Update

Marillen, Mirallen

  • schließen

Angela Spampata und Nazi Paikidze-Barnes haben es nicht leicht: Sie werden im Netz gesperrt, obwohl sie harmlos sind.

Im Netz sind manche Dinge leichter zu verbieten als draußen. Wenn ich es auf meiner Brotaufstrichplattform technisch unmöglich mache, „Aprikosenmarmelade“ zu sagen, kann dort niemand mehr über Aprikosenmarmelade sprechen. Diese Einfachheit des Verbietens führt dazu, dass es schnell und oft gefordert wird.

Aber je gründlicher eine technische Lösung das Unerwünschte verhindert, desto mehr Harmloses erfasst sie auch. Dieser Konflikt ist unter dem Namen „Scunthorpe Problem“ bekanntgeworden. Scunthorpe ist eine Stadt in England, deren Einwohner sich in den 1990er Jahren keine Konten bei AOL (dem Facebook von damals) anlegen konnten, weil im Namen ihrer Stadt das Schimpfwort „cunt“ vorkommt. Was auf den ersten Blick wie eine Kinderkrankheit des Netzes aussieht, passiert bis heute. 2018 gab es einen viel geteilten Twitterthread, in dem Opfer des Scunthorpe-Problems einander ihr Leid klagten. Weil in ihren Namen englische Schimpfwörter vorkommen, können sie sich auf vielen Plattformen nur unter falschen Namen anmelden.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Englische Schimpfwörter sind ein besonders sichtbarer, aber eher kleiner Teil des Gesamtdebakels. In jedem Land gibt es Menschen mit unerwarteten Vor- und Nachnamen, und die meisten Angebote im Netz stehen einem internationalen Publikum offen. Jedes kurze Schimpfwort in jeder Sprache ist Teil eines Namens in dieser oder einer anderen Sprache, darauf weisen im Klagethread von 2018 unter anderem Angela Spampata und Nazi Paikidze-Barnes hin. Der Account der Twitternutzerin digiom wurde vor einigen Wochen vorübergehend gesperrt, weil sie als Antwort auf eine deutschsprachige Frage „die Boomer“ geschrieben hatte und das als englischsprachige Morddrohung „stirb, Boomer“ gedeutet wurde.

Wir alle reagieren ungehalten, wenn man uns zu Unrecht beschuldigt und bestraft. Schon ein einziger falsch positiver Treffer kann im Alltag dazu führen, dass die ungerecht behandelte Person in Zukunft die Ladenkette meidet, in der sie des Ladendiebstahls verdächtigt wurde. Im Netz bedeutet das: Je gründlicher automatisch gefiltert wird, desto mehr falsch positive Treffer gibt es und desto unbeliebter wird die Plattform ausgerechnet bei den gutwilligen Nutzerinnen und Nutzern. Sie ziehen weiter an einen Ort, an dem man sie besser behandelt.

Das Argument, es gebe für irgendetwas keine zufriedenstellende technische Lösung, hat es schwer im Leben. Alle, die es hören, denken nur: „Dann braucht man halt bessere Technik, also bitte, wir sind zum Mond geflogen.“ Derzeit taucht an dieser Stelle meistens jemand auf, der erklärt, dass die bisherigen Ansätze technisch unausgereift waren und künstliche Intelligenz die Lösung ist. Ganz undenkbar ist das nicht. Menschen sind sich ja zumindest gelegentlich darüber einig, welche Schimpfwörter oder sonstigen Inhalte sie an einem bestimmten Ort nicht sehen möchten. Und wenn Menschen diese Inhalte von legitimen Verwendungen unterscheiden können, kann das vielleicht eines Tages auch Software.

Es wird nur nicht viel nutzen. Das Unterlaufen einer technischen Vorkehrung ist viel attraktiver als das Durchbrechen von sozialen Regeln. Wer eine technische Vorkehrung unterläuft, fühlt sich gewitzt und kompetent, und Sprache ist ein flexibles System. Wenn ich verbiete, über Aprikosenmarmelade zu sprechen, werden alle schon aus Protest die ganze Zeit über DEN GELBEN BROTAUFSTRICH oder MARILLEN und, sobald ich auch das verbiete, MIRALLEN reden wollen. Auch Leute, die sich für Aprikosenmarmelade bisher gar nicht interessiert haben, finden es lustig, lange Gespräche über Mirallen, Morellen und Marullen zu führen. Diese Gespräche stiften größere Verbundenheit zwischen den Anhängern der Aprikosenmarmelade, weil sie jetzt ihre eigene Sprache haben. Es wird schwieriger, sich über Leute zu beschweren: „Er hat mich einen Forstwirt genannt, und wir wissen doch alle, dass das hier drin nur ein anderes Wort für Flachwichser ist!“ Die für Moderation Zuständigen werden das vielleicht noch verstehen, wenn sie genug Zeit haben, sich immer auf dem tagesaktuellen Stand der Wortverschiebungsbräuche zu halten. Aber an die Öffentlichkeit kann man sich mit so einem Vorwurf nicht mehr wenden: „Ich bin auf der Internationalen Marmeladenplattform als Forstwirt beschimpft und sogar Niederländer genannt worden!“

Penisbilder werden durch Bilder von Auberginen ersetzt, bis auch die Aubergine zu unanständig geworden ist. Langfristig bleibt nichts anderes übrig, als sämtliche Wörter und Bilder zu verbieten. Auf der Internationalen Marmeladenplattform kehrt Frieden ein, im Netz herrscht endlich Ruhe. Na also, geht doch.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion