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Für Medienanstalten und Verlagshäuser liegen Erfolg und Niederlage in Zeiten der Corona-Krise eng beieinander: Während das Anzeigengeschäft einbricht, wächst das Publikumsinteresse (Symbolbild).

Journalismus

Medien in der Coronakrise: Gute Seiten – schlechte Seiten 

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In der Coronakrise liegen für Medien- und Verlagshäuser Erfolg und Gefahr nah beieinander: Während das Anzeigengeschäft einbricht, wächst das Publikumsinteresse.

  • Deutschland bleibt in der Coronakrise zu Hause – das gilt auch für die meisten Medien-Vertreter.
  • Dennoch erleben die Medien, ob Print, Fernsehen, Radio oder Internet eine Blüte.
  • Doch die Anzeigen, von denen etwa Tageszeitungen leben, brechen weg.

Frankfurt - Es herrscht Ruhe im Land, zumindest draußen. Dort schwindet der Verkehr, wirken die Straßen leer. Dafür herrscht auf der Datenautobahn Hochbetrieb. Noch ist es nicht zu Staus gekommen, und die Provider versichern, sie könnten ausreichend Kapazität zur Verfügung stellen. Aber wie lange, wenn immer mehr Menschen die digitalen Wege nutzen, um sich miteinander zu verständigen, sich Unterhaltung zu gönnen und nicht zuletzt: um zu arbeiten?

Deutschland ist zu Hause. Und das gilt auch für die Branche, die ihrem Selbstverständnis gemäß „vor Ort“ sein will, die Presse. Redakteurinnen und Redakteure, „Freie“ zudem, bleiben nun zum größten Teil in ihren eigenen vier Wänden. Dort hocken sie in Arbeitszimmern und Wohnzimmern zwischen zuvor der Bildübertragung wegen sorgsam arrangierten Zimmerpalmen und Bücherregalen, und hoffen vor ihren Laptops auf stabile Verbindung, wenn die nächste Konferenz ansteht. Fast 90 Prozent der „FAZ“-Redaktion zum Beispiel beschränkten sich derzeit auf das Home Office, sagt Sprecherin Franziska Kipper-Schreyer. Der „Spiegel“ habe „die Produktion des gedruckten und digitalen ‚Spiegel‘ ins Mobile Office verlagert“, berichtet Barbara Hans, Chefredakteurin des Magazins. Das Gebäude an der Hamburger Ericusspitze sei bis auf sehr wenige Ausnahmen „praktisch verwaist“. Der moderne News Room, seit einigen Jahren Herzstück der Redaktionen, ist derzeit seiner Funktion beraubt. Doch Journalismus sei „das Gequatsche auf dem Flur“ soll einer mal gesagt haben, der es wissen musste: Henri Nannen, Gründer des „Stern“.

Medien in der Coronakrise: Print, Fernsehen und Radio erleben eine Blüte

Dieser Definition nach findet kein Journalismus mehr statt. Aber das Gegenteil trifft zu. Die Medien, ob Print, Fernsehen, Radio oder Internet, sie erleben eine Blüte, die auf dem Corona-Sumpf prächtig zu gedeihen scheint. Und das unter erschwerten Bedingungen, mit Absprachen und Konferenzen über Apps wie Skype, Microsoft Teams, Slack oder Zoom – von denen manch eine schreibende Kollegin oder ein Kollege bis dato noch nie gehört haben dürfte.

Nun sind sie daheim und umzingelt von Monitor oder Laptop, Headset, Handy und Drucker. Was vordem nur eines Rufs quer über die Schreibtische hinweg bedurfte, muss nun per Videoschalte geklärt werden. „Das ist sooo anstrengend“, stöhnt ein Kollege. Doch bei allen befragten Unternehmen nahm das Personal die ungewohnte Arbeitsweise offenbar gut an – wobei man fragen könnte, ob eine andere Antwort denn möglich gewesen wäre.

