Masha Gessen

Ohne Geschichten im Nirgendwo

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Masha Gessen erhält den Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Illusionslosigkeit ist ein guter Ratgeber. Masha Gessen, zur Eröffnung der Buchmesse mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, vertrat das im Gewandhaus mit Verve und ohne Bitterkeit. Ohne Bitterkeit sagen zu können, man habe ein Buch darüber schreiben wollen, „warum meine Träume nicht in Erfüllung gegangen waren“ – „Die Zukunft heißt Geschichte“, heißt es –, dazu gehören Gelassenheit und analytisches Interesse. Von „Fähigkeiten, Erfahrungen und Perspektiven“ hatte Gerd Koenen in seiner Laudatio gesprochen, auch er illusionslos an diesem insgesamt illusionslosen, aber nicht pessimistischen Abend.

Gessen, 1967 in der Sowjetunion geboren, als Teenagerin mit ihrer Familie in die USA gekommen, arbeitete dann wieder in Russland, bis sie sich in Putins homophobem Reich, wie Koenen ausführte, nicht mehr sicher fühlen konnte. Das Platzen des Traums, dass es im ehemaligen Sowjetreich einen Platz auch für sie geben könnte, führte Gessen auf „die Folgen des siebzig Jahre andauernden totalitären sowjetischen Experiments“ zurück.

Bei einer Buchmesse wolle sie vor allem von „der Unfähigkeit“ sprechen, „Geschichten zu erzählen“. Die Geisteswissenschaften seien unter den Bolschewiki „konzertiert angegriffen“ worden. Den „Bürgern fehlten dadurch die Instrumente zum Verständnis ihrer Gegenwart“, eine erschütternde Beobachtung weit über die Situation der Sowjetunion hinaus, aber dort von Terror begleitet: „Familiengeschichten wurden ganz selbstverständlich weggelassen. In einer Welt, in der niemand verhaftet oder hingerichtet wurde, hat auch niemand die Verhaftung oder Hinrichtung vorgenommen. Niemand hatte eine Vergangenheit. Jeder wurde zu einer Person von nirgendwo, und die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verorten, bestand in der Treue zur große Sowjetmacht und ihrem sterilisierten Vermächtnis der Siege.“ (Beiläufig hatte Koenen daran erinnert, dass Stalin erst durch Hitler die Gelegenheit bekam, die weltpolitische Bühne als dessen Verbündeter und dann vor allem als dessen Todfeind zu betreten.)

Der Gefahr der Geschichtenlosigkeit ist ein bücherlesender Mensch kaum ausgesetzt. Darum passte alles zusammen, auch der verhaltene Optimismus von Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller, der auf eine Lösung für den insolventen Großhändler KNV hoffte und die Solidarität der Branche lobte. Und ohnehin das hier unpathetische Europalob in den Politikergrußworten: Ein halbwegs einiges Europa als Ort, an dem individuelle Lebenspläne geschmiedet und viele Geschichten erzählt werden können.

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