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Populärer Denker: Das Chemnitzer Marx-Monument ist in diesen Tagen Teil einer Kunst-Installation.

Michael Quante

Ein Markt braucht Regeln

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150 Jahre nach seinem Entstehen kann der Philosoph Michael Quante dem "Kapital" von Karl Marx Erkenntnisse für unsere Zeit abgewinnen.

Herr Quante, ist Marx noch aktuell?
Ich glaube, dass Marx heute sehr aktuell ist und es auch immer war. Die kurzfristige Aktualitätskette: Krise des Euro, Krise des Weltmarktes, Krise der sozialen Sicherungssysteme und Marx’sche Kapitalismuskritik stellt allerdings eine viel zu kurz greifende Aktualisierung dar. Die Aktualität seines Denkens liegt nach meiner Lesart vor allem darin, konsequent von einem philosophisch-anthropologischen Modell auszugehen und eine ethisch imprägnierte Deutung der Gesellschaft des Menschen in Form einer kritischen Sozialphilosophie zu entfalten. Sie hat viele attraktive Komponenten: Sie zeigt ihr kritisches Potenzial, wenn man über Technisierung nachdenkt oder auch über das Verhältnis von Autonomie, Leiblichkeit, medizinischem Fortschritt, Verbrauch von Ressourcen etc. Wer die Aktualität von Marx eindimensional in seiner Krisentheorie verortet, erliegt dem gleichen Ökonomismus, der seine Rezeption als Philosoph so lange überdeckt hat. Die Philosophie von Marx wird dann auf Ökonomie reduziert. Um dies zu korrigieren, haben wir in dem „Marx-Handbuch“, welches 2015 erschienen ist, Karl Marx als Philosophen ins Zentrum gestellt.

Marx lieferte eine perfektionistische Deutung des Menschenbildes und steht damit mitten in der Aufklärung.
Das unterschreibe ich in jeder Hinsicht. Zum einen gehöre ich zu denen, die Marx im Kontext der deutschen Idealisten Kant, Fichte oder Hegel lesen, und ihn in der Tradition der Aufklärung Schillers, Humboldts oder Herders sehen. Das ist ganz sicher eine intellektuelle Wurzel des Marx’schen Denkens. Sein Perfektionismus hängt mit dieser Tradition zusammen. Aus diesem Grunde kann man Marx heute allerdings auch nicht einfach eins zu eins übernehmen.

Wie meinen Sie das?
Das Paradoxe ist, dass die Kritikfolie, die er uns liefert, sehr aufschlussreich ist und vielen unmittelbar brauchbar zu sein scheint, obwohl die dahinterliegenden normativen Annahmen problematisch sind. Man muss den perfektionistischen Ansatz der Vervollkommnung aller individuellen und Gattungseigenschaften zu einer Konzeption weiterentwickeln, in der es nicht um die Perfektionierung der Gattung geht, sondern um die Sicherung von Ermöglichungsbedingungen für jedes menschliche Individuum. Es geht um Mindeststandards, von denen aus die Menschen ein autonomes und gutes Leben führen können. Das ist in einer neoliberalen Gesellschaft hinreichend provokativ.

Was ist das Instrumentarium des Philosophen, das Denken – wie Hegel meint – oder die Beobachtung?
Hegel hat die Opposition: entweder apriori oder empirisch (bei ihm: erst in den Sinnen und dann im Denken oder genau umgekehrt) für eine schlecht formulierte Alternative gehalten. Nach Hegel muss man diesen Dualismus philosophisch auflösen und beides, Begriffe und Erfahrungen, als Aspekte eines Gesamtnetzes, die zu verschiedenen Zwecken Verschiedenes leisten, begreifen. In diesem Punkt ist Karl Marx ihm in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ kompromisslos und bis zuletzt gefolgt. Wer heute über soziale Gerechtigkeit schreiben will, ohne empirische Forschungsergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, kann keine kritische Sozialphilosophie betreiben, wie sie Marx vorschwebte. Gleiches gilt für die Medizinethik und andere sogenannte „angewandte“ Teildisziplinen der Philosophie. Trotzdem bleibt Philosophie ein normatives Geschäft. Ich bezeichne ihre Perspektive als hermeneutisch-kritisch und ihr Ziel als orientierend.

Wie steht es um die Autonomie?
Autonomie ist ein vieldeutiges Wort. Wenn sie als Selbstverwirklichung der Menschheit als Ganze gedacht wird, dann ist die individuelle Autonomie, wie wir sie in unseren liberalen Gesellschaften verstehen und leben, nicht die primäre Größe. Nimmt man die individuelle Autonomie im heutigen Verständnis, z.B. als Basis individueller Menschenrechte, dann ist zweifelhaft, ob Marx sie als positives normatives Konstrukt akzeptiert hätte. Der Begriff der Selbstbestimmung der Gattung ist klarerweise das bei Marx leitende Bild: Menschen geben sich als soziale Verbände in historischen Prozessen die sozialen Spielregeln, unter denen sie leben.

