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Das große Klagelied: Hiob, hier in einer zum Gedenken ausgelegten englischen Bibel.

„Poetica“

Der Mann, der sich in eine Bibliothek verliebte

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Der Judaist Gershom Scholem ist endlich auch als literarisch versierter Kritiker, Essayist und Dichter zu entdecken.

Gershom Scholem, 1897 in Berlin geboren, ist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Historiker der jüdischen Mystik und der Tradition der Kabbala hervorgetreten. Er hat so die bedeutende Rolle ins Gedächtnis gerufen, die das Judentum über Jahrhunderte hinweg im deutschen Geistesleben gespielt hatte und deren Erinnerung der Nationalsozialismus hatte auslöschen wollen. Dass Scholem als Jugendlicher zunächst Gedichte geschrieben und bei seiner Beschäftigung mit der religiösen Überlieferung seines Volkes stets auch deren zutiefst poetischen Charakter im Auge hatte, war bislang dagegen unbekannt.

Vorbereitet durch eine Tagung 1992 in Berlin fand vier Jahre später eine weitere Tagung an der Universität in Potsdam statt, durch die der literarische Scholem erstmals größere Aufmerksamkeit fand. Jetzt sind seine diesbezüglichen Schriften in einem detailliert kommentierten Band erschienen, der durch die langjährige Beharrlichkeit von Sigrid Weigel, die Scholems in Jerusalem aufbewahrten Nachlass sichtete, und dank der Zusammenarbeit mit anderen Forschern möglich geworden ist.

Gershom Scholem.

Es handelt sich insofern um ein bedeutendes editorisches Ereignis, als hier großenteils unveröffentlichte beziehungsweise an unzugänglichen Orten erschienene Texte dieses Autors wiedergegeben sind. Zunächst geht es um Dokumente, in denen sich Scholem mit der für das Judentum zentralen Tradition der Klage und des Klageliedes auseinandersetzt. Das Volk Israel hat immer wieder Vertreibung und Gefangenschaft erlebt und Erfahrungen von Gottferne gemacht; das Buch Hiob ist zum klassischen Text solcher Verzweiflung geworden. Aber auch in der Liebeslyrik ist die hebräische Tradition groß, und wenn man Scholems eigene Übersetzung des Hohen Lieds Salomos liest, die 1916 in der Druckerei des Vaters erschien, begegnet man einer tiefen Poesie und frischen Sinnlichkeit, wie man sie im gewohnten Kontext der Bibel vielleicht nicht mehr wahrnimmt.

In der jüdischen Theologie ist das Thema der Sprache und Schrift zentral, und Scholems Überlegungen haben ihm immer wieder gegolten. Er schreibt über Sprachtheorie und die Problematik der Übersetzung, wobei er sich zwar in die Nähe zur Dekonstruktion begibt – auch Jacques Derrida hat vom jüdischen Erbe gezehrt –, im Unterschied zu dieser aber am Gedanken einer zu bewahrenden Mitte festhält. Im Sohar, dem „Buch des Glanzes“ und Hauptwerk der Kabbala, erkennt er „jene Gestalt des Unendlich-Verfließenden, das doch immer irgendwie in sein Zentrum zurückkehrt (...), in der allein sich das ‚Strahlen‘ jüdischer Dinge ungebrochen zeigt“. Es gibt eine schier endlose Wucherung der Schrift, innerhalb derer Sinnhaftigkeit aber nicht verloren gehen soll. 1926 widmet Scholem Franz Rosenzweig ein kleines „Bekenntnis über unsere Sprache“ und schreibt: „Es ist schlechthin unmöglich, die zum Bersten erfüllten Worte zu entleeren, es sei denn um den Preis der Sprache selbst.“

Das Buch ist auch insofern wertvoll, als es die Freundschaft des Autors mit Walter Benjamin näher beleuchtet. Benjamin war sein Partner nicht nur für Briefe, sondern auch fürs unmittelbare Gespräch. Zwischen Mai 1918 und August 2019 verbrachten die beiden eine gemeinsame Zeit in Bern, was zu intensivem Austausch führte.

Eine scharfe Rilke-Kritik

Jetzt sind auch endlich die Kritiken zu lesen, die Scholem über Literatur verfasst hat. Seine ganze Bewunderung gilt dem Erzähler Samuel Josef Agnon, den auch Benjamin schätzte. Was ihn selbst für seine Arbeit motiviert hat, wird vielleicht in Agnons Geschichte vom Lastträger Asriel Mosche besonders deutlich. Mosche ist ein ungebildeter Lastenträger, der sich jedoch in eine große Bibliothek verliebt, die Titel sämtlicher dort aufgereihten Bücher auswendig lernt, obwohl er deren Inhalt nie wird verstehen können. Er deckt „die alten Bücher mit seinem Körper (...), als er während einer der Verfolgungen den Märtyrertod starb“.

Während des Aufenthalts in der Schweiz kritisiert Scholem heftig die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke. Benjamin hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass Rilke darin eine Stelle aus dem Buch Hiob – eine Klage – zitiert. Dass Rilke ein ungemein modernes Buch geschrieben hatte, in dem Freuds Entdeckung des Unbewussten Widerhall findet, das Ich sich sowohl von eigener innerer Leere bedroht als auch mit möglicher Sinnlosigkeit der Bücher konfrontiert sieht und von Ängsten heimgesucht wird – das alles interessiert Scholem nicht. Eine derartige Auslotung des Abgrunds, so modern sie auch sein mag, ist seine Sache nicht, obwohl Rilkes Figur trotz tiefster Sinnkrise immer noch auf der Gottsuche bleibt. Trotzdem ist seine Polemik ein wichtiges Dokument der Rezeptionsgeschichte.

Auch zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ findet sich eine Notiz, die aus dem Jahr 1926 stammt, bislang unveröffentlicht war und dieses Werk als Ausdruck „wahren talmudschen Denkens“ feiert. Er schreibt: „Wenn es wahr ist, dass alle Prosa von absoluter Größe mit Notwendigkeit theologische Sachverhalte im Medium der Sprache selbst öffnet, so ist das an diesem Buch zu erhärten.“

Den Band beschließt eine stattliche Zahl jener Gedichte, die der Siebzehnjährige zu schreiben begonnen hatte. Sie sind literarisch weniger interessant, belegen aber das hohe Sendungsbewusstsein des Autors sowie sein Verständnis von Sprache („Im Reiche Gottes bin ich ein Prophet / Und alle Sprache ist in mir Gebet“).

Was diese Publikation erneut erschreckend deutlich macht, ist der Umstand, dass durch die weithin betriebene Auslöschung des Judentums das Denken und Dichten in deutscher Sprache nicht nur bedeutender Ideen, sondern auch poetischer Kraft verlustig gegangen ist. Vielleicht kann dieses Erschrecken ja hilfreich sein. Reichen wir also die Frage weiter, mit der Scholem seine Rede beschloss, die er 1961 für Martin Buber anlässlich des Abschlusses von dessen neuer Bibel-Übersetzung hielt: „Der lebendige Laut, auf den Sie die deutsche Sprache angesprochen haben, ist für das Gefühl von vielen von uns verhallt. Werden sich die finden, die ihn aufnehmen?“

Gershom Scholem: Poetica. Schriften zur Literatur, Übersetzungen, Gedichte. Hg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Hannah Markus, Martin Treml und Sigrid Weigel unter Mitarbeit von Theresia Heuer. Jüdischer Verlag bei Suhrkamp., Berlin 2019. 780 S., 58 Euro.

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