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Pauline Bast im Jahr 1909.

Journalismus

Martin Pollack: Der Anti-Relotius

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Martin Pollack zeigt, dass gerade Journalismus auch sehr ehrlich sein kann.

Was wüsste man nicht alles, wenn jeder so tief in seiner Familiengeschichte graben würde? Was könnte man nicht alles über sich selbst lernen? Der Österreicher Martin Pollack vervollkommnet mit seinem neuen Buch ein faszinierendes literarisches Verfahren. Akribisch und vorurteilslos, als ginge es um einen vergessenen Kriminalfall, erforscht der frühere „Spiegel“-Korrespondent die Geschichte seiner eigenen Großtante Pauline Bast. Dabei wahrt er Distanz zu der Verwandten, die er selbst nicht mehr kennenlernen konnte, erfindet nichts und schreibt nur auf, was ein Journalist guten Gewissens mitteilen könnte. Die Recherchen geben ihm die Gelegenheit, ein historisches Kapitel nicht nur neu zu erzählen, sondern aus neuem, nahen Blickwinkel fast noch einmal neu zu erleben.

Anfangs weiß Pollack außer ihren Lebensdaten so gut wie nichts von der Tante; in den Familienanekdoten kommt sie nicht vor. Der Hinweis eines Grazer Professors bringt den Reporter auf die Spur: Wahrscheinlich ist Pauline, die ältere Schwester des geliebten Opas, 1945 in Jugoslawien in einem Lager „umgekommen“, wie man in solchen Fällen noch Jahrzehnte nach dem Krieg zu sagen pflegte. Die Persönlichkeit der Beschriebenen bleibt unscharf; viel geben die Quellen nicht her. Schon die sie noch kannten, wissen nicht viel von ihr. Mehr als die dürren Daten sagt das Foto der jungen, aber nicht mehr ganz jungen Frau, die geradeaus, aber reserviert in die Kamera blickt und hinter deren Bürgerstolz auch Trotz und Unsicherheit auszumachen sind.

Deutsch ist die Sprache der Herrschaft und der Kultur

Zunächst gilt es, Klarheit über Paulines Schicksal zu bekommen. 1875 als zweites Kind eines geachteten Gerbereibesitzers in der Kleinstadt Tüffer im heutigen Slowenien geboren, bleibt sie lange unverheiratet – ein stilles, häusliches Wesen, scheinbar bestimmt dazu, den alten Eltern den Lebensabend zu erleichtern. Dann heiratet sie mit fünfzig Jahren einen Slowenen. Das ist ungewöhnlich für die deutschnationale Familie: Paulines überlebende Brüder jedenfalls führt der Kampf um das „Grenzland-Deutschtum“ im damaligen Süden der Steiermark zielsicher in den Nationalsozialismus, eine Ideologie, der sie lebenslang treu bleiben sollten.

In Tüffer, heute Lasko, wird vor dem Ersten Weltkrieg vorwiegend Deutsch gesprochen, in den Dörfern ringsum Slowenisch. In Paulines Jugend ist der sprachliche Unterschied ideologisch hoch aufgeladen. Das Deutsche ist die Sprache der Herrschaft und der Kultur, das Slowenische das Idiom der Bauern und der nationalen Rebellen. „Volkstumskämpfe“ prägen den Alltag – Reibereien um den öffentlichen Raum, um Schulen, Symbole, Prestige. Paulines Brüder nehmen eifrig daran teil und schließen sich Burschenschaften an. Nach dem Untergang der Donau-Monarchie wechselt die Herrschaft; nunmehr sind es die Deutschen, die sich gegen eine feindselige Obrigkeit zu behaupten haben. Zwanzig Jahre später, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach zwei abermaligen Wechseln der Herrschaft, wird Pauline, die siebzigjährige Ehefrau eines angesehenen Slowenen, von Partisanen in ein Internierungslager verschleppt, wo sie unter nicht ganz zu klärenden Umständen stirbt.

Das Anti-Relotius-Verfahren

Um das alles herauszubekommen, hat Pollack Archive durchforstet, Lokalhistoriker in Slowenien konsultiert und mit alten, oft sehr alten Zeitzeugen gesprochen. Die Erzählung zeichnet den Fortgang der Recherche nach. Wer so vorgeht, verlangt sich selbst maximale Lauterkeit ab, muss sich aller kleiner Schummeleien und journalistischer Taschenspielertricks enthalten: Es ist ein Anti-Relotius-Verfahren. Die Verwandtschaft zum Objekt der Recherche erfordert darüber hinaus viel Selbstreflexion. Da einem die eigene Geschichte in den Knochen steckt, man den Opa noch hat reden hören, begegnet man bei vielen Gelegenheiten sich selbst. Eingeübt hat Pollack die produktive Haltung schon im „Bericht über meinen Vater“, einen SS- und Gestapo-Mann.

Pollack vermittelt rund um das Leben der Tante ein anschauliches Bild der deutsch-slowenischen Konflikte. Obwohl er die spätere Geschichte von Paulines Nazi-Brüdern, unter ihnen Pollacks Großvater, nicht ausklammert, hält er sich mit moralischen Urteilen über seine Vorfahren zurück und hält Politik und Persönlichkeit getrennt. So dringt er zu ungelösten Widersprüchen vor. Offenbar war es in Tüffer möglich, abseits der Volkstumsstreitigkeiten einen respektvollen Umgang zu pflegen. Offenbar aber schützten Respekt, selbst Liebe und Ehe nicht vor Verschleppung und Tod. Wie ging das zusammen? Und wie konnten die Nazi-Brüder ihren slowenischen Schwager und selbst einen halbjüdischen Neffen akzeptieren?

Die „Deutschen“ als Hochstapler

Wer ein ähnlich genaues Familien- und Zeitporträt von der anderen, der slowenischen Seite dagegenhalten möchte, wird in jüngster Zeit bei Drago Jancar fündig, dessen Roman unter dem Titel „Wenn die Liebe ruht“ erst in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Die Ergänzung ist auch nötig, denn der spezifisch „deutsche“ Blickwinkel geht selbst dann nicht verloren, wenn ein Autor wie Pollack dem Germanentum mit Kritik und selbst mit Widerwillen entgegentritt.

Die „Deutschen“, kann man in Slowenien erfahren, waren in den Augen ihrer slowenischen Nachbarn nicht wirklich Deutsche, Nemci. Wahrgenommen wurden sie, wie Pollack schreibt, als „Nemcurji“, deutschtümelnde Hochstapler, die sich eine Kultur anmaßten, der sie von Herkunft gar nicht zugehörten. Nicht ethnisch unterschieden sie sich von den Nachbarn, sondern politisch.

Pauline Bast war da eine Ausnahme: Ihr Vater war aus dem Rheinland gekommen und unzweifelhaft ein „richtiger“ Deutscher. Sie hatte einen tragischen Tod, der über ihren Fall hinausweist.

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