Wer stellt diese Regeln auf?
Die sind weder von der Natur noch von einer transzendenten Macht vorgegeben. Das heißt aber nicht, dass jeder sie individuell neu erfindet. Marx war davon überzeugt, dass die Selbstbestimmung der Gattung und die eines jeden Individuums nur gemeinsam realisiert werden können. Richtig an seiner Überlegung, so missbrauchsgefährdet sie auch ist, scheint mir zu sein, dass man Konzeptionen von Selbstverwirklichung im Sinne einer rein individuellen Autonomie um eine soziale Dimension erweitern muss. Versteht man sie lediglich als durch Privateigentum und abstraktes Recht individuierbare Grundrechte, so wie sie beispielsweise der Neoliberalismus kennt, dann werden wir sie kritisch hinterfragen müssen, wenn wir uns über soziale Phänomene Gedanken machen.

Nämlich?
Wenn man eine strikt individualistische Konzeption von Autonomie vertritt, wird man z.B. wenig gute Gründe finden, den Verkauf eigener Organe zu verbieten. Wenn man von der Idee des autonomen Subjekts, das mit anderen über Verträge seine sozialen Beziehungen regelt, aus die Wirklichkeit interpretiert, wird man viele Handlungskontexte wie Märkte begreifen, u.a. auch Universitäten und Bildung. So gesehen wird man solche Institutionen und Prozesse als vertraglich aushandelbare Systeme begreifen: Studierende als Kunden und Lehrende als Dienstleister. Man muss sich fragen, ob Bildung nicht etwas anderes ist als solches Marktgeschehen. Gleiches gilt für Pflegeversicherung, Krankenversicherung, Krankenhäuser oder medizinische Versorgung, wo man das Gefühl haben kann, es gehe hier nicht um Menschen, sondern um mehr oder weniger kaufkräftige Individuen, die über Verträge als Nutzenmaximierer wechselseitig aushandeln, welche Leistungen sie erbringen und erhalten wollen. Das scheint mir dem ethischen Geist der Beziehung zwischen Arzt und Patienten nicht gerecht zu werden.

Muss der Liberalismus im Sinne Hegels aufgehoben werden?
Ich glaube, er muss eingehegt und an manchen Stellen auch eingedämmt werden. Wenn man zur Beschreibung unserer sozialen Sicherungssysteme nur die Sprache der Ökonomie verwendet, dann wird man den Geist und die Funktion von sozialen Sicherungssystemen mittelfristig zerstören. Einmal weil viele Dinge, die dort geleistet werden sollen, sich dann nicht mehr erfassen und rechtfertigen lassen. Aber auch, weil das Selbstverständnis der Akteure, die dort arbeiten, nicht mehr angemessen wiedergegeben werden kann. Für die kritische Analyse solcher Verwerfungen hat Marx im „Kapital“ die Kategorien der Ideologie, der Entfremdung und der Verdinglichung bereitgestellt. Wenn wir dann Grenzen ziehen wollen, brauchen wir geeignete ethische Prinzipien. Wenn wir nicht das Vertragsmodell und die Tauschgerechtigkeit, sondern so etwas wie eine Solidargemeinschaft als Grundmodell unseres Zusammenlebens annehmen, dann verschieben sich die Akzente.

Inwiefern?
In den sozialen Sicherungssystemen gab es eine Befreiung dadurch, dass man die liberalen Gedankenmodelle hineingebracht hat, wie das Recht auf Eigengestaltung, mit der die Pflicht zur Eigenverantwortung einherging. Zugleich benötigen wir Menschen Entlastung durch Institutionen, um unsere individuellen Lebensentwürfe realisieren zu können. Auch dies begründet ein Recht, das wir haben. Autonomie in gewissen Bereichen kann ich nur ausleben, wenn ich in anderen Bereichen entlastet bin dadurch, diese nicht selbst regeln zu müssen. Dies bedarf eines Vertrauens in unsere Institutionen, was Hegel mit Sittlichkeit umschrieben hat. Im Gegensatz zu ihm lieferte Marx die Gründe, bestimmten sozialen Institutionen prinzipiell zu misstrauen.

Der Liberalismus stellt sich also selbst ein Bein?
Hegel zeigt für das System der Bedürfnisse, dass es instabil ist, wenn man es sich selbst überlässt. Die Wirtschaftskrise zeigt das auch. Die Marx’sche Idee, dass der Kapitalismus ein aggressives System ist, welches permanent Konflikte erzeugt, zeigt es ebenfalls. Auch liberale Ökonomen sagen: Wenn man in einem bestimmten Bereich Markt will, muss man mehr Regeln einführen, als wenn man ihn nicht will. Man muss einen das Gesamtsystem stabilisierenden Rahmen finden, in dem die freiheitlichen individuellen Akteure ihre individuelle Autonomie ausüben können. Wir haben gesehen, dass es nicht gut ist, wenn die weltweiten Finanzmärkte nicht an den entscheidenden Stellen geregelt werden. So gesehen belegen auch unsere aktuellen Probleme in der Europäischen Union die Aktualität und Unverzichtbarkeit der kritischen Sozialphilosophie, die Karl Marx in seinem Werk entwickelt hat.

Das Interview führte Michael Hesse.

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