Wie ein Knirps, der bei den ersten Regentropfen geöffnet wird, entfaltet sich auch das Dach der neuen Fußballarena im Stadtwald. In zusammengelegtem Zustandist die aus Kunststoff bestehende Planein einer Art Würfel verpackt. Mit Hilfe armdicker Stahlseile wird die Dachhaut dann gespannt.
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Wie ein Knirps, der bei den ersten Regentropfen geöffnet wird, entfaltet sich auch das Dach der neuen Fußballarena im Stadtwald. In zusammengelegtem Zustandist die aus Kunststoff bestehende Planein einer Art Würfel verpackt. Mit Hilfe armdicker Stahlseile wird die Dachhaut dann gespannt.

Nie mehr Erste Liga?

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Frankfurts Schildbürgersportpark: Durch einen Hotelneubau setzt die Stadt die Attraktivität ihres neuen WM-Stadions aufs Spiel

Frankfurt am Main ist ein Oberzentrum der Perspektiven. Die Stadt lädt auch dazu ein, auf sie herabzuschauen. Dem ist nicht abzuhelfen, das geschieht täglich zehntausendfach, und das gilt sogar für die Skyline. Im Landeanflug auf den Flughafen wird sie, während der Frankfurter Stadtwald seinen grünen Teppich unter den Tragflächen ausbreitet, zu einem Hoheitszeichen für Mainhattan.

Neben dem schweifenden Blick auf die Turmbauten erlaubten die Sekunden vor der Landung obendrein die Wahrnehmung einer Schüssel. Aus dem weitläufigen Rund des Waldstadions ist in den letzten Monaten ein moderater Hexenkessel geworden. Echte Frankfurter empfinden beim Anblick der Arena im Stadtwald mindestens ebenso intensiv wie bei der Skyline.

Stadion und Skyline

Vorbeiziehende Sehenswürdigkeiten sind unbestritten beide, Stadion und Skyline. Wobei in den nächsten Monaten insbesondere in das Zentrum des Frankfurter Sportparks, die Vielzweckarena, investiert werden wird. Die Geschichte des neuen Stadions in Frankfurt, das heute bereits für die Zweitligaspiele der Eintracht genutzt wird, im kommenden Juni die Spiele des Konföderationen-Cups erleben und im nächsten Jahr einen WM-Schauplatz abgeben wird, ist in den letzten Monaten durch das Büro Gerkan, Marg und Partner (gmp) um- und ausgebaut worden. Die ausgewiesenen Arenabauexperten (Berlin, Köln, Leipzig) setzten sich nicht zuletzt auch deshalb in einem Ausschreibungsverfahren gegen sechs Konkurrenten durch, weil gmp mit dem Entwurf Anklänge an das historische Vorbild aufnahm, insbesondere bei der Gestaltung der Haupttribüne des Waldstadions.

Waldstadion? Die neue Arena ist eine Schüssel, in der sich die Zuschauer, sofern deren Aufmerksamkeit nicht auf die Vorgänge auf das Spielfeld gerichtet ist, mit mancher gestalterischen Raffinesse beschäftigen können. Das wird in besonderer Weise durch die radial angeordneten Ränge unterstützt - ganz abgesehen davon, dass sich das Interesse der bis zu 50 000 Besucher sicherlich immer wieder auf die tollkühne Dachkonstruktion des Bauingenieurs Jörg Schlaich richten wird.

Im neuen Waldstadion verfangen sich die Blicke in einer Vielzweckarena; um sentimentalen Gedanken an die historische Bezeichnung nachzugehen, muss der Besucher auf die äußeren Umgänge treten. Von ihnen aus eröffnet sich der Blick auf den Stadtwald, hinweg über eine historische Anlage, wobei das Erbe eine Parklandschaft abgibt. Nicht zuletzt, denn so hat es gmp entworfen und bauen lassen, wird mit dem Stadion Kontakt zur City gehalten. Über die (noch) unverbaute Festwiese und die Wipfel des Stadtwalds hinweg können die Besucher die Stadtsilhouette besehen und die Skyline entziffern. Von der Schauseite des Stadions aus, so jedenfalls war es geplant, soll das Wahrzeichen der Global City so etwas wie ein exquisites Frankfurter Stillleben abgeben. Nature morte des Kapitals.

Stadion und Skyline: Angesichts des unverbauten Panoramas könnte man sogar von einer Brandingmaßnahme sprechen, die gmp der Stadt vermacht hat. Dennoch geht mit dem für den Sportpark im vergangenen Herbst verabschiedeten Bebauungsplan jede Weitsicht ab. Denn zwischen der Schauseite des Stadions und der Festwiese, in deren Verlängerung Frankfurt liegt, soll ein Hotelriegel entstehen. Noch sind Beschränkungen (Höhe, Breite) für den 225-Zimmer-Komplex im Gespräch; doch Investoren sind ihrem ökonomischen Wesen nach Grenzverletzer, und so werden Dimensionen zustande kommen, die das Gefüge rund um das Stadion ruinieren.

Für fünf Millionen Euro möchte die Stadt das Areal verkaufen. Zwischen CDU und SPD auf der einen und den Grünen als den Hotelgegnern ist ein echter Zwist entstanden. Die Nähe des Hotels zum Stadion wird symbolische Ausmaße haben, exakt sechzehn Meter. An der Strafraumkante seines WM-Schauplatzes verplant Frankfurt die Zukunft seines Sportparks, auch an anderen Niederlassungen des Ensembles sind Eingriffe geplant, die das Erbe belasten.

Man darf es sich so ausrechnen, dass auch auf diesem Terrain Frankfurts das große Vergessen droht. Sichtachsen werden zerstört, ganz abgesehen davon, dass ein Hotelkomplex das Volumen und die Geometrie der historischen Anlage beschädigt. Im Unterschied zu den historischen Sportparks in Berlin und Köln, denen sich Besonnenheit und Ferngedächtnis in den letzten Jahren zugewandt haben, werden im Frankfurter Sportpark durch den Bebauungsplan massive Eingriffe vorgenommen. Noch gar nicht lange her, da vervollständigte hier noch eine Radrennbahn ein Ensemble aus historischen Sportbauten und Freianlagen, das 1926 fertiggestellt worden war.

Mit dem Hotel in die Dritte Liga

Bis zum Ende des Monats muss der Magistrat der Stadt für sein Hotel in der Einflugschneise von Rhein-Main einen Betreiber finden, ansonsten wird der Missgriff nicht rechtzeitig zum Anpfiff der Fußball-WM fertig gestellt sein. Frankfurt wird mit dem WM-Stadion eine der drei, vier reizvollsten Arenen erhalten, vor allem wenn sich die Einbettung in historisch gewachsene Volumen und Proportionen wahren ließe - ganz abgesehen von der weltweit einzigartigen Dachkonstruktion.

Durch die Strafraumaktion wird die Schauseite des Stadions zum Hinterhof des Hotels; daran ändern auch mickrige Ausmaße dieses Dritte-Liga-Projekts nichts. In der SPD und in der CDU gibt es Stimmen, die auf das Stadion herabblicken. Es heißt dann, "Stadionfassaden seien austauschbar" (CDU). Auch heißt es, ein Stadion sei schließlich "kein Barockschloss" (SPD). Weil es Frankfurt am Main auch andernorts an Barockschlössern mangelt, sieht Frankfurt am Main auch andernorts so aus.

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