Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Michel Houellebecq.
+
Michel Houellebecq.

Michel Houellebecq

„Die Versuchung des Guten“

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
    schließen

Der fürs kommende Wochenende angekündigte neue Roman von Michel Houellebecq macht in Paris schon zum Fest die Runde – und der Autor selbst gibt im Interview erste Auskünfte.

Alles war genauestens geregelt. In Frankreich soll der neue Houellebecq „anéantir“ am 7. Januar erscheinen, auf Deutsch am 11. mit dem Titel „Vernichten“. Der Pariser Verlag Flammarion konzipierte eine optisch schlichte Hardcoverversion, der Houellebecq selber den Stempel aufdrückte: Der 65-jährige Schriftsteller („Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“) soll das legendäre weiße Beatles-Album als Ideenvorlage zu einer Planungssitzung mitgebracht haben.

Während unter Pariser Journalisten spekuliert wurde, der achte Houellebecq-Roman drehe sich um die Hacker- und Piratenthematik, wurde indes zwei Tage vor Weihnachten bekannt, dass das Buch – Startauflage: 300 000 Exemplare – gehackt worden war. Im Umlauf ist eine gescannte Version, die nicht einmal die Qualität eines autorisierten PDF-Formats aufweist, wie Flammarion anmerkte. Ähnlich ergangen war es 2015 schon Houellebecqs Islamisierungsfiktion „Unterwerfung“, erschienen damals wenige Tage vor dem mörderischen Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“.

Neben der Raubkopie, wenn es denn eine war, hat aber wohl auch Flammarion zum neuesten Houellebecq-Leak beigetragen. Der Pariser Verlag stellte nicht weniger als 600 Presseleuten und anderen das Buch zu. Die per Beiblatt angesetzte Sperrfrist 30. Dezember wirkte da schon fast naiv.

Der PR-Plan ist zerzaust

Französische Blätter zitieren längst frohgemut aus dem Buch. Das Pariser Feiertagsspiel bestand darin, den PR-Plan für die Lancierung von „Vernichten“ zu zerzausen, um nicht zu sagen: zu vernichten. Einer der mit einem Exemplar Bedachten frohlockte: „Ich habe Covid, aber ich habe auch den letzten Houellebecq.“ Die ehemalige Gefährtin von Ex-Präsident François Hollande, Valérie Trierweiler, präsentierte auf Instagram stolz das Buchcover vor einem Flammendekor, mit dem Hinweis: „730 Seiten am Kaminfeuer. Danke, Flammarion.“ Ist das ironisch gemeint? Eine andere Stimme rechtfertigt sich fürs Ausplaudern: „Wenn ich damit bis zum Ende des Embargos warte, was bleibt mir dann zu sagen?“

Michel Thomas, wie Houellebecq bürgerlich heißt, wählte unterdessen auch Interviewtermine selber – einen einzigen. In seinem Schreibstudio im Pariser Chinatown des 13. Stadtbezirks empfing er einen Vertreter der Zeitung „Le Monde“ – und beendete die Sperrfrist am Silvesterwochenende selbst, indem er klarstellte, was die französischen Medien inzwischen ebenfalls gemerkt haben: „Vernichten“ dreht sich nur am Rande um Deep Fake und Computerhacken.

Houellebecq erzählt, wie er „Le Monde“ erzählte, die Geschichte des Staatsbeamten Paul Raison und seiner ihm entfremdeten Frau. Die Kulisse der Handlung bildet laut Medienberichten (wenige Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl) eine künftige französische Präsidentschaftswahl – Hauptkandidat ist im Roman demnach ein gewisser „Bruno Juge“, in dem „Le Monde“ den heutigen Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sieht. Das Tout-Paris weiß: Der Minister ist mit Houellebecq befreundet. Er hatte 2011 ein paar Zollformalitäten bereinigt, als der Schriftsteller die sterblichen Überreste seines Hundes von Irland nach Frankreich zurückbringen wollte.

Fast scheu spricht der Skandalautor derweil mit dem „Le Monde“-Journalisten Jean Birnbaum über Kinderglück als Mittel gegen die Todesangst. „Nicht das Böse, sondern die Versuchung des Guten“ bilde seinen literarischen Antrieb, gesteht der angebliche Nihilist. „In meinen Büchern versteht man wie in Andersens Märchen sofort, wer die Bösen sind und wer die Guten. In ‚Vernichten‘ hat es nur noch wenig Böse. Mein größter Erfolg wäre es, wenn ich einmal gar keine Bösen mehr beschreiben würde.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare