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Maren Kroymann im März 2019 bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin.

Maren Kroymann wird 70

Maren Kroymann: Nicht ohne Selbstironie zu haben

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Eine Hommage zum 70. Geburtstag der Charakterkabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann.

Im Fernsehen hat sie ja schon gefeiert. Die ARD würdigte Maren Kroymann vor wenigen Tagen mit der Sendung „Kroymann – Der Geburtstag“. Obwohl das Wort Würdigung nicht sonderlich passt, denn die Schauspielerin und Kabarettistin nimmt sich selbst und ihren 70. Geburtstag an diesem Freitag nicht mit dem üblichen Ernst. Sogar die Tatsache, dass sie nach einer Schulter-Operation Anfang des Monats etwas außer Form geraten war, gab ihr Anlass zum Scherzen: „Meine linke Hand sieht aus wie Kim Jong-un“, schrieb sie auf Facebook. Nun, das Händeschütteln erledigt man hierzulande mit rechts.

Dass im Sendegebiet mit dem rechten Arm auch schon wieder ganz andere Dinge angestellt werden, greift sie in einem der Sketche auf, aus denen sich die Geburtstagsshow zusammensetzt. Ein älterer Herr beklagt sich bei der Ärztin, gespielt von Maren Kroymann, sein Gehör hätte sich so verbessert, dass ihn auf einmal die Nachbarn stören. Zufällig tragen sie türkische Namen. Sein Geruchssinn reagiert neuerdings allergisch auf ein indisches Restaurant. Und der Hals ist auch mächtig geschwollen. „Ich fürchte, Sie sind AfD-positiv“, sagt die Ärztin. Der Mann, gar nicht froh, möchte wissen, wo er sich das Virus eingefangen habe. Im Internet vielleicht? „Facebook, Twitter, Bild.de“, bietet sie an. Doch dann sieht sie, wie sein rechter Arm zu zucken beginnt und ruft den Notdienst.

Maren Kroymann: Nicht Comedy, nicht Kabarett

Maren Kroymann kann eben nicht einfach nur mit dem richtigen Tempo und den wichtigen Pausen Pointen aussprechen, die andere für sie aufgeschrieben haben. Sie ist auch auf der Bühne und im Fernsehen eine politische Person. Nicht Comedy macht sie, aber eigentlich auch nicht Kabarett. Ihre Texte zielen viel mehr auf gesellschaftliche Zustände als auf persönliche Marotten einzelner, ihre politischen Themen sucht sie jedoch weniger in den aktuellen Ereignissen als in – leider – länger haltbaren gesellschaftlichen Zuständen. Und dabei zieht sich ein Thema durch ihre Arbeit, seit sie sich in der Öffentlichkeit bewegt: Wie Frauen in der Gesellschaft, speziell von männlichen Entscheidungsträgern, wahrgenommen und um Chancen gebracht werden.

Als jüngstes Kind eines Hochschullehrers am 19. Juli 1949 in Walsrode geboren, wuchs Maren Kroymann mit vier Brüdern in Tübingen auf. Als prägend für ihren Geschmack und ihr Denken benannte sie die Zeit nach ihrem Anglistik- und Romanistik-Studium in den USA und in Frankreich. Ihr Liederprogramm „In My Sixties“, das sie 2011 zum ersten Mal in der Berliner Bar jeder Vernunft spielte, meinte nur nebenbei ihr Alter. Der Titel spielte auf die Mischung der Songs an, die sie in den 60er-Jahren hörte, in ihrer Pubertät, als etwa Dusty Springfield und auch die Rolling Stones sie zu Antworten auf Fragen führten, die sie sich nicht getraut hätte, ihre Mutter zu stellen. Das Konzert nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in die Erinnerung, privat und politisch. Hier steht bewusst nicht „Zuhörer“: Denn Maren Kroymann stellt etwas dar auf der Bühne, sie weiß sich zu bewegen und interagiert so mit dem Publikum, dass es sich auch stumm wie im Zwiegespräch fühlt.

Maren Kroymann erhielt im Januar den Fernsehpreis für „Kroymann“

Erfahrung ist hilfreich. Bereits während des Studiums spielte Maren Kroymann Theater, das Staatsexamen legte sie noch ab, bevor sie sich doch ganz für die Bühne entschied und bereits ihr erstes eigenes Programm „Auf du und du mit dem Stöckelschuh“ von Fernsehkameras aufgenommen wurde. So gelangte sie als Gast zum Beispiel in Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“, bis sie ihre eigene Sendung mit Sketchen bekam – „Nachtschwester Kroymann“, von 1993 bis 1997. Ein sehr später Nachfolger wurde 2017 „Kroymann“. Im Januar erhielt sie dafür den Deutschen Fernsehpreis und bedankte sich knackig kurz: „Eine schmallippige, postklimakterielle, feministische, vegetarische Lesbe, die stramm auf die 70 zugeht, kriegt eine eigene Sendung in der ARD, macht Scherze, die politisch inkorrekt und patriarchatskritisch sind – ich danke für die Wirklichwerdung einer Utopie.“

In den Jahren ohne eigene Fernsehshow kam sie dennoch regelmäßig in die Wohnzimmer, hatte viele kleinere Rollen, nicht nur im komischen Fach. In der bissigen Miniserie um Frauenleiden „Klimawechsel“ (nach einer Idee von Doris Dörrie) spielte sie eine alternde Gynäkologin. Und in Angelina Maccarones (auf dem Festival von Locarno prämierten) Kinofilm „Verfolgt“ war Maren Kroymann als Charakterdarstellerin zu erleben. Sie verkörpert eine Bewährungshelferin, die von dem jungen Kriminellen (Kostja Ullmann) zu gewaltbetonten Sexspielen verleitet wird. Man sieht ihr an, wie ihre bis dahin so kontrollierte Persönlichkeit als Mutter und Psychologin auseinanderfliegt.

„In unserem Alter muss man ja schon zufrieden sein, wenn die Kollegen wissen, dass man noch nicht tot ist“, sagt Maren Kroymann, gespielt von Maren Kroymann, in der Geburtstagssendung. So ist sie eben – kaum ohne Ironie zu haben. Also: Die Schulter ist operiert und bald werden in Berlin die ausgefallenen Konzerte nachgeholt.

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