Medien in der Coronakrise: „Das ZDF ist in diesen Tagen eigentlich eine einzige Erfolgsstory“

Aber es gibt Belege für das Funktionieren: den Boom. „Das ZDF ist in diesen Tagen eigentlich eine einzige Erfolgsstory“, schreibt Norbert Himmler, Programmdirektor des Mainzer Senders. Nachrichten, Sondersendungen und Talkshows zum Thema Coronavirus wiesen „Rekord-Einschaltquoten“ auf. Beim Hessischen Rundfunk erreichte die Hessenschau am 24. März 770.000 Zuschauer, „die erfolgreichste Ausgabe seit Beginn der Quotenmessung für Einzelsendungen 1991,“ berichtet Christian Bender von der Pressestelle. Ob Rundfunk oder Presse – Erfolgsmeldungen allenthalben, von Hamburg bis Freiburg.

Die Krise liefert den Stoff, aus dem dieser Aufschwung gemacht wird. Angesichts der grassierenden Unsicherheit sind zuverlässige Information und Einordnung des im Stundentakt sich verändernden Geschehens gefragt wie lange nicht. Damit einher geht die Hinwendung zu den traditionell als seriös geltenden Anbietern, den Tageszeitungen und dem öffentlichrechtlichen Fernsehen. Verstummt sind die „Lügenpresse“-Krakeeler aus der rechten Ecke.

Medien in der Coronakrise: Einige Tageszeitungen reduzieren ihren Umfang

Zeitungen wie Fernsehen haben eine andere Gewichtung ihrer Inhalte vorgenommen, liefern zuhauf „Erklärstücke“, wie Thomas Fricker, Chefredakteur der „Badischen Zeitung“ erläutert. Der „Spiegel“ hat sich auf die Berichterstattung über Corona „fokussiert“. Es ist die Stunde der Expertinnen und Experten – denen im Falle der Klimakrise manch eine Politikerin und manch ein Politiker nicht recht glauben wollte. Virologinnen und Mediziner sind gleichsam per Standleitung präsent, beim WDR begleitet ein vierköpfiges Expertenteam die Corona-Berichterstattung.

Die ARD hat ihr Gemeinschaftsprogramm gestärkt, der Deutschlandfunk Sendeplätze mit aktueller Information ausgeweitet. Doch haben einige Tageszeitungen ihren Umfang reduziert, weil etwa Veranstaltungen im Sport und Feuilleton ausfallen, und nicht zuletzt der ausbleibenden Anzeigen wegen. Das kann auf Kosten der anderen weltbewegenden Themen gehen, die Krisen und Katastrophen im Jemen, in Griechenland oder Nord-Syrien drohen an den Rand der Aufmerksamkeit zu geraten.

Kritische Geister wie der „Freitag“-Verleger Jakob Augstein wehren sich gegen den „common sense“ der Corona-Fixierung. Ihn treibe es um, „dass der Gesundheitsstaat ganz schnell zum Überwachungsstaat werden kann“. Medienwissenschaftler Otfried Jarren mahnt, die aktuelle Dominanz der Exekutive fordere vom Journalismus „ein Höchstmaß an Achtsamkeit, Vorsicht, Zurückhaltung und Distanz“. „Telepolis“-Autor Timo Rieg sieht gar den Journalismus selbst „im Krankenstand“.

Medien in der Coronakrise: Beschäftigung für den Nachwuchs

Markus Söders Satz, jetzt regiere die Medizin, nimmt Rieg zum Anlass davor zu warnen, den Expertinnen und Experten aus der Medizin quasi Regierungsgewalt zu übertragen. Aber die Position des Gate-Keepers ist mit dem Aufkommen der Schwarm-Intelligenz im Netz ohnehin schwächer geworden, und nun macht sich der Wächter eben mit Hilfe der Fachleute als Ratgeber nützlich. Denn „gerade in dieser Zeit großer Verunsicherung können wir die Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausspielen“ – es schwingt Stolz mit in diesem Satz von Deutschlandradio-Programmchef Andreas-Peter Weber.

Das mit dem Spielen ist auch wörtlich zu nehmen. Für die Zwangspause zu Hause tischen die Sender ein üppigeres Menü an leichter Kost auf, wie etwa „Hessen@home“ im Hessischen Rundfunk und vor allem: Beschäftigung – wenn man es denn so nennen will – für den Nachwuchs. In den Zeitungen feiern die Kinderseiten Renaissance, die ARD-Maus geht täglich auf Sendung, die lieben Kleinen können sich vor der Fülle von Angeboten an Lern-Formaten kaum retten. Den Großen bieten Wissensportale Gelegenheit zur Weiterbildung. In Zeiten, da man der Wissenschaft wieder mehr traut, hat auch die Erweiterung des privaten Horizonts Konjunktur.

