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Mit Megafon: Laibach-Sängerin Mina Špiler am Mittwoch bei ihrem Berliner Konzert.
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Mit Megafon: Laibach-Sängerin Mina Špiler am Mittwoch bei ihrem Berliner Konzert.

Laibach-Konzert im Berghain

Metaphysik und Melancholie

  • VonJens Balzer
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„Kunst, Kunst, es ist wohl Kunst“: die slowenische Synthesizerpopgruppe Laibach spielte im Berghain. Die erotischste Stelle des Abends ist zweifellos jene, an der die tadellos frisierte Laibach-Sängerin Mina ?piler ein ganzes Lied durch ein Megafon hindurch singt.

Am Mittwoch hat die slowenische Synthesizerpopgruppe Laibach im Berliner Berghain ein rundum gelungenes Konzert gegeben; in kurzweiliger Weise wurden dabei ältere Laibach-Erfolge wie „Leben heißt Leben“ und „Geburt einer Nation“ mit neueren Kompositionen verbunden sowie mit einer Bühnenshow, in der die für Laibach seit je her charakteristische Komparatistik totalitärer Zeichensysteme ebenso zum Tragen kam wie die neuerdings bei der Band verstärkt zu beobachtende Geisteshaltung des Existenzialismus.

Der Abend beginnt damit, dass man auf dem Weg zum Berghain an einigen jungen Menschen in silbrigen Kostümen vorbeikommt. Sie hüpfen in geschmeidiger Weise umher und halten dabei Schilder in die Höhe, auf die sie in bunter Glitzerfarbe das Wort „Kunst“ gemalt haben; dazu rufen sie „Kunst, Kunst, es ist wohl Kunst“. Was sind das für Leute und worauf wollen sie an dieser Stelle hinaus? Drinnen erfahre ich, dass sie sich früher am Abend als Mitglieder einer „linken Gruppe“ vorgestellt haben, die dagegen protestieren, dass Laibach unter dem Mäntelchen des Kunstbegriffs rechte Propaganda betreiben.

Was die Frage aufwirft, ob eine Protestaktion wirklich optimal formuliert ist, wenn sie dem Betrachter keine unmittelbare Entschlüsselung der die Aktion veranlassenden Botschaft erlaubt, sondern ihn vielmehr auf die erläuternde Interpretation der Kritik durch die Kritisierten selber angewiesen sein lässt. Ich meine, dass die Antwort hier „Nein“ lauten muss.

Walter Ulbricht

Zu den ersten Besuchern, die mir im ausverkauften Berghain dann über den Weg laufen, zählt der legendäre Hamburger Musiker Ditterich von Euler-Donnersperg, auf dessen Label Walter Ulbricht Schallfolien 1985 das erste Laibach-Album in Deutschland erschien, unter dem Titel „Rekapitulacija 1980 – 1984“. Neben Laibach verlegte von Euler-Donnersperg seinerzeit auch eine erfolgreiche Folkloregruppe mit dem Namen Liedertafel Margot Honecker, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das damals bereits nahezu historisch gewordene Liedgut der Freien Deutschen Jugend für ein westliches Poppublikum aufzubereiten.

Auch kandidierte er unter dem Namen Dr. Kurt Euler – freilich erfolglos – für die von ihm gegründete Kommunistische Einheitspartei Deutschlands 1987 um die Hamburger Bürgermeisterschaft; zu den zentralen Programmpunkten des KED-Programms gehörten ein regelmäßiges Frisiergebot für Männerbärte sowie der entschlossene Widerstand gegen das „Nasch- und Gaukelwerk“ des, wie man damals irrigerweise annahm, sich in seiner Spätphase befindenden Kapitalismus; ein Forderungskatalog, der für die Mitglieder jedweder „linken Gruppe“ auch heute noch unterzeichnungsfähig sein sollte.

Nazis auf dem Mond

Das Konzert im Berghain beginnt dann im übrigen mit einer Coverversion des Glam-Rock- und Power-Pop-Klassikers „The Final Countdown“ von der schwedischen Gruppe Europe. Laibach-Sänger Milan Fras trägt seit dreißig Jahren ein und dieselbe Fliegerkappe und sieht dabei noch immer so aus wie der Peanuts-Hund Snoopy in seiner Verkleidung als Baron von Richthofen. Die erotischste Stelle des Abends ist aber zweifellos jene, an der die tadellos frisierte Laibach-Sängerin Mina ?piler ein ganzes Lied durch ein Megafon hindurch singt.

Neben zahlreichen weiteren Cover-Versionen werden einige Lieder aus dem von Laibach komponierten Soundtrack zu dem Kinofilm „Iron Sky“ aufgeführt, in dem es um Nationalsozialisten auf dem Mond geht. Auf einer großen Leinwand über der Bühne laufen kurze Szenen aus dem Film, insbesondere dann aber in voller Länge der Abspann; so wird das Werk gewissermaßen von seinem Ende her aufgeführt und der Betrachter dabei zugleich auf seine eigene Endlichkeit verwiesen. Endlichkeit spielt generell eine große Rolle an diesem Abend.

Je tanzbarer die Lieder werden, desto trauriger wirken sie auch; und in den Videofilmen über der Bühne sieht man die Musiker meist als winzige Menschlein bei widrigem Wetter durch unwirtlich-monumentale Landschaften stapfen. So wirkt der martialische Auftritt von Laibach neuerdings wie mit melancholischem Reif überzogen. Das heißt: Auch wenn man sein künstlerisches Dasein durchweg mit den schweren Zeichen der totalitären Metaphysik – und das heißt ja immer auch: Todesverdrängung – verbringt, holt einen das Bewusstsein des eigenen Todes doch irgendwann unweigerlich ein.

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