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Michael Degen: Wenn es um ihn selbst ging, war er eher still

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Von: Harry Nutt

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Michael Degen 2006 am Set der Komödie „Die Hochzeit meiner Mutter“. Foto: dpa
Michael Degen 2006 am Set der Komödie „Die Hochzeit meiner Mutter“. © dpa

Der Schauspieler, der über die Geschichte triumphierte, wird heute 90 Jahre alt. Von Harry Nutt

Am Anfang ist da diese Ohrfeige, ein kleiner Junge, der seine Mutter schlägt. Es ist die Urszene eines Films, der schockartig verdeutlicht, dass die herkömmlichen Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt sind. Die Mutter in dem Film „Nicht alle waren Mörder“ ist Nadja Uhl, den Jungen spielt Aaron Altaras, Sohn der Schauspielerin Adriana Altaras. Er war elf, als er in die Rolle des jungen Michaels schlüpfte, der die Mutter mit dem Schlag ins Gesicht erst wachrütteln musste, damit sie sich selbst und ihren Sohn vor einem Suchtrupp der SS im Berlin der 1940er-Jahre in Sicherheit bringt.

Sicherheit? Das ist ein trügerisches Wort in der Geschichte, die Michael Degen 1999 als Überlebenskampf im nationalsozialistischen Berlin erzählt hat. 2006 wurde sie von Jo Baier auf eindrucksvolle Weise verfilmt, gerade auch, weil es ihm gelungen war, die gängigen Klischees der existenziellen Not angesichts der Verfolgung durch die Nazis zu meiden.

Bedürfnis nach Entlastung

Michael Degen war fast 70, als er seine Geschichte von der Flucht vor Entdeckung, die er in wechselnden Verstecken durchlitt, einer breiten Leserschaft preisgab. Der Titel hatte etwas erstaunlich Versöhnliches, für uns, die nichtjüdische Restgesellschaft, die längst danach gierte, von Menschen wie dem kleinen Michael zu hören, der nicht zwangsläufig den Tod fand wie die tragisch-berühmte Anne Frank. Das Bedürfnis nach Entlastung von der historischen Schuld ist anhaltend groß und keineswegs auf die Tätergeneration beschränkt. Für Michael Degen aber ging es um die Vervollständigung einer Biografie mit jüdischen Wurzeln, die kundzutun er sich in seiner langen Karriere als Schauspieler allzu oft verkniffen hatte. Leider nicht grundlos. Als Degen 1986 öffentlich gegen ein Treffen der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ protestierte, erhielt er Morddrohungen, seine Hamburger Wohnung wurde verwüstet. In der öffentlichen Wahrnehmung aber blieb Michael Degen der vornehm zurückhaltende Mann, den er in zahlreichen Serien und Krimis verkörperte. Wenn es um ihn selbst ging, war er eher still.

Beim Besuch einer Jüdischen Gemeinde, etwa in Frankfurt am Main, hörte er lieber anderen zu, zum Beispiel der kürzlich im Alter von 99 Jahren verstorbenen Trude Simonsohn, Zeitzeugin des Holocaust. Michael Degen sucht Begegnungen wie diese, wohl auch deshalb, weil in dieser Umgebung niemandem etwas erklärt werden musste.

Michael Degen wurde 1932 als Sohn des Professors und späteren Kaufmanns Jacob Degen und dessen Frau Anna in Chemnitz geboren. Ein Jahr später zog die Familie bereits nach Berlin, während der ältere Bruder Michaels über Dänemark und Schweden nach Palästina geschickt wurde, um ihn dem Zugriff der Nazis zu entziehen. Der Vater wurde 1939 im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg interniert, nach seiner Entlassung starb er an den durch Folter erlittenen Verletzungen. Danach begann die Fluchtgeschichte mit der Mutter quer durch Berlin, die schließlich in Kaulsdorf mündete, wo beide einer Laubenkolonie Unterschlupf fanden und Terror und Krieg gleichermaßen überlebten. Michael Degen war 14, als er mithilfe eines Stipendiums eine Schauspielausbildung am Deutschen Theater beginnen konnte. Nach zwischenzeitlichem Aufenthalt in Israel, wo er durch seinen Bruder Neuhebräisch lernte und weiter Theater spielte, kehrte er nach Berlin zurück und trat in das Ensemble von Bertolt Brecht am Deutschen Theater ein. Bald darauf folgten zahlreiche Bühnenengagements, darunter bei Großmeistern wie Ingmar Bergman und Claude Chabrol.

Spätestens seit Beginn der 1980er-Jahre wurde Degen zu einem Gesicht des Fernsehens, etwa durch die Serie „Diese Drombuschs“, vor allem aber als Vice Questore Patta, dem Polizeipräsidenten, in den in Venedig spielenden Donna-Leon-Krimis an der Seite von Uwe Kokisch als Kommissar Brunetti. Der Questore ist die etwas beflissen-steife Gegenfigur zu Brunetti, ein kauziger Herr mit liebenswerten Marotten, immer um das Ansehen des Amtes bemüht. Die Rollen in trivialen Unterhaltungsserien wie „Klinik unter Palmen“ scheut Michael Degen nicht, haben sie ihm doch auch die Unabhängigkeit ermöglicht, an schwierigen historischen Stoffen mitzuwirken wie dem Film „Babij Jar – das vergessene Verbrechen“, eine deutsch-belarussische Koproduktion des amerikanischen Regisseurs Jeff Kanew, nach einem Drehbuch des Berliner Filmproduzenten Artur „Atze“ Brauner.

Als Altersrollen für Michael Degen kaum mehr zu vermeiden waren, sah man ihn oft in der Rolle jüdischer Bürger, etwa als der Zionist Kurt Yehuda Blumfeld in dem Film „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta von 2012. Festlegungen dieser Art aber waren nicht seine Sache, und so hatte Degen es sich bereits in den 1980er-Jahren nicht nehmen lassen, in Michael Kehlmanns Film „Geheime Reichssache“ Adolf Hitler zu spielen. Es gehört nun einmal zu den größten Geschenken der Schauspielkunst, über die Geschichte triumphieren zu können. Michael Degen, der dieses Geschenk gern und oft weitergeben hat, wird am heutigen Montag 90 Jahre alt.

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