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Stuttgart, 8. Juli 2006. Der Mann (mit Rücken) ist Bundestrainer Joachim Löw.

Abgesänge

Merkel und Löw müssen weg

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Müssen Kanzlerin Merkel und Bundestrainer Joachim Löw abtreten? Wovon geredet wird, und warum so mancher jemandes Zeit für abgelaufen erklärt.

Aus, aus, aus. Seine Zeit ist um. Das sagt derzeit fast jeder. Kaum jemand, der sich für Fußball interessiert, glaubt noch daran, dass der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw die von ihm einbestellten Spieler noch einmal zu Höchstleistungen anspornen kann. Selbst Menschen, die sich nicht für Fußball interessieren, sehen das so, obwohl es ihnen eigentlich egal ist. Es lässt sich ungeschützt behaupten, und es gilt als eine Art Selbstbeweis unbedingter Gegenwärtigkeit, ganz genau zu wissen, was an der Zeit ist und was nicht. Und dass Löws Zeit abgelaufen ist, lässt sich sogar empirisch belegen. Noch nie hat eine deutsche Fußballnationalmannschaft sechs Spiele in einem Jahr verloren, nie zuvor war sie bei einem WM-Turnier als Gruppenletzter ausgeschieden. Die Zeit des verantwortlichen Übungsleiters ist also abgelaufen, und wer es sagt, behauptet das nicht nur, sondern erhebt den Anspruch auf historische Faktizität.

Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die mir eine Kollegin erzählt hat, die aus dem fränkischen Herzogenaurach stammt, wo eine große deutsche Sportschuhfirma ihren Stammsitz hat. Als Jugendliche hat sie in einem Hotel gejobbt, in dem die DFB-Elf wiederholt für die Zeit eines Trainingslagers untergebracht war. Der Trainer hieß Helmut Schön und erbat abends von dem Zimmermädchen, wie es damals wohl noch hieß, eine Wärmflasche. Sie dürfe aber auf gar keinen Fall irgendjemanden etwas davon erzählen. Helmut Schön fürchtete, sollte diese Information je an die Öffentlichkeit gelangen, dass er alsbald zum „alten Eisen“ abgestempelt werden würde. Das Zimmermädchen hielt dicht, zumindest für sehr lange Zeit. Gut für Helmut Schön. Er wurde mit seiner Mannschaft bald darauf Weltmeister und beschied wenig später höchst persönlich, dass seine Zeit abgelaufen sei und er gedenke, das Amt an seinen langjährigen Assistenten Jupp Derwall weiterzureichen.

Demokratische Restlaufzeit

Merkel muss weg. Das finden inzwischen nicht mehr nur jene, die krakeelend durch Dresden und andere Städte laufen. Ihre Zeit sei abgelaufen, schreiben inzwischen auch viele Kommentatoren. Was jetzt noch kommt, ist demnach eine Art demokratische Restlaufzeit, die ihr wohl auch deshalb gestattet wird, weil zum entschlossenen Machtwechsel, wie Merkel ihn einst selbst gegen ihren Mentor Helmut Kohl eingeleitet hat, in der CDU kaum jemand in der Lage ist. Prätorianer sind, selbst wenn sie zum politischen Mord neigen, nicht unbedingt mutig.

Der apodiktische Ton, in dem festgestellt wird, dass jemandes Zeit abgelaufen sei, hat etwas Herrisches, erst recht, wenn es, wie in den genannten Fällen, noch nicht ganz ausgemacht ist, ob eine Ära, die der Einfachheit halber an eine einzelne Person geknüpft wird, endet. 

Auffällige Modernisierungswut

Als sich die Kanzlerschaft Helmut Kohls in den späten 90er Jahren tatsächlich ihrem Ende zuneigte, war viel vom Reformstau die Rede. Es war die Metapher für eine mechanische Blockade in den politischen Entscheidungsprozessen, die, so die Vermutung, nicht zuletzt auch an Kohls Person gebunden war. Letztlich enthielt die Klage über den Reformstau wohl auch die Botschaft: Kohl muss weg. Der Abschied vom ewigen Bundeskanzler aber vollzog sich dann ganz demokratisch über die Wahlniederlage an einem Septembertag des Jahres 1998, den der Dichter Thomas Brasch ahnungsvoll in dem Gedicht „Der schöne 27. September“ angerufen hatte.

Die abgelaufene Zeit, die in den Fällen Löw und Merkel konstatiert wird, ist Ausdruck einer auffälligen Modernisierungswut. „Weg da, Platz da“ rufen immer mehr, die sich zu dezisionistischem Handeln ermächtigt fühlen. Etwas soll jetzt und sofort eintreten, es geht darum, die in der Regel sich sehr langsam vollziehenden institutionellen Abläufe abzukürzen. 
Wer das vorzeitige politische Ende von Angela Merkel in scharfer Diktion herbeiruft, betrachtet sich als aktiver Part eines Tuns, durch das man in den Genuss eines revolutionären Grundrauschens zu kommen vermag. Indem man die Zeit eines anderen für abgelaufen erklärt, wirft man sich in diese Pose eines Agitators, der sich durch bloße Meinungsbekundung auf die richtige Seite begibt und als jemand inszeniert, der in der Lage ist, über das Schicksal anderer zu entscheiden. Eine machtvolle Geste, die meist doch nur die eigenen Unterlegenheitsgefühle kompensiert.

Niedergang und Schuldkomplex

Das Gefühl von der abgelaufenen Zeit hat derzeit Konjunktur. Es stellt sich ein gegenüber verschwindenden Kulturmarken wie zuletzt die Musikzeitschrift Spex, was dann im Kontext einer ökonomischen Zwangsläufigkeit erscheint. Oder man bezieht es auf die Volksparteien, insbesondere auf die SPD, wobei der Niedergang sogleich in einem tragischen Schuldkomplex verortet wird, der je nach Perspektive Mitleid oder Schadenfreude auslöst. Immer seltener aber wird Politik als Austragungsort von Widerstreit, Vernunft und Zurechnungsfähigkeit betrachtet. 

Die lustvollen Abgesänge auf dies und das und diesen und jenen sollten allerdings nicht verwechselt werden mit jener Idee, die der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter unter dem Begriff der schöpferischen Zerstörung zusammengefasst hat. Schumpeter verwies in seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ von 1942 auf die durch die kapitalistische Dynamik erzeugten Zerstörungsprozesse, die nicht selten auch Platz schafften für neue Kombinationen. Heute wird man indes den Eindruck nicht los, dass zwar viel von Dämmerung und Zeiten die Rede ist, die vorbei sind. Aber nur selten wird dabei erkennbar, dass sich dahinter etwas Neues auftut, dass mit dem Adjektiv schöpferisch zu bezeichnen wäre. Wer die Zeit eines anderen für beendet erklärt, ist darum bemüht, im Gespräch zu bleiben, hat aber meist selbst keine Idee.

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