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Steve Ditkos Meisterwerk: Spiderman, hier dargestellt von einem kostümierten Unbekannten auf einer Cosplay-Veranstaltung.

Steve Ditko

Der Mann, der Spiderman zeichnete

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Zum Tod des "Spider-Man"-Zeichners Steve Ditko, der im Alter von 90 Jahren gestorben ist.

Superman ist ein gottgleicher Außerirdischer, Thor und Wonder Woman wahrhaftige Götter, Iron Man und Batman sind milliardenschwere Großindustrielle, Captain America ein leuchtendes Vorbild für die Truppen und das ganze Land. Nur Peter Parker ist nichts Besonderes. Steve Ditko, sein nun im Alter von 90 Jahren in New York verstorbenen Zeichner und Miterfinder, hat ihn als einfachen Jungen aus einfachen Verhältnissen entworfen. Als Vollwaise lebt Peter mit seiner Tante May in Forest Hills, im New Yorker Stadtteil Queens, oft reicht es kaum für die Miete. In der Schule wird er gemobbt, er ist ein Nerd, Mädchen scheinen unerreichbar fern. 

Dass Peter Parker ein Doppelleben als Spider-Man führt, Verbrecher und Superschurken jagt und sich dabei von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer an Spinnenfäden durch den Himmel schwingt, klingt wie eine typische jugendliche Allmachtsfantasie. Aber Spidey wird nicht bewundert, die Menschen misstrauen ihm, die Polizei versucht ihn dingfest zu machen und ausgerechnet die Tageszeitung, bei der sich Peter Parker ein bescheidenes Zubrot als Fotograf verdient, fährt eine Hetzkampagne gegen den Netzschwinger. Pfui, Spinne! Dabei weiß niemand, dass Spider-Man selbst von Schuldgefühlen getrieben wird, er fühlt sich verantwortlich für den Tod seines Onkels Ben. 

Man kann also verstehen, warum Spider-Man einer der wenigen Superhelden ist, die ihr Gesicht zur Gänze hinter einer Maske verbergen. Er ist ein gehetzter, zutiefst verunsicherter Aufwachsender. Kurz: Ein Held wie du und ich. Im Nachhinein ist es klar, dass nur Steve Ditko Spider-Man formen und zeichnen konnte, dass Jack Kirby, der Meisterzeichner des Marvel-Verlages, nicht der richtige Mann für Spider-Man war. 

Ditko verleiht Spider-Man beinahe etwas Ballettöses

Obwohl Kirby im Jahr 1962 definitiv an der Genese des bis heute wohl beliebtesten aller Superhelden beteiligt war und Marvels Oberkreativem und Meisterdelegierer Stan Lee die Geschichte vom verwaisten Jungen, der Spinnen-Superkräfte entwickelt, erzählte. Lee selbst kolportierte dagegen später gerne, dass ihm der Gedanke zum jugendlichen Helden mit Spinnenkräften gekommen sei, als er eine kleine Spinne die Wand im Büro des Comic-Verlags an der Madison Avenue hochkrabbeln sah. Fest steht nur, dass Jack Kirby die ersten Seiten mit dem neuen Helden zeichnete, die jedoch von Lee abgelehnt wurden. Entweder weil Kirbys heroischer Stil – seine Figuren schienen kampfbereit aus ihren Bildrahmen zu springen – nicht zum linkischen Schüler passt, den die Sportkanonen seiner Klasse hänseln. Oder weil das Kostüm, das er dem Spider-Man verlieh, allzu sehr einer älteren Kirby-Kreation, The Fly, ähnelte. Worauf der stets gewissenhafte Steve Ditko Stan Lee hinwies – und prompt den Auftrag zugewiesen bekam. 

Ditko warf all sein Wissen und Können und wohl auch seine Seele in die neue Heftchenserie. Wenn sich sein Spider-Man über die Seiten schwingt, seine Kräfte mit charismatischen und allesamt viel älteren Bösewichten wie den Green Goblin und Doctor Octopus misst, haben seine Bewegungen beinahe etwas Ballettöses oder Gymnastisches, er kämpft wie am Schwebebalken mit perfekten Haltungsnoten. Doch erst wenn Peter Parker seine Maske abnimmt, kommt Ditkos Kunst zur vollen Blüte. Kein Comic-Zeichner der Madison Avenue fängt besser die Gefühle in den Gesichtern seiner Charaktere ein: Der glupschäugige Wahnsinn des Kobolds, die adernplatzende Wut des Zeitungsmachers J. Jonah Jameson, Tante Mays stille Sorge, vor allem aber die Nöte und Zweifel seines heillos überforderten Teenage-Helden. 

Mit einem Streit mit Stan Lee endet Ditkos Marvel-Karriere

Schon lange vor seinem Erfolg mit Spider-Man galt Steve Ditko als Experte für mit dem Bleistift festgehaltene Seelenqualen. Von seinem Vater, Tischlermeister in einer Stahlhütte, hatte der 1927 in Johnstown, Pennsylvania geborene Ditko die Liebe zu den Comicstrips geerbt, die damals fester Bestandteil der Tageszeitungen waren. Schon als er nach der Schule als Soldat im Nachkriegsdeutschland stationiert war, zeichnete er Cartoons für die Armeezeitung, zurück in New York lernte er beim Batman-Zeichner Jerry Robinson. Nach einer Tuberkulose, die ihn für ein Jahr außer Gefecht setzte und beinahe tötete, spezialisierte sich Ditko auf die in den 50er Jahren äußerst beliebten Horrorcomics, schließlich lag der wahre Schrecken nicht in den wöchentlich wechselnden Monstern, sondern in den Gesichtern, der Menschen, die von ihnen terrorisiert wurden. Ditkos Figuren, schätzt der berühmte Szenarist Alan Moore, sehen immer so aus, als wären sie entweder am Rande einer Offenbarung oder des totalen Zusammenbruchs. 

Kurz nach seinem Sensationserfolg mit Spider-Man schuf Ditko zusammen mit Stan Lee einen Helden, der es ihm erlaubte, diese Ränder zu überschreiten. Der Hexenmeister Dr. Strange lebt zwar im selben wiedererkennbar realistischen New York wie Peter Parker, doch reist er von hier als astrale Projektion in höhere Dimensionen für die Ditko geometrische Formen zu surrealistischen Bildern zerdehnte. Als bald darauf LSD-Trips zum Initiationsritual der Jugend wurden, fand Dr. Strange seine größten Fans. 

Doch sein fantastischer Lauf bei Marvel endete bereits 1966, er hatte sich mit Lee zerstritten. Keiner der Charaktere, die er für Marvels Hauptkonkurrenten DC Comics oder für andere Verlage erfand, weder Captain Atom noch The Question, stieß auf so kulturell fruchtbaren Boden wie sein Spider-Man. 

Ditko zog sich immer weiter aus der Öffentlichkeit zurück, weder besuchte er Fan-Treffen noch gab er Interviews, stattdessen studierte er im Stillen Ayn Rands Philosophie des Objektivismus und zeichnete einfach weiter. Er wolle, lautete eine der letzten öffentlichen Aussagen Ditkos, der Welt nicht seine Persönlichkeit anbieten, sondern seine Kunst. Und während Stan Lee in jeder lukrativen Marvel-Verfilmung einen kleinen Auftritt absolviert, hüllte sich Ditko weiterhin in Schweigen, verborgen unter seiner Maske. 

Bereits am 29. Juni hatte die New Yorker Polizei Steve Ditko leblos in seinem Apartment aufgefunden, er war wohl schon einige Tage lang tot.

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