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Die Journalistin Dunja Hayali.

"Mein Fell ist noch dicker"

Die Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali über Heimat, Hass-Mails und Strategien der Provokation.

Frau Hayali, warum kommt Ihr Buch „Haymatland“ gerade jetzt?
Ich durfte im vergangenen Jahr eine Rede zum Thema Heimat halten. In Vorbereitung darauf habe ich mich intensiv mit mir, meinem Leben und dem, was in diesem Land gerade geschieht, auseinandergesetzt. Und da ist mir aufgefallen, was mit mir passiert ist – und vor allem, was es mit einem macht, wenn einem auf einmal fremdbestimmt die Heimat abgesprochen wird.

Sie haben nie daran gezweifelt, dass Deutschland Ihre Heimat ist.
Warum auch?

Eben. Sie sind hier geboren, aufgewachsen, sozialisiert. Als Sie aber angefangen haben, im ZDF das „heute journal“ zu moderieren, wollte man Ihnen genau das absprechen.
Ja, das war ein Schockmoment für mich. Claus Kleber hatte mich darauf vorbereitet, dass es Reaktionen von Zuschauern geben könnte, die sich zum Beispiel über meinen Namen wundern. Schon damals habe ich ihn mit großen Augen angeschaut. Denn mir war bis zu dem Zeitpunkt nie auf negative Art bewusst gewesen, dass ich irgendwie anders sein könnte als alle anderen. Aber – Claus hatte Recht.

Es kamen Zuschriften.
Ja, es kamen positive, aber eben auch solche, die Spuren hinterlassen. In denen Zuschauer fragten, wie es sein könne, dass eine Ausländerin ihnen nun die deutschen Nachrichten präsentiert. Das ist im Laufe der Zeit weniger geworden – bis zum Jahr 2015.

Im Zuge der so genannten Flüchtlingskrise bekamen Sie wieder Hassmails, werden seitdem als „Vollhure“, „Systemnutte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ oder „Stück Scheiße“ beschimpft, einige wünschen Ihnen sogar den Tod. Was löst das in Ihnen aus?
Am Anfang dachte ich, das macht mit mir gar nichts. Ich habe mir gesagt: Das sind einfach Idioten, die haben drei Minuten Spaß am Rechner, sollen sie doch. Aber – es macht natürlich doch was mit einem. Es hinterlässt Wunden. Wunden hinterlassen Narben. Und das hat Konsequenzen

Welche?
Mein Fell ist noch dicker geworden als es eh schon ist. Das fällt mir auf, wenn ich Freunden von diesen Hass-Nachrichten erzähle. Während die das alles nicht fassen können und empört sind, zucke ich nur noch mit den Schultern und verweise darauf, dass es vielen Menschen so ergeht. Als würde es das besser machen. 

Beantworten Sie nach wie vor jede Nachricht?
Ich schaffe es nicht mehr, alles zu beantworten. Hinzu kommt, dass ich im vergangenen Jahr sechs Monate Emma, meinen Hund, beim Sterben begleitet habe. Da habe ich gemerkt, dass die Prioritäten woanders liegen als bei Twitter. Und seitdem türmen sich die Zuschriften unterm Schreibtisch.

Können Sie ausmachen, was diese Hater für Menschen sind? Gibt es etwas, das alle eint?
Es sind jedenfalls nicht nur die Dummen und die Dämlichen, die schreiben. Das geht querbeet durch die Gesellschaft. Was aber auffällt: Erstens, bei vielen geht es um Wertschätzung und Anerkennung. Das merke ich dann, wenn ich sie anrufe. Die meisten kommen dann schnell runter von der Palme und sind einigermaßen beeindruckt, dass ich mich überhaupt melde. Zweitens: Nicht wenige haben Probleme damit, zu differenzieren oder einen rationalen Diskurs zu führen. Zudem hängen einige immer noch im Jahr 2015 fest. Drittens: Der Veränderungsprozess unserer Welt – Stichwort Digitalisierung, Globalisierung, Künstliche Intelligenz – macht vielen Angst. Viele Menschen wissen nicht mehr, an was sie sich festhalten sollen. All das ist aber natürlich kein Grund, Menschen derart zu beschimpfen, wie es mir und vielen anderen tagtäglich widerfährt. Und viertens: Manche, das muss man auch klar sagen, sind schlicht xenophob.

Antworten Sie auch auf nette Zuschriften?
Zu selten. Und die Leute beschweren sich dann auch, und zwar zurecht (lacht). Denn das ist ja schon auch das Problem unserer ganzen Gesellschaft: Dass vor allem die gehört werden, die am lautesten schreien. Da sehe ich uns, also die Medien, übrigens auch in der Verantwortung. Wir haben sehr lange dort hingeschaut, wo es gelärmt hat. Ich will nicht sagen, dass wir die AfD dadurch groß gemacht haben. Aber natürlich hat deren Strategie der Provokation auch verfangen. Wir stecken in einem Dilemma: Wenn man über etwas aus journalistischen Gründen nicht berichtet, heißt es: Zensur! Wenn man berichtet, heißt es: Ihr gebt ihnen zu viel Aufmerksamkeit.

Ihre Mutter ist vor zwei Jahren gestorben, Ihr Vater dement. Beide bekommen den Hass nicht mehr mit, den ihre Tochter erfährt. Sind Sie darüber manchmal froh?
Meine Eltern sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie Integration gelingen kann. Sie haben schnell die Sprache gelernt, sind auf die Menschen zugegangen und haben wunderbare Jahre in einer „Dorf“-Gemeinschaft im Pott erlebt. Wenn ich heute durch Datteln laufe, meine Heimat, dann treffe ich immer wieder Menschen, die mir nette Sachen über meine Eltern erzählen oder mir zurufen: „Sie gehören dazu! Lassen Sie sich nichts anderes einreden!“ Das sind berührende Begegnungen. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich bin froh, dass meine Eltern das, was im Moment in diesem Land und ja, auch mit ihrer Tochter, passiert, nicht mehr mitbekommen. Das haben sie einfach nicht verdient. 

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