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Die Menschen streckten die Fühler der Welt entgegen

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Von: Arno Widmann

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Das „Neue Forum“ im Oktober 1989 in Ost-Berlin: Jens Reich zusammen mit Bärbel Bohley auf dem Podium.
Das „Neue Forum“ im Oktober 1989 in Ost-Berlin: Jens Reich zusammen mit Bärbel Bohley auf dem Podium. © dpa

Vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls: Der Mediziner und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Jens Reich über katastrophische Übergänge, über die Revolution von 1989 und über Metastabilität in natürlichen und in gesellschaftlichen Systemen.

Herr Reich, Sie erinnern sich an heute vor 25 Jahren?
Welchen haben wir denn heute?

Den 19. September.
Da stellten Bärbel Bohley und Jutta Seidel den Antrag auf die Zulassung des Neuen Forums. Nach dem Vereinsgesetz. Gleichzeitig stellten noch eine Reihe anderer Aktivisten den gleichen Antrag in vielen Bezirken der DDR. Die Anträge wurden schon am 21. September abgeschmettert.

Ich saß damals in Westberlin. Mir gefiel das Eulenspiegelhafte der Aktion sehr, dieses die Gesetze der DDR beim Wort nehmen.
In der Verfassung war Meinungsfreiheit garantiert. Formal war ja manches in Ordnung. Die erste Verfassung der DDR von 1949 folgte noch dem Ukas von Stalin, dass die bürgerlichen Kreise mitgenommen werden sollten. Ulbricht brachte das dann auf den Begriff, dass alles demokratisch aussehen, die Kommunistische Partei aber in Wahrheit alles kontrollieren solle. Diese Verfassung wurde dann mehrfach – sehr deutlich – geändert. Aber im Hintergrund galten noch viele der alten Regelungen. Wir bewegten uns strikt im Rahmen der Gesetze und beriefen uns auf den Artikel 29 der DDR-Verfassung: „Die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik haben das Recht auf Vereinigung, um durch gemeinsames Handeln in politischen Parteien, gesellschaftlichen Organisationen, Vereinigungen und Kollektiven ihre Interessen in Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Zielen der Verfassung zu verwirklichen.“

Das war in einem Staat der Diktatur des Proletariats eine schlitzohrige Idee.
Ich habe keine statistischen Erhebungen, die das stützen, aber ich glaube, dass der Gedanke, die Gesellschaft mittels der legalen Möglichkeiten zu öffnen, ganz erheblich dazu beitrug, dass so viele Menschen damals bereit waren, sich im Neuen Forum zu engagieren. Die Verfassung beim Wort nehmen, obwohl jeder wusste, dass sie so wörtlich nicht gemeint war, das war der Trick. Das machten damals viele so.

Es war sehr wirkungsvoll.
Überall rückten die Menschen den Parteisekretären auf die Pelle. Der Apparat wurde paralysiert von lauter meist höflichen Anfragen. Die Leute, die vor Ort etwas zu sagen hatten, bekamen keine Direktiven mehr aus Berlin, sie mussten selbst entscheiden, entschieden oft nichts. So entstand eine Art von Anomie, ein Zustand, in dem keine Gesetze, keine Normen mehr durchgesetzt wurden. Viele betrachteten das – und manche tun es noch heute – als das Jahr der fröhlichen Anarchie. Auf einmal war alles möglich. Die Medien begannen offen und interessant zu berichten. Die Modrow-Regierung (18. November 1989 – 12. April 1990) hatte das Land nicht mehr im Griff. In der Zeit bis zu den letzten Volkskammerwahlen (18. März 1990) und zur Bildung der Regierung de Maizière (12. April 1990) schien alles offen. Spätestens mit der Vereinigung (3. Oktober 1990), mit dem Anschluss, war es vorbei mit dem fröhlichen Karneval. Der war sehr faszinierend. Dass alles möglich schien und dass so viele die Chance nutzten, etwas möglich zu machen! Das war vielleicht einzigartig. Ich habe mich bei den Rebellionen in der arabischen Welt oft gefragt, warum das damals bei uns so glatt lief.

