Merkel und die DDR

Merkel merkelt ihre Vergangenheit weg

Merkel als Mitläuferin: Noch ein Versuch, die DDR wegzuwurschteln und ihre Symbole zu verbieten. Ein Beitrag zur Kultur des Erinnerns.

Von Dirk Pilz

Merkel als Mitläuferin: Noch ein Versuch, die DDR wegzuwurschteln und ihre Symbole zu verbieten. Ein Beitrag zur Kultur des Erinnerns.

Angela Merkel hat jüngst einen bezeichnenden Satz gesagt, bezeichnend für ihr Geschichtsverständnis, bezeichnend auch für die deutsch-deutsche Bewusstseinslage: „Dann kann man damit auch leben.“

Damit kann man leben: Eine neu erschienene Biographie wirft Merkel vor, in der DDR keineswegs eine harmlose FDJ-Funktionärin gewesen zu sein, sie habe sich nicht um „Kultur“, sondern um „Agitation und Propaganda“ gekümmert. So genau könne sie sich nicht erinnern, erwiderte die Kanzlerin darauf: „Und wenn sich jetzt was anderes ergibt, dann kann man damit auch leben.“ Sicher kann man das. Sie kann es, ein ganzes Land kann es. Es hat sich seit der Wiedervereinigung zwar viel ergeben, das anders ist als das ost- wie westdeutsche Gedächtnis glauben machen will; aber alles wurde irgendwie merkelmäßig weggewurschtelt.

Im deutsch-deutschen Erinnerungsraum tritt die DDR heute entsprechend als eine zwar unschöne, aber nicht besonders schlimme Erfahrung auf, etwas, mit dem „man“ leben kann. Es gibt die zu Spektakeln aufgebauten Spitzel-Storys, es gibt die gut ausgemalten Opfergeschichten, und es gibt die Stasiunterlagenbehörde. Der Rest wird mit kommunikativen Beschweigen bemäntelt.

Man kann das begrüßen. Erinnerung hilft nicht automatisch dem Zusammen- und Weiterleben in einer Gesellschaft. Weder ist Verdrängung immer schädlich noch Erinnerung immer gut. Keine Beziehung kommt ohne Vergessen und Vergeben aus, auch nicht die deutsch-deutsche.

Es bleibt nur die Frage, wie es sich lebt, wenn die Erinnerung das Gewesene zur Unkenntlichkeit vergröbert, wenn es egal ist, dass sich „was anderes ergibt“. Welches Miteinander daraus entsteht, welche Zukunft. Es bleibt die Frage, was diese DDR überhaupt war. Weit sind wir bei den Antworten bislang offenbar nicht gekommen, wir alle, die in diesem wiedervereinigten Land leben.

Und Merkels weitgehend unwidersprochen gebliebener Satz besagt ja zudem: Man muss auch nicht weiterkommen, genauerer Erinnerung bedarf es nicht. Denn wie es auch gewesen sein mag, man könne schon irgendwie damit leben. Als ob es einerlei sei, wer was und warum damals getan oder nicht getan hat. Als ob nicht die Mutigen auch in der DDR bis zum Schluss eine Minderheit waren. Als ob es nicht 2,32 Millionen SED-Mitglieder gegeben hätte. Als ob nicht über 90 Prozent der Sechs- bis Sechzehnjährigen in den Pionier- und FDJ-Organisationen gewesen wären. Aber bitte, das soll nicht heißen, dass es nicht auch mutige Pioniere, FDJler oder SED-Mitglieder gegeben hat.

Es regiert die Obrigkeitsgläubigkeit

Es dominieren derzeit zwei Varianten, mit dieser DDR-Vergangenheit umzugehen; beide sind symptomatisch für den deutsch-deutschen Erinnerungsstand. Stellvertretend seien hier zwei Stimmen aus der medialen Öffentlichkeit genannt: Dem Tagesspiegel ist mit Blick auf die DDR kürzlich doch tatsächlich aufgefallen, dass es in jeder Geschichtserzählung Platz für „Zwischentöne“ brauche, wenn man Vergangenheit verstehen wolle.

