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McCoy Tyner 2009 auf dem Jazzfestival von Nizza.

Jazz

„Immer voller, dichter, umfassender“

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McCoy Tyner, einer der einflussreichsten Jazz-Pianisten des 20. Jahrhunderts, ist gestorben.

Es sei die Mutter gewesen, heißt es, die den jungen McCoy Tyner gedrängt habe, Klavier zu lernen. Da war er 13 Jahre alt und fand, das Klavier sei doch eher ein Instrument für Mädchen. Man kann sich leicht vorstellen, dass ein Heranwachsender eher etwas mit viriler Kraftentfaltung im Sinn haben könnte, immerhin war der zwölf Jahre ältere John Coltrane, der Philadelphia verlassen hatte und mit Miles Davis arbeitete, in der Jazz-Szene der Stadt ein aus der Ferne umraunter Musiker.

Aber es gab auch für das Klavier männliche role models. In der Nachbarschaft lebte zum Beispiel der Pianist Bud Powell, der gelegentlich vorbei schaute und auf dem Klavier der Tyner-Familie spielte. Das zweite große Vorbild wurde Thelonious Monk, und als McCoy Tyner noch als Teenager begann, sich in der Szene seiner Heimatstadt einen Namen zu machen, haftete ihm der Spitzname „Bud Monk“ an. Tyner spielte als junger Pianist in Bands von Max Roach, Sonny Rollins, Art Farmer und Benny Golson.

Als John Coltrane 1960 nach Philadelphia zurückkehrte, holte er den 21-jährigen McCoy Tyner in seine Band. Coltrane hatte begonnen, sein eigenes Ding zu machen. In den folgenden Jahren entstanden mit dem neuen Quartett einige der Meilenstein-Alben der Jazzgeschichte wie „My Favorite Things“, „A Love Supreme“ und „Live At The Village Vanguard“. McCoy Tyner war Mitglied einer der einflussreichsten Formationen des Jazz, er war eine Säule des Coltrane-Sounds und wurde der überragende Jazz-Pianist der frühen sechziger Jahre.

Auch wenn Coltranes Quartett dieser Jahre als zentrale Formation des sich befreienden Jazz galt, war Tyner doch nie im eigentlichen Sinne ein Musiker des Free Jazz. Er war eher derjenige, der die rhythmische und harmonische Basis für Coltranes Ausflüge in den Weltraum des Tenorsaxophons bereitzustellen half; dessen linke Hand der Gravitation verbunden blieb, während die Rechte reiches melodisches Linienwerk schuf. Seine enorme Kraftentfaltung am Klavier war nicht eruptiv, cluster-orientiert, perkussiv und tonal frei wie bei Cecil Taylor, der einen völlig neuen Prototyp des Pianisten in die Welt zu setzen begann.

McCoy Tyner war, mitten im aufbrechenden Free Jazz, ein Musiker, der auf pianistische Klangschönheit setzte und dem es dabei gelang, seine Spielweise bruchlos und konstruktiv in das musikalische Gruppengeschehen einzupassen. Tyner selbst charakterisierte seinen Einfluss auf die Musik des Coltrane Quartet: „Ich hatte dem Quartett die Klangfülle zu geben. Oder wie John zu sagen pflegte: die Dichte und Volltönigkeit. Nun kann ja ein Klavier tatsächlich wie ein Orchester behandelt werden, und genau das versuchte ich auch und gab dem Quartett einen Sound, der immer voller, dichter, umfassender wurde.“

Tyners eigene Platenaufnahmen dieser Zeit hatten allerdings nur mäßigem Erfolg, und als Coltrane ihn 1965 aus seiner Band beförderte, rutschte er für mehrere Jahre schnell und gründlich in die Vergessenheit. Bis 1968 erschien keine Platte unter seinem Namen. Tyner reiste nach Japan und Afrika, meditierte, nahm neue Anregungen und Einflüsse auf und wurde gläubiger Moslem. Sein Comeback ließ bis 1972 auf sich warten. Da trat er mit einer neuen Band auf dem Newport Festival auf, und einige Zeit später wurde sein Album „Sahara“ von Kritikern zum Album des Jahres gewählt.

McCoy Tyner begann, sein klangvolles und wuchtig-perkussives Klavierspiel als individuellen Stil zu entwickeln, was den Kritiker Lee Underwood in der Zeitschrift „Down Beat“ zu erstaunlichen Metaphern motivierte: „Krachende Dissonanzen, donnernde Polyphonie, vulkanische Eruptionen, ein messianischer Drive, treibende Rhythmen, rollende Orgelpunkte, widerhallende Bassnoten, chromatische Stürme, dunkle Sonoritäten – massive schwarze Akkorde, dichte Cluster, ein Urwald von Tönen wie mit Krallen aus der Tastatur gerissen ...“

McCoy Tyner fand seinen Weg auch ohne John Coltrane und repräsentierte zugleich dessen künstlerisches Erbe. Er wurde einer der einflussreichsten Pianisten im Jazz des 20. Jahrhunderts, spielte mit Ron Carter, Jack DeJohnette, Wayne Shorter oder Michael Brecker, leitete Bigbands, komponierte viel gespielte Titel und erhielt zweimal den Grammy. Er starb am 6. März in New Jersey.

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