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Der Philosoph Georg Simmel lebte und arbeitete zeit seines Lebens in Berlin.

Georg Simmel

Der Mensch ist ein Unterschiedswesen

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Zum 100. Todestag des überaus anregenden Georg Simmel.

Der 1858 in Berlin geborene Philosoph Georg Simmel starb am 26. September 1918. Eine Woche später ernannte Kaiser Wilhelm II. seinen letzten Kanzler Max Prinz von Baden. Am 10. November wurde der Sozialdemokrat Friedrich Ebert zwar nicht verfassungsmäßiger Reichskanzler, aber Mitglied im Rat der Volksbeauftragten und zum Reichspräsidenten gewählt.

Eine akademische Karriere hat Simmel nicht gemacht. Erst 1900 bekam er eine unbezahlte Professur für Philosophie in Berlin. Das lag am herrschenden Antisemitismus – Simmels Vorfahren waren schon 1830 zum Christentum konvertiert –, ganz sicher aber auch an Simmels überragender Intelligenz. Es gab im weiten Raum menschlicher Aktivitäten nichts, das er nicht erforscht hätte. Seine Vorlesungen bestärkten noch die Vorbehalte gegen ihn. Sie waren gesellschaftliche Ereignisse. Simmel war finanziell unabhängig, aber anders als die vielen anderen, die ein ähnliches Glück haben, war er es auch geistig. Die Möglichkeiten, seinen Interessen nachzugehen, nutzte er extensiv und so animierend, dass immer wieder neue Generationen bei ihm und von seinen Büchern lernten.

Georg Simmel hatte den Blick fürs Besondere 

Georg Simmel war nicht der erste Philosoph mit soziologischem Blick, aber keiner verstand sich so darauf, alltäglichen Verrichtungen oder auch den flüchtigsten Erscheinungen die Signatur einer Epoche abzulesen wie er. Simmel entdeckte nicht das Großstadtleben, aber keiner entdeckte so viel darin wie er. Adorno, Benjamin, Bloch, Lukács – sie alle träumten davon, in winzigen Details das Ganze erkennen und sichtbar machen zu können. Man könnte sagen, der westliche Marxismus sei ein Simmelmarxismus.

Simmel selbst war weit entfernt von marxistisch-klassenkämpferischen Überlegungen. Aber was die Genannten an Simmel schätzten, war dessen Blick für das Besondere, den Henkel an einer Vase zum Beispiel. Noch stärker waren sie beeinflusst von Simmels Anspruch, noch das Entlegenste einzubinden in die Entfaltung eines Gesamtbildes. Sie erkannten darin ihren eigenen Anspruch. Allerdings glaubten sie als Marxisten in der Warenform etwas zu haben, das sowohl das Ganze als auch jedes Einzelne bestimmte. Simmel dagegen fehlte dieser Generalschlüssel.

Das machte ihn später für die 68er interessant, als sie dabei waren, abzufallen von der marxistischen Orthodoxie. Simmel war einer, der den Teil und das Ganze jedes Mal neu zu konstituieren schien. Das erschwert denen, die ihn nur aus „schönen“ Zitaten kannten, zunächst die Lektüre. Aber gerade die Wege zu den schönen Stellen sind für Simmelenthusiasten das Hauptvergnügen. Man schaut jemandem beim Denken zu. Man nehme nur den kleinen Vortrag „Die Großstädte und das Geistesleben“ (wieder abgedruckt in einer bei Wagenbach erschienenen Kollektion seiner Aufsätze „Das Abenteuer des Lebens“). Gleich auf der ersten von gerade mal fünfzehn Seiten ein Satz, der erst nach 15 Zeilen mit einem Punkt beendet wird. 

Man folgt ihm leicht durch solche Perioden, man freut sich daran, dass kein Lektor uns den Blick in Simmels Kopf verwehrte. Wir können ihm folgen bei der ganz und gar nicht langsamen Verfertigung seiner Gedanken. „Verfertigung“ ist Kleist, nicht Simmel. Simmels Gedanken sind niemals fertig. Sie bewegen sich in selbst sich ständig bewegenden Beziehungssystemen. Das ist beunruhigend und belebend. Simmel muss das Koordinatensystem, innerhalb dessen er seine Gegenstände erkennt und kartiert, immer mitbedenken, weil er weiß, dass sie nur darin funktionieren, aber durch ihr Funktionieren oder Nicht-Funktionieren auch das Koordinatensystem selbst beeinflussen. 

Georg Simmel hat über Scham und Frauen publiziert 

Es geht ihm gerade nicht darum, das Einzelne einzuordnen, sondern sich über das ständig sich in Bewegung befindliche Verhältnis von Ordnung und Einzelnem klar zu werden. Das ist die eigentliche Pointe der Simmelschen Herangehensweise. Simmel hat über Mode und Geld, Scham und Frauen publiziert. Alles keine Themen, mit denen damals Philosophen sich beschäftigten. 
Georg Simmel war ein Philosoph des Wilhelminismus. Ich schreibe das nicht, um Simmel einzuschränken. Ich schreibe das, um an die Weite einer Epoche zu erinnern, die wir gar zu schnell auf die Berserkerrolle ihres Repräsentanten reduzieren. Ohne daran zu denken, wie neurotisch sie schon bei diesem eher weichen Mann eingesetzt wurde.

In der Moderne blühen die Neurosen. Das erkannte in Wien Sigmund Freud, in Berlin Simmel. Im bereits zitierten Vortrag erklärte Simmel: „Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d.h. sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein ...“ Marx sprach von der „Idiotie des Landlebens“. Die Großstadt multipliziert nicht nur die Eindrücke, sie fordert auch das Reagieren auf immer neue Reize. So wie der Mensch sich die Großstadt geschaffen hat, so schafft sie sich auch ihn.

Simmel ist das Produkt dieser neuen Welt. Wenn er sie analysiert, analysiert er sich selbst. Er hat keine Autobiografie geschrieben. Aber seine Soziologie ist auch, man lese nur das Kapitel über den Fremden, eine gewissermaßen ausgezogene Darstellung seiner selbst. Nicht weil er projiziert, sondern weil er weiß, dass der Einzelne nur ein Element des Ganzen ist. Ein Element freilich, das das Ganze auch in Frage stellen kann.

Ich weiß nicht, ob man diese Bewegung auf jeder der fast 16.000 Seiten der 24 Bände umfassenden Gesamtausgabe seiner Schriften (Suhrkamp) verfolgen kann, aber ich bin immer wieder bei ihm darauf gestoßen und jetzt, da sich die Teile wieder einmal auflösen und unterwegs zu sein scheinen, sich bei uns, in allen Provinzen der Erde und ebenso global, zu einem neuen Ganzen zusammensetzen, wird Georg Simmel ganz sicher einer der wichtigsten Anreger auch dieser neuerlichen Neuordnung werden.

Noch niemand dachte etwa an Wahrheits- oder Versöhnungskommissionen, da schrieb Simmel schon über das „Verzeihen“, das das Erinnern an das zu Verzeihende zur Voraussetzung habe.

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