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Louise Lecavalier und Rob Abubo in „Battleground“.

Tanzmainz

Mensch im Zufallsgenerator

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Das dritte Tanzmainz-Festival beginnt mit Wayne McGregors „Autobiography“ und Louise Lecavaliers „Battleground“.

Seit Jahren versucht der britische Choreograf Wayne McGregor, Wissenschaft – Neurologie, Forschungen zu Künstlicher Intelligenz, speziell entwickelte Algorithmen – und Tanz zusammenzubringen. Seinem Stück „Autobiography“, mit dem jetzt das dritte Tanzmainz-Festival im Großen Haus des Staatstheaters eröffnet wurde, liegt eine Entschlüsselung des McGregor’schen Genoms zugrunde. Da es 23 Chromosomenpaare gibt, gibt es 23 Szenen mit Titeln wie „Avatar“, „Not I“, „Nature“, „Traces“, „Equilibrium“, „World“, „Sleep“. Diese erhalten vor jeder Vorstellung per Zufallsgenerator eine neue Reihenfolge. Ursprünglich scheinen aber alle Szenen getanzt worden zu sein, inzwischen ist es nurmehr gut die Hälfte. Vielleicht setzte sich beim Choreografen die Erkenntnis durch, dass 80 Minuten Emsigkeit genügen.

Denn McGregors kühle, ruhelose Ästhetik beruht, Chromosomenpaare hin oder her, vor allem auf einer perfekten Tanzartistik von den Zehen bis zu den Fingerspitzen. Die ungeheuer biegsamen Tänzerinnen und Tänzer heben ihre Beine in den Himmel, gleiten vielfach in den Spagat, drehen und springen mit tadelloser Präzision. Bei den Männern beeindrucken die Wellenbewegungen der Waschbrett-Oberkörper. Bei den Frauen eine spitzige Zierlichkeit und Leichtfüßigkeit. Die Grundstimmung ist trotzdem die einer leichten Aggression.

Doch die elektronische Musik von Jlin verschiebt die Atmosphäre weiter in Richtung Maschinenhaftigkeit. Und es würde auch kein bisschen auffallen, wenn die Szenen-Titel ebenfalls nach dem Zufallsgenerator neu gemischt würden: In „Sleep“ zum Beispiel kreischt es bedrohlich, senken sich von oben Metalldreiecke auf die Körper (Bühne: Ben Cullen Williams) – das muss ein Alptraum sein. In „Equilibrium“ geht es nicht mehr oder weniger um Gleichgewicht als in allen anderen Szenen. In „Three Scenes“ zwitschern plötzlich Vögel. Und „Knowing“ verwirrt, weil das Tänzerpaar, bei McGregor völlig unüblich, die ganze Zeit strahlend lächelt. Macht also Wissen glücklich? Oder ist hier die sexuelle Bedeutung von einander erkennen gemeint?

Es ist in „Autobiography“ wie stets bei Wayne McGregor: Was ihn jeweils thematisch bewegt, ist bestimmt sehr interessant, lässt sich aber nicht tanzen. So hat man auch in Mainz zwei Optionen: Den reinen, intrikaten, sportlichen Tanz aufmerksam zu verfolgen oder zu versuchen, im Tanz Spuren des Titels und der McGregor’schen Hintergedanken zu entdecken.

Nicht nur leichter lesbar, auch unmittelbar ans Gefühl appellierend, ist Louise Lecavaliers anschließend im Kleinen Haus aufgeführtes „Battleground“. An die Kleine Meerjungfrau und ihr schmerzhaftes Schicksal lässt sich denken, wenn Lecavalier in schimmernden dunklen Hosen mit Schlag, mit eng trippelnden Füßen und mäanderndem Lauf eine Fischlein-Assoziation weckt. Allemal gibt sie eine von nervöser Energie Getriebene, Verzweifelnde, auch Vereinzelte, obwohl nach einer Weile eine zweite Person auftaucht. Robert Abubo setzt kleine Kontrapunkte.

Zwischen geschmeidigem, ein bisschen ängstlichem Fisch und eckigem Roboter variiert Lecavalier ihre durchaus ungewöhnliche Bewegungssprache. Immer scheint etwas aus ihr herausbrechen zu wollen, eine kleine Panik gewissermaßen. Plötzlich schießen die Ellbogen zur Seite, zieht sie den Kopf ein, stoßen die Knie in den Raum. Das einstündige „Battleground“ ist in der Tönung ebenso dunkel wie „Autobiography“, aber jede Kühle, Distanzierung fehlt hier. Es bleibt völlig offen, wo dieser Kampfplatz liegt, im eigenen Innern und im Konflikt mit dem Gegenüber, aber jeder Moment in diesem Stück ist angespannt.

Robert Abubo kann, was Körperspannung und Expression betrifft, freilich mit der ehemaligen Startänzerin von La La La Human Steps nicht mithalten. Außerdem ist der von Lecavalier verantworteten Choreografie auch das penetrante Gefrickel des Live-Musikers Antoine Berthiaume auf Dauer nicht zuträglich.

Das Tanzmainz-Festival eröffnet in diesem Jahr also monochrom. Mit zwei Stücken, die sich kompromisslos und kantig geben. Und sich beide auf eine Musik versteifen, die den Eindruck der Einfarbigkeit verstärkt – um nicht zu sagen, dass sie nach einer Weile doch ziemlich nervt. So geht es in diesem Jahr mit großen Namen, aber sperrig los.

Staatstheater Mainz:Festival bis 6. April. www.staatstheater-mainz.com

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