Medien in der Coronakrise: RTL hat ersten Reinfall schon hinter sich

Die Privatsender bleiben ihrem Charakter treu. Natürlich widmet man auch dort Strecken zu Corona, aber Unterhaltung steht obenan. So gibt es nun „Das große ProSieben Wohnzimmer-Festival“. RTL hat dabei den ersten Reinfall schon hinter sich. Nach nur drei Folgen kündigt der Sender seiner „Quarantäne-WG“ mit den Promis Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher wegen schlechter Quoten. Es reicht eben offenbar nicht mehr, drei alte weiße Männer palavern zu lassen.

Auch die Mikrofone kommen auf einer Pressekonferenz nicht mehr ohne Spuckschutz aus. 

Die Promi-Millionäre abzuschalten ist das eine, den Arbeitsplatz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sichern, ein ungleich größeres Problem. Denn die Anzeigen, von denen Tageszeitungen leben, brechen weg, und damit bröckelt das Fundament. Der Medienblog „Altpapier“ berichtete kürzlich von ersten Entlassungen bei kleineren US-Zeitungen. „Vermutlich kann kein Medienhaus für die nächsten Monate oder Jahre einen Personalabbau ausschließen“, fürchtet Thomas Fricker.

Andererseits erhofft er sich einen „enormen Digitalisierungsschub“, der neben der gestiegenen Wertschätzung für Qualitätsjournalismus förderlich für das Geschäftsmodell von Verlagen sein könnte. Die „Zeit“ geht laut Sprecherin Johanna Schacht „davon aus, dass Kampagnen, die derzeit nicht geschaltet werden, zeitlich verschoben werden“. Es werde deshalb im Anzeigenbereich keinen Personalabbau geben, sondern „gegebenenfalls Kurzarbeit dort, wo tatsächlich gerade Arbeit wegfällt“, so Schacht.

Medien in der Coronakrise: Zuversicht aus den Zugriffszahlen

Christian Bender vom Hessischen Rundfunk speist seine Zuversicht aus den Zugriffszahlen. Sie belegten, „wie groß das Vertrauen der Menschen in die Angebote des öffentlichrechtlichen Rundfunks ist“. Doch haben die Öffentlich-Rechtlichen noch eine Unsicherheit zu gewärtigen. Die Ministerpräsidenten der Länder haben sich zwar – mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt – gerade noch rechtzeitig am 12. März über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zum 1. Januar 2021 auf 18,36 Euro geeinigt. Der Änderungsstaatsvertrag muss allerdings noch bis Juni von den Landtagen ratifiziert werden.

Beim WDR ist Sprecherin Kristina Bausch denn auch vorsichtig bei ihrer Antwort auf die Frage, ob sich die Krise auch in diesem Fall auswirken werde. Man wolle „nicht spekulieren“ über mögliche Folgen. Sicherheitshalber aber hat Heike Raab, zuständige Medienstaatssekretärin in Mainz, aus Anlass der Milliardenhilfen für die Wirtschaft noch einmal auf die Bedeutung des öffentlichrechtlichen Rundfunks hingewiesen. „Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist es unbedingt notwendig, dass das journalistische Arbeiten, die Berichterstattung und die Verbreitung der Inhalte sichergestellt werden“, sagte sie. Die Funktionsfähigkeit von Rundfunk und Presse müsse weiterhin erhalten bleiben.

Na, dann kann Deutschland ja erstmal zu Hause weiter arbeiten …

Von Daland Segler

Ist Corona etwa schon ausdiskutiert? Die Wirtschaftskrise stellt die Gesundheitskrise in den Schatten, dennoch gibt es in einer weiteren Lanz-Sendung zur Corona-Krise keine Neuigkeiten.

In den Talkshows von ARD und ZDF am Sonntag (29.03.2020) diskutieren die Gäste über den Ausstieg aus dem Corona-Shutdown und die Nutzung von Handydaten zur Eindämmung der Pandemie: Es wird eine Aufhebung des Stillstand nach Ostern gefordert.

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