Wegen Gorbatschow?
Wegen der Situation in Europa, wegen der weltpolitischen Konstellation. Wie lange solche Bewegungen dauern können, weiß ich nicht. Menschen, die jahrelang – in der Öffentlichkeit – auf den Boden gesehen, ihren Blicken ausgewichen waren, sahen endlich einander an. Sie hatten das Gefühl, wie es bei Schiller heißt: Alle Menschen werden Brüder. Dieser Augenkontakt ist die minimalerotische Komponente des Zusammenlebens von Menschen. Wir sind darauf angewiesen.

Sie schwärmen von 1989?
Damals kamen die DDR-Bürger aus ihren Schneckenhäusern heraus. Sie streckten die Fühler der Welt entgegen. Sie wollten alles und sie wollten einander kennenlernen. Sie waren neugierig, voller Tatendrang. Das haben wir im Augenblick nicht. Das war 1989 völlig anders. Die Stimmung in der Bevölkerung war einfach ganz anders.

Aber ohne die politische Entwicklung, ohne Gorbatschow, hätte es diesen Stimmungsumschwung nicht gegeben?
Der 4. November, als Markus Wolf und Christa Wolf, als Heiner Müller, Günter Schabowski und Ulrich Mühe und alle die Anderen auf dem Alexanderplatz sprachen, war ein Höhepunkt dieser Entwicklung. Vielleicht war es schon der Schlusspunkt. Danach wurde dieser Aufbruch politischer. Er sprengte den Rahmen der Lebenswelt. Er wurde globalpolitisch interessant. Dass angesichts dieser Entwicklung die Staatsorgane der DDR und auch die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland ruhig blieben, das war – ich bin versucht zu sagen – kontingent. Das hätte auch ganz leicht anders ausgehen können.

Im Juni hatte die chinesische Führung den Protest auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammenschießen lassen.
Daran dachte damals jeder. „Keine Gewalt!“ war genau darum eine der zentralen Parolen und wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe der Demonstranten. In Leipzig wurden Hitzköpfe und Angetrunkene, wenn man an der Runden Ecke, der Stasizentrale der Stadt, vorbeizog, bei Seite geführt. Man tat alles, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Es hat in Dresden, Leipzig, Plauen und Berlin ja nicht an massiven Polizeieinsätzen gefehlt. Aber sie sahen sich nicht mehr in der Lage dazu, eine Diktatur mit Waffengewalt durchzusetzen. Das hing auch daran, dass die Sowjetunion die Demonstrationen duldete. Sie hätte ja noch nach Öffnung der Mauer dazwischenfahren können. Sie hatte die militärische Macht und sie hatte das formale Recht dazu. Die KSZE-Akte von Helsinki.

Fürchteten Sie das damals oder denken Sie das heute?
Wir haben damals sehr genau nach Moskau geschaut. Wir wussten, dass sich gegen Gorbatschow eine Opposition – bis hinein ins Politbüro – zu formieren begann. Ligatschow war deren Wortführer. Mir war klar, dass Gorbatschow auf einem Schleudersitz saß. Zwei Jahre später, im August 1991, ist es ja dann passiert. Die Gefahr, dass in Moskau alles kippen könnte, bestand fortwährend. Lothar de Maizière berief sich immer wieder darauf, um seine Politik des schnellen Anschlusses durchsetzen zu können.

War es angesichts dieser Lage nicht doch vernünftig, die Einheit möglichst schnell über die Bühne zu bringen?
Ich hatte seit 1961, seit dem Mauerbau, unter der Teilung Deutschlands gelitten. Ich fühlte mich abgeschnitten von der Literatur, den Theatern, dem Kino und von den Gedanken, wie sie sich im Westen entwickelten. Ich bekam noch viel davon mit. Aber es war Zuschauen von draußen durchs Fenster. Ich war fest davon überzeugt, dass diese Teilung auf geschichtliche Dauer nicht zu halten sein werde. Das war eine Haltung, die ich auch bei vielen meiner sowjetischen und polnischen Bekannten antraf. Die lachten über gar zu beflissene Zwei-Staaten-Prediger. Aber 1989 dachte ich, wir dürften den Zustand, der so lange den Frieden in Europa gesichert hatte, nicht aufs Spiel setzen. Der einzig mögliche Weg schien mir der der Reformen innerhalb der bestehenden Staaten und gesellschaftlichen Systeme. So dachten wir damals.

