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Sinnvoll, lernt man von Valeria Luiselli: Radfahren in Mexiko-Stadt.
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Sinnvoll, lernt man von Valeria Luiselli: Radfahren in Mexiko-Stadt.

Valeria Luiselli

Wo der Mensch zu Hause ist

Abgeklärte Unterwegs-Essays der belesenen und hinschauenden Mexikanerin Valeria Luiselli. Die 30-jährige Autorin sorgte mit ihrem Romandebüt "Die Schwerelosen" für Aufsehen.

Auch wenn der Flaneur aus Europa kommt, so flanierte er doch von dort mit gebotener Schrittgeschwindigkeit in die Welt hinaus. Trotzdem ist es eine Überraschung, ihn jetzt als Radfahrerin in Mexiko-Stadt wiederzutreffen.

Es geht nicht anders, erfährt der Leser: „Der Fußgänger hat sich im DF (Distrito Federal) im Rhythmus der Stadt zu bewegen, und zwar so zielgerichtet wie die anderen Passanten. Jede Modulation des Schrittes macht ihn zur Zielscheibe eines Verdachts. ... Dass in früheren Zeiten der Spaziergang emblematisch für den Denker war und dass man in manchen Städten tatsächlich noch beim Gehen denken kann, ist für einen Einwohner von Mexiko-Stadt kaum relevant.“

Die Nutzerin eines Rades ist im Vorteil: „Seine leichte Schnelligkeit erlaubt demjenigen, der es fährt, die fußgängigen Blicke hinter sich zu lassen und von den motorisierten Blicken hinter sich gelassen zu werden. So ist dem Radler eine außerordentliche Freiheit gegeben: die der Unsichtbarkeit.“

Und so folgt man der Radlerin im nächsten Kapitel auf den Straßen von Mexiko-Stadt zwischen ihrer Wohnung und einem Buchladen dabei, wie sie über den Begriff „saudade“ nachdenkt (sie will sich ein portugiesisches Wörterbuch kaufen, erwirbt stattdessen aber zwei Bände brasilianischer Lyrik) und was er alles nicht bedeutet. Auch denkt sie über die Nostalgie als Erfindung des Kriegsarztes Johannes Hofer im 17. Jahrhundert nach, über das Odysseussyndrom und über Orte, „die schon im Vorhinein Nostalgie in uns auslösen. Orte, die wir als verloren erkennen, sobald wir sie finden ...“.

Die Schwerelosen war ihr Romandebüt

Die Mexikanerin Valeria Luiselli, 1983 geboren, deren Romandebüt „Die Schwerelosen“ jetzt vom schmalen Essay-Band „Falsche Papiere“ gefolgt wird, ist dabei selbst gar kein rückwärts gewandter Typ. Nach Art des Flanierens (und Fahrradfahrens) schaut sie vielmehr nach vorne und auch zur Seite.

Fährt sie nicht Rad, muss sie im Grunde genommen ununterbrochen lesen. Bücher und Orte, kann man sagen, interessieren sie (aber Menschen durchaus auch), so dass sie überraschende Vergleiche in beiden Richtungen findet. „Robert Walser: ein Mauerspalt, um auf die andere Seite zu gucken. Baudelaire: ein Wartesaal ... Heidegger: eine Sackgasse.“ Venedigs Friedhofs-Insel San Michele erinnert sie umgekehrt vom Flugzeug aus betrachtet an ein großes Buch: „eines dieser schweren, robusten Lexika, in denen sich die Worte ewig ausruhen“.

Denn Bücher und Schriftsteller sind also das Maß der Dinge, aber dann schaut Valeria Luiselli schon auch noch selbst hin.

Auch nimmt sie sich klassische Denk- und Lauf-Aufgaben vor: Forscht in Venedig nach dem Grab des Schriftstellers Joseph Brodsky, beispielsweise, und macht sich zugleich Gedanken über Brodskys „unendlichen Aspekt des Raumes“: „Vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus der Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloß graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern, die schließlich in der Krypta oder in der Urne münden – die mickrigste Ausprägung der unendlichen Aufteilungsmöglichkeiten eines Raumes, in die genau ein menschlicher Körper passt.“

Die Dauer einer Zigarette teilt ihr die Zeit ein. Nüchternheit und Witz machen ihr die Vergänglichkeit erträglich. Der Graus der Nacht lässt sie nicht kalt, wenn die Klosterunterkunft bereits geschlossen ist. Erst hat die Flaneurin überlegt, „ob ich die Nacht nicht einfach auf einer Bank verbringen könnte, Brodsky lesend, bis ich einschliefe oder stürbe“. Dann ruft sie einen Bekannten an. Am nächsten Tag wird sie aus gewissen Gründen offiziell Venezianerin (geht ganz leicht). Sie ist keine Abenteurerin, zum Glück, aber sie erlebt allerhand.

In einem Nachwort zeigt sich der 80-jährige niederländische Kollege Cees Nooteboom ungefähr genauso erstaunt über Valeria Luisellis stupende Belesenheit und was sie daraus macht.

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