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„Wenn die Vorträge nur aufgezeichnet und ins Netz gestellt würden, dann könnte ich sie mir in aller Ruhe zu Hause anschauen.“

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Menschenleer tagen

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Einen Vortrag kann man eigentlich ganz einfach nachlesen. Konferenzen mit Publikum haben trotzdem viele Vorteile.

Lange Zeit habe ich nicht an den Sinn von Tagungen geglaubt. „Was die Leute da vorne erzählen, kann ich doch viel schneller nachlesen“, dachte ich. Auf vielen Tagungen werden die Vorträge sowieso abgelesen, und wenn ich den Text in die Hand bekäme, könnte ich ihn sogar besser verstehen. Auch umgekehrt habe ich mir oft gewünscht, dass das Publikum einfach einen Text von mir liest, in dem ich – anders als bei meinen Vorträgen – nur selten die Hälfte der Argumente einfach vergesse.

Im Laufe der vergangenen Jahre wurden mir die Vorteile von Tagungen klarer. Wenn ich selbst vortrage, ist die Veranstaltung ein zuverlässiges Mittel gegen Prokrastination: Der Vortrag muss genau zu diesem Termin fertig sein, anders als bei Texten, wo die Redaktion meistens noch einen geheimen, manchmal mehrere Monate langen Puffer für unzuverlässige Leute wie mich vorgesehen hat. Ein Vortrag zwingt mich zu gründlicheren Erklärungen meiner Argumente, weil das Publikum sonst fragend schaut oder protestiert. Dieses lebende Publikum und die Verpflichtung, es nicht zu langweilen und zu verwirren, stehen mir schon bei der Vorbereitung mahnender vor Augen als zum Beispiel, ich muss es leider sagen, Sie als für mich unsichtbares Kolumnenpublikum. Womöglich denke ich mir Sie nur aus! Ich könnte zum Beispiel in diese Kolumne ein völlig sinnloses Wasserschwein einbauen, ohne auch nur ein Stirnrunzeln befürchten zu müssen. Und nicht zuletzt sind Vorträge meistens viel besser bezahlt als Texte. Das verschafft mir mehr Zeit, mich in ein Thema zu vertiefen.

Auch als Tagungszuschauerin habe ich dazugelernt. Früher dachte ich oft: „Wenn die Vorträge nur aufgezeichnet und ins Netz gestellt würden, dann könnte ich sie mir in aller Ruhe zu Hause anschauen.“ Seit viele Vorträge aufgezeichnet und ins Netz gestellt werden, weiß ich, dass ich mich dazu in knapp hundert Prozent aller Fälle niemals aufraffe. Selbst wenn ich einen Vortrag von mehreren Leuten empfohlen bekomme, bleibt es beim guten Vorsatz. Ich weiß jetzt, dass der Hauptvorteil einer Liveveranstaltung darin besteht, dass ich nur ein einziges Mal den Entschluss fassen muss, diesem Thema einen halben oder ganzen Tag zu widmen. Sobald ich dann vor Ort bin, sind keine weiteren Entscheidungen mehr nötig. Wenn ich die Texte einer Veranstaltung nachlesen, die Aufzeichnungen angucken oder einem Livestream folgen soll, muss ich mich alle paar Minuten neu entscheiden, weiter dabeizubleiben. Und da es auch in der besten Veranstaltung langweilige Phasen gibt, werde ich mich wahrscheinlich in einer davon „nur mal kurz“ ausklinken und nie wieder zurückkehren. Außerdem fehlen die Pausen, in denen bekanntlich auf jeder Tagung die eigentlich wichtigen und interessanten Dinge passieren.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

In diesen Wochen werden wegen der Coronavirus-Pandemie viele Konferenzen entweder abgesagt oder so umgestellt, dass sie ohne persönliche Anwesenheit funktionieren. Meine bisherige Erfahrung mit solchen Techniken ist gemischt: Zumindest bis 2019 gab es bei den Veranstaltungen, die ich besucht habe, nur etwa eine 50:50-Chance, dass Liveübertragungen zu Hause gebliebener Vortragender technisch halbwegs funktionierten, mit verständlichem Ton und sinnvoller Umschaltung zwischen Person und Präsentation.

Aber das liegt sicher daran, dass es bisher so selten vorkam. Den Redenden wie den Veranstaltungsteams vor Ort fehlt die Übung damit. Sobald solche Verfahren häufiger werden, sollte sich das ändern. Außerdem sind ganz neue Hilfsmittel denkbar: Vor einigen Jahren hörte ich bei einer Tagung einen Vortrag des Journalisten und Autors Dirk von Gehlen, der krankheitsbedingt nur als Liveübertragung auf einer Leinwand anwesend sein konnte. Während er sprach, stand am Podium ein Techniker, der an irgendwelchen Kabeln frickelte. Obwohl der Techniker sich keinerlei Mühe gab, wie ein Redner zu wirken, war die Illusion zwingend: Die Stimme kommt aus dem Menschen am Podium. Eine billige Möglichkeit zur Verschönerung von Remote-Vorträgen wäre es also, irgendjemanden auf die Bühne zu stellen, der dazu gestikuliert und gelegentlich aus einem Wasserglas trinkt. Die teure Variante ist ein persönlicher Vortragsroboter, wie er 2019 den Autor Thomas Melle im Theaterstück „Uncanny Valley“ vertrat.

Wie man sich als Fernpublikum dazu aufraffen wird, die ganze Zeit dabeizubleiben, weiß ich bisher noch nicht. Vielleicht brauchen wir spezialisierte Anbieter, bei denen man sich für einen Remote-Tagungsteilnahmetag in eine kleine Zelle einsperren lassen kann, um die Entscheidung nur ein einziges Mal treffen zu müssen. Dazu gibt es dünnen Kaffee und altbackene Butterbrezen, für das authentische Tagungsfeeling.

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