Und heute?
Der Putschversuch von 1991 scheiterte. Nicht Ligatschow sondern Jelzin kam an die Macht. So eng war das Zeitfenster also nicht. Andererseits: Wenn die Sowjetarmee die Mauer wieder geschlossen hätte, weiß ich nicht, ob ihr die Befriedung der DDR-Bevölkerung gelungen wäre. Im Westen wären wohl auch wieder Panzer aufgefahren. Das alles diskutieren wir ja jetzt, wenn wir auf die Ukraine blicken.

Sprechen Sie bitte über die Ukraine!
Die Rückkehr zum die ganze Bevölkerung erfassenden großrussischen Chauvinismus in Putins Reich beunruhigt mich sehr. Einen Krieg loszutreten, um innenpolitisch punkten zu können, das ist eine beängstigende Entwicklung. Jetzt heißt es, Putin habe erklärt, er könne innerhalb von 24 Stunden die baltischen Länder besetzen. Ich weiß nicht, wie ernst das gemeint ist, ich weiß nicht einmal, ob Putin das wirklich gesagt hat. Aber solche Rechnungen – 24 Stunden für die baltischen Länder, 48 für Warschau – werden jetzt angestellt. Man denkt wieder in diesen Kategorien. Dazu kommt die Fütterung der russischen Bevölkerung – nicht nur in Russland – mit chauvinistischen Ideen. Das führt zu einer gefährlichen Fanatisierung. Ich muss mich beherrschen, mir nicht das Schlimmste vorzustellen. Vor ein paar Tagen habe ich meine Befürchtungen im Ossietzky-Kreis in Pankow lauter alten Bekannten vorgestellt. Da gab es massiven Gegenwind. Die stehen alle auf der anderen Seite. Sie sagen, der Westen sei schuld, man müsse begreifen, dass Moskau sich nur verteidige gegen die Expansion des Westens.

Was sagen Sie dazu?
Die OSZE muss halten. Keine territorialen Veränderungen ohne die Zustimmung aller Betroffenen und ausschließlich auf dem Verhandlungswege. Wie 1992 der Teilung der Tschechoslowakei. Keinesfalls so wie auf dem Balkan mit Kriegen und Bürgerkriegen. Das ist hier besonders schlimm, denn die beiden wichtigsten Argumente der Putin-Regierung – das war schon immer russisch und wir müssen unsere Landsleute verteidigen – treffen auf Estland, Litauen und Lettland genau so zu. Zur Zarenkrone zählten sie schon lange vor „Neurussland“. Kein Wunder, dass dort alle aufgescheucht sind. Sie haben ja ihre Erfahrungen – nicht nur mit Deutschland –, sondern eben auch mit Russland. Man kann diesen Ländern, also auch den Polen gegenüber, nicht im Ernst sagen: Ihr seid besser geschützt, wenn ihr in die Neutralität geht. Das sehen die ganz anders. Putin hat angefangen, wieder von Neurussland zu sprechen. Das war ein von Katharina der Großen besiedeltes Gebiet, das den gesamten Osten und Süden der heutigen Ukraine umfasst. Da müssen doch bei den Ukrainern die Signallampen aufleuchten. Es wäre so, als würden wir wieder von dem deutschen Territorium Ostpreußen und Schlesien reden. „Neurussland“ ist ein Brandsatz. Das geht nicht. Außerdem haben die Russen 1994 das Budapester Memorandum unterzeichnet, die Unverletzlichkeit der Ukraine also garantiert.

1989 war eine der aufregendsten Phasen Ihres Lebens. Ist aber nicht, was danach in ihrem Beruf passierte, nicht viel wichtiger? Zum Beispiel die Entzifferung des menschlichen Genoms im April 2003? War das nicht die viel größere Revolution?
Das ist klar. Worüber wir bisher gesprochen haben war, wie die Physiker sagen, zwar immerhin ein Phasenübergang, also wie der Übergang von Eis zu Wasser, aber sub specie aeternitatis lange nicht so aufregend wie das, was gerade vor unseren Augen passiert. Bis in die 80er Jahre hinein hat sich niemand vorstellen können, dass wir den chemischen Text, den Code unserer DNS, einmal lesen und sogar manipulieren könnten. Das war reine Science Fiction. Wissenschaftlich war das undenkbar. Dass wir heute in der Lage sind, das Genom eines jeden Lebewesens – nicht nur von Arten, sondern von jedem Individuum – aufzuschlüsseln, das erschien uns damals unmöglich. Uns, damit meine ich die Fachwelt, die Leute also, die überall in der Welt an der Enträtselung der Vererbung arbeiteten. Wie wird Konstanz und Variabilität der Arten gleichzeitig erreicht? Den Nobelpreis für die Polymerase-Kettenreaktion, mit der man DNS anhand einer textgenauen Matrize herstellen kann, hätte 1993 nicht Kary Mullis bekommen sollen, sondern das Geysirbakterium, das vor einer Milliarde Jahren das Enzym und dessen für sein Leben im kochend heißen Wasser notwendige Hitzestabilität des Eiweißes „erfunden“ hat, die sich gentechnisch nutzen lässt. Diese Technik, gezielt Erbinformation zu manipulieren, das ist eine Revolution, die derzeit stillschweigend in zehntausenden Labors weltweit stattfindet. Das wird bald intensiv in das Leben der Menschen eingreifen. Zusammen mit der Revolution der Informatik, die 1980 auch niemand vorhergesehen hätte. Ich war einer der ersten, der – seit den späten sechziger Jahren – Computer in der Biologie einsetzte, aber niemals, niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass wir in der Hosentasche Gigabytes herumtragen. Was wird werden? Wird das die Menschheit retten? Zerstören? Wird es etwas Neues geben: den Homo Cyborg?

Was wird in den Laboratorien gemacht?
Wir können das Genom eines jeden einzelnen Individuums aufschließen. Wir haben damit seine komplette Datenbank, wenn man so will, auf dem Stick. Die heutige Entwicklungsbiologie untersucht Embryonen von Lebewesen, deren Phänotyp man sehr genau kennt, irgendwelche Würmer oder Insekten. Man geht in den Körper, schaut, was passiert. Man löst ein genetisches Signal aus, und dann wachsen Flügel an Stellen, an die sie nicht hingehören oder Augen am Hintern. So lernt man, welche Steuerungsnetze die Entwicklung des Körpers bewirken. Welche Gene werden abgegriffen, wie interagieren die Gene miteinander? Verglichen mit diesen demiurgischen Aktivitäten, mit diesen Eingriffen in die Grundgesetze des Lebens, ist, was in der Ukraine passiert, ein Feierabendspaziergang. Ich kann da nur bedauern, dass ich alt bin und das nicht mehr miterleben werde. Das ist Faszination und Befürchtung zugleich. Es wird die Aufgabe meiner Kinder, ja erst meiner Enkel sein, damit fertig zu werden. Aber die Enkel sind schon da. Sie werden in dieser Welt der Genmanipulation neunzig oder einhundert Jahre alt werden. Vielleicht wird der natürliche Tod ganz abgeschafft sein. Was so etwas für die Menschheit bedeuten würde, darüber ist, seit es Menschen gibt, fantasiert worden, aber bald könnte es sein, dass wir das wirklich regeln müssen. Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hatten die Menschen am Anfang gegessen. Jetzt werden wir vom Baum des Lebens essen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Gehen Sie einmal nach Dahlem ins Max Planck Institut für Molekulare Genetik und lassen Sie sich zeigen, wie dort fließbandmäßig, gewissermaßen vollautomatisch mit riesigen Computern sequenziert wird. Lassen Sie sich die einzelnen Schritte erklären. Lassen Sie sich zeigen, dass es möglich ist, alle in einem Gewebsaufschluss schwimmenden Abermillionen von DNS-Bruchstücken absolut buchstabengetreu kopieren und dabei markieren lassen, so dass der Computer danach aus der Sequenz der Bruchstücke das extrem schwierige Puzzle der Gesamtinformation lösen kann. Dass das klappt, dass da die Natur nicht irgendwo aussteigt, sich wehrt, uns nicht mit geringen statistischen Unzuverlässigkeiten außer Gefecht setzt, wo sie doch sonst so großzügig mit Fehlern umgeht! Da sie kooperiert, das ist meine Philosophie, müssen auch wir es tun. Sie darf keinen Schaden nehmen durch das, was wir tun.

Aber ist die Natur nicht immer stärker als wir?
Es gibt leider Konstellationen, in denen wir ihr schaden können. Das hat die Ökologie uns beigebracht.

Das sind aber doch, wenn man von „der Natur“ spricht, minimale Oberflächenphänomene, nicht einmal ein Prozent der Fälle.
Sicher. Das Sonnensystem, das Weltall und so weiter. Da haben wir keinen Einfluss. Aber hier bei dem Insekt, dem wir Augen ans Hinterteil setzen, haben wir ihn. Aber natürlich sind wir selbst auch Natur. Auch unsere Fähigkeit, der Natur zuzusetzen, ist Natur. Sehen Sie sich um in Ihrem Büro. Keine Blume, keine Pflanze. Keine lebende, alles nur gemachte Natur. Die Bücher, die Möbel – von Menschen gemachte Natur. Wir sitzen in der zweiten Natur. Die ist gepumpt von der ersten. Dieses Kreditverhältnis können wir übertreiben. Dann kann das plötzlich sehr übel ausgehen. Denken Sie nur an Fukushima.

1989 ist für mich die Erfahrung, dass ein Zustand, den ich für unveränderbar – oder nur unter gewaltigem Druck für veränderbar – gehalten habe, in kürzester Zeit umkippen kann in einen völlig neuen.
Metastabilität nennt man das in der Physik. Nehmen Sie einen Ball in einer kleinen Mulde an einem Berghang. Wenn Sie ihn nur leicht schubsen, wird er immer wieder in die Mulde rollen. Sie halten das dann für seine stabile Position. Schubsen sie ihn aber über den Rand der Mulde hinaus, dann wird er den Hang hinunterrollen, bis er dort eine neue stabile Lage findet. Das zeigt, dass die Landschaft dem Ball alternativ mögliche stabile Zustände anbietet, die er durch äußere Störungen angetrieben erreichen kann. Es kann aber auch geschehen, vielleicht durch eine Erderschütterung, dass die ganze Landschaft ihre Oberfläche, ihr Gesicht, ändert. Dann kann der zuvor stabile Zustand instabil werden, und die geringste Störung stößt den Ball in ein neues, anderes Tal. Mögliche alternative Bewegungsformen und –zustände sieht man erst, wenn man das System stört. Qualitativ neue Zustände entstehen hingegen, wenn sich die zugrundeliegenden Parameter ändern. Bei Karl Marx sind die Produktivkräfte neben den Naturkonstanten die zugrundeliegenden Parameter, in den Produktionsverhältnissen und im politischen und kulturellen Überbau zeigen sich dann die metastabilen alternativen Zustände des Systems. In komplexen, nichtlinearen Systemen, in solchen also, in denen nicht mehr ein kleiner Schritt in der Ursache einen proportionalen Effekt in der Wirkung erzeugt, können sehr viele, ganz unterschiedliche stationäre Zustände möglich sein. Der Übergang vom einen zum anderen kann durch ein dem ganzen System äußerlichen Stoß, ein Signal, ausgelöst werden. Schlagartige Übergänge in dynamischen Systemen heißen in der Mathematik „katastrophisch“, in Marxens Gesellschaftsgebäuden „revolutionär“.

Ich habe Sie nach der Kippfigur 1989 gefragt, einem politischen, gesellschaftlichen Vorgang also. Sie haben mir ihn mit einem physikalischen Modell erklärt.
Ja, so sehe ich das. Ich habe mich mein Leben lang mit dem Energiestoffwechsel der lebenden Zelle beschäftigt. Ich habe gelernt, ihn mit einem System von Bewegungs-, also Differentialgleichungen zu beschreiben. Alle Elemente, die an diesem biochemischen Prozess teilnehmen, werden durch Variable und die Hintergründe durch Parameter beschrieben. Der Zustand des Systems wird also aus dem Zustand seiner Elemente, deren Eigenschaften, plus dem Bewegungszustand, aus dem man startet, beschrieben wird. Man analysiert die Unterschiede zwischen einer gesunden und einer kranken Zelle und die katastrophischen Übergänge von einem Zustand in den anderen.

Mit so einem Modell kann man auch 1989 beschreiben?
Es erleichtert mir zumindest das Verständnis von dramatischen Übergängen menschlicher Großsysteme.

Interview: Arno Widmann

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