Nur so könne man hinter das „Geheimnis“ kommen, wie es einer Handvoll alter Männer gelingen konnte, 16 Millionen Menschen 40 Jahre lang einzusperren. Es gibt keine Pflicht sich diesen Fragen zu widmen; es ist allerdings bezeichnend, dass sie sich der nachhinkenden Öffentlichkeit erst stellen, nachdem die Kanzlerin gesprochen hat. Ihrer Vergangenheit widmet der Tagesspiegel nun eine ganze Serie – noch in der Erinnerung regiert die Obrigkeitsgläubigkeit.

Eine andere Tageszeitung, Die Welt, hat jüngst euphorisch die Forderung der Jungen Union begrüßt, das Tragen von DDR-Symbolen gänzlich zu verbieten. Es dürfe nicht vergessen werden, dass diese Symbole nicht nur für die Verbrechen stehen, die von der SED-Diktatur zu verantworten sind, sondern für das System des Weltkommunismus insgesamt, das etwa 100 Millionen Opfer produziert hat. Als ob von Touristen, Ostalgikern und Ironikern, die diese Symbole größtenteils tragen, ähnliche Gefahren ausgingen wie von Nazis, die NS-Symbole zeigen. Als ob mit solchem Verbot außer Gräben im deutsch-deutschen Miteinander irgend etwas gewonnen wäre.

Auf der einen Seite gewinnt man den Eindruck, 1989 sei erst letztes Jahr gewesen, auf der anderen, es herrsche noch immer Kalter Krieg. Die deutsch-deutsche Bewusstseins- und Gedächtnislandschaft ist augenscheinlich in einem erbärmlichen Zustand. Aber wie weiter? Brauchen wir noch mehr Gedenkstätten und Geschichtsbücher? Hilft es, in historischen Wunden zu bohren?

Vor drei Jahren habe ich in dieser Zeitung geschrieben: Die DDR war ein Unrechtsstaats. Zwanzig Jahre danach sei es Zeit, nach den gewöhnlichen Ostdeutschen zu fragen. Nach der seltsamen Stabilität eines diktatorischen Regimes, das ohne schwierige oder billige Kompromisse, ohne kollektives Wegschauen und allseitiges Mitmachen nicht bestanden hätte. Aus der Masse an Leserbriefen, die damals eintrafen, sprach vor allem Frust und Verbitterung. Als ob seit 1989 nicht zwei Jahrzehnte vergangen wären. Als ob die Erinnerung festgefroren wäre.

Nicht uniformierter Unrechtsstaat

Es gibt viele Gründe dafür. Einer ist, dass die DDR zwar ein Unrechtsstaat, aber das Leben in ihm nicht uniformiert war. Es kam auf den unteren Etagen der Diktatur, im Alltag, immer auch auf den Einzelnen an. Meinem Klassenlehrer in einer sächsischen Kleinstadt habe ich zu verdanken, dass ich zum Abitur kam. Wie meine älteren Geschwister war ich weder Pionier noch in der FDJ, nicht aus politischen, sondern aus religiösen Gründen. Meinen Geschwistern wurde das Abitur verwehrt, mir nicht. Weil ich einen Klassenlehrer hatte, der das durchgesetzt hat. Ein einzelner Mensch hat viel verändert.

So unterschiedlich war das Leben im Unrechtsstaat; entsprechend differenziert muss auch erinnert werden. Denn der genaue Blick ergibt anderes, mit dem man entsprechend anders lebt. Offenbar stehen wir damit noch bei Stunde Eins. Vor allem deshalb ist der gleichmacherische Satz Merkels verheerend. Nicht nur im Blick zurück. Wenn künftige Generationen fragen werden (sie werden fragen!), warum wir heute was und wie gemacht oder gelassen haben, wird es auch auf Genauigkeit ankommen, um unsere Gegenwart zu begreifen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion