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Michael Jürgs, hier bei einer Veranstaltung 2016.

Nachruf

Zum Tod von Michael Jürgs

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Er interviewte Romy Schneider, schrieb einen Bestseller über Springer, stritt mit Grass: 74-jährig ist der streitlustige Journalist und Publizist Michael Jürgs gestorben.

Als Michael Jürgs vor wenigen Tagen mit dem Theodor-Wolf-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, konnte er die Auszeichnung schon nicht mehr entgegennehmen. Sichtlich bewegt verlas Matthias Döpfner, der Vorsitzende des Zeitungsverleger-Verbandes BDZV, die letzte Botschaft des Geehrten. Er sei traurig, nicht dabei sein zu können. „Ich hätte Sie alle, euch alle, gerne nochmal gesehen. Ging leider nicht.“

Es war der wehmütig-lakonische Abschiedsgruß eines Kollegen, der durch seine Neugier und Vielseitigkeit über Jahrzehnte eine enorme Gegenwärtigkeit ausgestrahlt hatte. Auf nicht gerade charmante Weise war er damit sogar zu einer weithin beachteten Filmfigur geworden, verkörpert durch den Schauspieler Robert Gwisdek. Der spielt Michael Jürgs als sensationslüsternen Gesellschaftsreporter, der für das Magazin „Stern“ ein Interview mit Romy Schneider führt und deren durch Alkohol und Drogen gelockerte Bereitschaft zum Seelenstriptease ungeniert ausnutzt. Emily Atefs Film „3 Tage in Quiberon“ war 2018 der deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, und er ist nicht nur ein schonungsloses Porträt über Romy Schneider kurz vor deren Tod, sondern verweist auch auf die Abgründe des Boulevardjournalismus, der für Michael Jürgs jedoch nur vorübergehende Phase seines abwechslungsreichen Schaffens war.

Der kurz vor Kriegsende 1945 in Ellwangen geborene Jürgs volontierte nach einem abgebrochenen Politikstudium bei der Münchener „Abendzeitung“ und wurde dort 1968 Feuilletonchef im Alter von nur 23 Jahren. Kein Posten, auf dem einer wie er sich lange aufhalten wollte.

Anfang der siebziger Jahre wechselte Jürgs zum Verlag Gruner + Jahr und wurde dort 1976 Unterhaltungschef des „Stern“ und ein Jahrzehnt später dessen Chefredakteur. Nach seiner Entlassung beim „Stern“ infolge eines Konfliktes mit dem Verleger Gerd Schulte-Hillen über einen Artikel zur deutschen Wiedervereinigung verlegte sich Jürgs neben Moderationen in der NDR-Talk-Show auf das Schreiben von Sachbüchern und Biografien, sein Buch über den Verleger Axel Springer wurde zum Bestseller, der später mit Heiner Lauterbach in der Rolle des Verlegers auch verfilmt wurde.

Eine 2007 erschienene Biografie über Günter Grass führte nach Bekanntwerden von dessen Mitgliedschaft in der Waffen-SS zum Streit mit dem berühmten Schriftsteller, dem Jürgs vorhielt, diese wichtige Information bewusst verschwiegen zu haben.

Michael Jürgs war ein streitlustiger Journalist, der sich stets für die Tugenden seines Berufs stark machte. „Die Sprache ist für einen Journalisten eine faszinierende Geliebte. Sie müssen sie jeden Tag aufs Neue erobern. (...) Aber die Recherche muss halt stimmen“, sagte er unlängst dem „Spiegel“.

Am Donnerstag ist Michael Jürgs an den Folgen einer Krebserkrankung im Alter von 74 Jahren gestorben.

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