Individuum, als Nation, als Religion, als Menschheit, als Welt – den Garaus gemacht. Mit seinen Forschungen und Kenntnissen, mit seiner Bildung, aber dann doch vor allem mit seiner fröhlichen Wissenschaft, mit seinem allumfassenden Humor. Michel Serres war einer wie es keinen sonst gab: Er war ein Weiser. Wir hatten Glück, im Serres-Zeitalter leben zu dürfen.

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