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Michael Rutschky, hier mit Cockerspaniel „Kupfer“.

„Gegen Ende“

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Michael Rutschkys posthum erscheinendes letztes Tagebuch gibt sehr persönliche Einblicke in ein Schriftstellerleben zwischen 1996 und 2009

Vor dieser Lektüre habe ich mich ein wenig gefürchtet. Zu viel Unheil schien an dem dritten Teil des Tagebuchs von Michael Rutschky zu kleben, mit dem die Aufzeichnungen „Mitgeschrieben“ (2015) und „In die neue Zeit“ (2017) fortgeführt werden. Im November 2016 hatte Michael Rutschky die ärztliche Diagnose „Krebs im Endstadium“ erhalten, im März 2018 war er nach kurzer stationärer Behandlung in Berlin gestorben.

Für Rutschkys Internetblog Das Schema.com hat der langjährige „Merkur“-Herausgeber Kurt Scheel bewegend über die letzten Wochen seines Freundes geschrieben. Scheel möge bitte, so Rutschkys Wunsch, den bereits zur Hälfte edierten Tagebuchband herausbringen. Rutschky betrachtete das Tagebuch als Hauptwerk seiner so abwechslungsreichen und experimentierfreudigen Textproduktion. Scheel nahm zögernd an, vollendete die Auswahl und verfasste ein Vorwort, in dem er der erlittenen Kränkung, die ihm die Tagebücher bereitet hatten, deutlich Ausdruck verleiht. Kurze Zeit später, im August 2018, nahm Kurt Scheel sich das Leben.

Die beiden Todesfälle schieben sich wie eine dunkle Wolke vor Rutschkys soeben erschienene Aufzeichnungen, deren zwei Vorläufer trotz ihres Charakters einer fortlaufenden Chronik von thematisch klar einzugrenzenden Schwerpunkten getragen wurden. So kann man „Mitgeschrieben“ als Geschichte einer intellektuellen Dreiecksbeziehung zwischen dem Ehepaar Michael und Katharina Rutschky sowie Rainald Goetz lesen. Im Nebenbei der vergehenden Zeit ist „Mitgeschrieben“ das intime, durchaus unterhaltsame Porträt eines Dichters als junger Mann, der Rainald Goetz war und dessen Karriere Rutschky maßgeblich gefördert hatte.

Im Nachfolgeband „In die Neue Zeit“ vollzieht sich nach den Münchener Jahren der Ortswechsel der Rutschkys nach Berlin, dessen künstlerische und literarische Öffentlichkeit in seiner avantgardistischen Arglosigkeit 1989 von der Wende überrascht wurde. Rutschky registriert die historischen Veränderungen mit geschärfter Aufmerksamkeit für den Aufbruch und das Liegengebliebene am Rande.

Im Gegensatz dazu wird man den Band „Gegen Ende“, der den Zeitraum von 1996 bis 2009 umfasst, als Zerfalls- und Enttäuschungsgeschichte lesen müssen. Es ist viel von Krankheit und Tod die Rede. Der geliebte Cockerspaniel Kupfer erliegt ebenso einem Krebsleiden wie Theresia Gawarecki, eine mit den Rutschkys befreundete Künstlerin. Und auch sonst geht es um viele unfrohe Dinge. Rutschkys Alter Ego, R., ist fortwährend mit der Selbstbeobachtung seines Körpers befasst. Fettpolster und Flecken auf der Haut stören die geradezu obsessiven Blicke in den Spiegel und in den Sucher der Kamera des Fotografen. Immer wieder müssen die Verarmungsängste des freien Schriftstellers bearbeitet werden.

Beim Besuch in Zürich wird R. auf traurige Weise daran erinnert, dass er keine geschäftlichen Kontakte mehr in der Stadt unterhält. Oft ist R. davon geplagt, nicht die öffentliche Beachtung gefunden zu haben, die er sich erhofft hat, immer darauf bedacht, das Wahrgenommene nicht als pure Verbitterung erscheinen zu lassen. Mit feiner Ironie registriert er, dass seine zahlreichen Schüler ihn nicht mehr brauchen.

Zu einem politischen Gespräch mit dem „Zeit“-Redakteur Jörg Lauf fällt ihm auf, dass kein einziger der geäußerten Gedanken von R. stamme. Und natürlich kann man als Leser nicht umhin, sich auf die Spurensuche nach einem Zusammenhang zwischen Scheels Suizid und Rutschkys Einträgen zu begeben. Jörg Lau, der von Rutschky als Nachlassverwalter eingesetzt worden war, trägt der tragischen Konstellation am Ende zweier nicht nur von ihm bewunderter Persönlichkeiten in seinem Nachwort in aller gebotenen Nüchternheit Rechnung.

Der Tagebuchschreiber Michael Rutschky hält hinreichend Stoff für Neugierige bereit, die drei Bände ergeben auch ein Wimmelbild einer in die Jahre kommenden Berliner Bohème. Die Wege von Schriftstellern, Journalisten und Akademikern kreuzen sich hier, und nicht selten wundern sie sich wechselseitig über einander. Und so intim die eine oder andere Begegnung auch erscheinen mag, ergibt sich daraus kein Schlüsselroman, weil alles Hingeschriebene der unaufgeregten und eigenwilligen Diktion Michael Rutschkys unterworfen wird.

Man liest nicht ohne Bestürzung vom Eheleben der Rutschkys, die lange als intellektuelles Vorzeigepaar galten. Im Alltag drohen sie an Eifersucht, Neid und Konkurrenz zu scheitern. Katharina Rutschky leidet an Schreibhemmungen und scheint diese mit Alkohol zu bekämpfen. Es sind Szenen einer Ehe, die Michael Rutschky schonungslos preisgibt. 2010 stirbt Katharina an den Folgen einer Darmkrebserkrankung.

Es fällt mitunter schwer, sich der Aneinanderreihung so vieler düsterer Geschehnisse zu stellen. Für den philologisch versierten Kurt Scheel ist „Gegen Ende“, so schreibt er im Vorwort, „ein Blick in den schwarzen Spiegel der Depression“. Rutschky sei schlecht gealtert, die Haltung, die er vielen seiner Freunde gegenüber einnehme, könne als „unwohlwollend“ bezeichnet werden. Das ist zweifellos richtig, doch es verkennt den weiterhin neugierig-abgeklärten Gestus, mit dem Rutschky sich und seiner Umgebung beim Vervollständigen der Lebensromane zusieht, die nicht selten auf Verklärung hinauslaufen. Eine Methode, die er sich selbst nicht gestattet.

Die Qualität dieser Tagebücher besteht denn auch in der Art und Weise, in der das Autor-Ich, das auch im Tagebuch kein authentischer Erzähler ist, die Tagesreste aufsammelt und sie zum Stoff für Fiktionalisierungen oder soziologische Deutungen macht. Rutschky war zeitlebens ein guter Zuhörer, der sich auch das von anderen Mitgeteilte literarisch anzueignen verstand. Selbst das Unerbittliche und Schreckliche geraten so in die Schwebe, es könnte alles auch ganz anders gewesen sein.

Es gibt ein Foto des Fotografen Rutschky, das die Beine von Passanten auf einer Rolltreppe zeigt. „Da sind sie, die anderen Leute“, hat Rutschky darunter geschrieben und ergänzt fragend: „Bin ich nun für oder gegen sie?“ Mit diesem unentschieden-soziologischen Blick lassen sich auch die Tagebücher lesen. Michael Rutschky hat ein aufregend-verstörendes Werk hinterlassen, das in der gedruckt vorliegenden Form nur einen Bruchteil der Aufzeichnungen wiedergibt. Der vollständige Nachlass, dessen literaturhistorische Bedeutung bereits jetzt zu erahnen ist, befindet sich in der Obhut der Akademie der Künste und kann per Antrag eingesehen werden. Ich werde damit aber wohl noch etwas warten.

Michael Rutschky:Gegen Ende. Mit einem Vorwort von Kurt Scheel und einem Nachwort von Jörg Lau. Berenberg, Berlin 2019. 360 S., 24 Euro. Das Buch erscheint am 5. März.

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