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Charles Dickens – hier um 1860 – wollte ein Gentleman sein, und er sorgte dafür, dass man das auch sah. Manche Zeitgenossen fanden, dass er etwas übertrieb.
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Charles Dickens – hier um 1860 – wollte ein Gentleman sein, und er sorgte dafür, dass man das auch sah. Manche Zeitgenossen fanden, dass er etwas übertrieb.

Charles Dickens

Der Mann, der mehr wollte

Moralisch ist er nur im Prinzip: Der Geburtstag des großen englischen Schriftstellers Charles Dickens jährt sich dieser Tage zum 200. Mal. Ein Porträt des Ausnahme-Literaten.

Moralisch ist er nur im Prinzip: Der Geburtstag des großen englischen Schriftstellers Charles Dickens jährt sich dieser Tage zum 200. Mal. Ein Porträt des Ausnahme-Literaten.

In der frühen Erzählung „Der schwarze Schleier“ schickt der 23-jährige Charles Dickens eine geheimnisvolle Besucherin zu einem jungen Arzt. Mysteriös auch ihr Auftrag: Am nächsten Tag soll er versuchen, einem auf den Tod kranken Mann zu helfen. Lieber würde der motivierte Berufsanfänger aber doch sofort etwas unternehmen. Zwecklos, bedeutet ihm die Dame: Der Todkranke, zeigt sich am Ende, ist der soeben am Galgen hingerichtete Sohn der Auftraggeberin. Die Mutter wollte nichts unversucht lassen.

Das ist es, was Dickens bietet: die lebhafte, aus dem Stand heraus kinoreife Szene; den Knalleffekt, der den fleißigen Leser der vermischten Nachrichten verrät; die Moral (böser Sohn bricht liebender Mutter das Herz), hinter der sich aber ein Abgrund anderer Art auftut – nicht nur in diesem Fall ist es das Entsetzen über die Unumkehrbarkeit des Todes. Die Wahnsinnstat der Mutter macht nur den Blick frei für das, was bei jeder Hinrichtung gilt: Eben war der Delinquent noch wohlauf.

Der Londoner Fußgänger

Dickens’ Interesse an Exekutionen, einem Volksspaß seiner Zeit (1868 fand in England die letzte öffentliche Hinrichtung statt), ist mehrfach bezeugt. Er mietete sich Aussichtsplätze und war zugleich angeekelt vom Jahrmarktbuhei. Das ist kein Widerspruch: Dickens wird seinem Leser immer wieder als Zuschauer und Passant begegnen. Er war kein Flaneur, sondern ein Fußgänger, der systematisch und schnellen Schritts nächtelang London durchstreifte, sein Revier, die Hauptstadt seiner Romane (tragisch, dass er im Alter, was bei ihm bereits die Fünfziger waren, an einem schlimm geschwollenen Fuß laborierte). Alles wollte er sehen, der Vielschreiber brauchte immer neuen Stoff für seine manchmal unter erheblichem Termindruck entstehenden Texte.

Und ganz genau nahm er alles wahr und: furchtbar genau konnte er sich alles vorstellen. Dickens’ Einfühlungsvermögen wird oft unterschätzt, wenn man bedenkt, dass er sich für Mesmerismus interessierte und mit Hypnose-Techniken experimentierte. Die Behandlung einer Reisebekanntschaft in Italien – Dickens war gerne unterwegs, mit und ohne Familie – brach er nur ab, weil seine Frau eifersüchtig wurde. In diesem Falle wohl grundlos.

Nur theoretisch und im Prinzip war Dickens ein Vertreter viktorianischer Moral. Sobald es praktisch und zum Einzelfall wurde – und für einen Mann, der sich alles vorstellen kann, löst sich die Welt in Einzelfälle auf –, eckten nicht nur seine Figuren daran an, sondern auch er selbst. Als er 1865 in Begleitung seiner 27 Jahre jüngeren, geheimgehaltenen Lebensgefährtin Ellen Ternan in das große Zugunglück von Staplehurst verwickelt wurde, musste er die Geliebte und deren Mutter schnell vom Ort entfernen lassen, bevor auffiel, welch prominenter Schriftsteller anwesend war.

Eine Zeichnung zeigt ihn dabei, wie er Verletzten hilft. Die vorausgegangene Trennung von Catherine nach 21 Ehejahren, zehn Geburten und etlichen Fehlgeburten war ein unwürdiges Kapitel. Um sich zu rechtfertigen, diffamierte Dickens seine Frau auch öffentlich. Als er für eine neue Zeitschrift den Titel „Household Harmony“ vorschlug, riet ihm sein bester Freund entschieden ab. Die Nachsichtigkeit der Viktorianer mit ihrem Lieblingsautor wollte er nicht überstrapaziert sehen. Dickens pflegte einen individuellen Umgang mit der von ihm scharf kritisierten Doppelmoral.

Gespür für Ungerechtigkeit

Sein Gespür für Ungerechtigkeit war aber nicht alleine seiner Aufmerksamkeit geschuldet, sondern auch seiner Biografie. Heute vor 200 Jahren in eine bürgerliche südenglische Familie geboren, wuchs er zunächst in behüteten, bald aber prekären Verhältnissen auf. Als der Vater – Vorbild für manchen bornierten Roman-Tunichtgut – in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurde der Sohn als Etikettenkleber in eine Schuhwichsfabrik gegeben. Diese klassische Charles-Dickens-Situation hat er zeitlebens nicht verkraftet. Er kompensierte sie mit ostentativem Gentleman-Gehabe und gehobenem Lebensstil und schwieg sich ansonsten über seine Kindheit aus.

Erst nach seinem tödlichen Schlaganfall 1870 erfuhr das Publikum, dass er David Copperfield war, den er aber wenigstens Weinflaschen etikettieren ließ. Nach einer kurzen Rückkehr in die Schule – Bildungshunger wird seine jugendlichen Figuren durchweg begleiten – kam der 15-Jährige als Junge für alles in eine Anwaltskanzlei. Hatte er schon prächtig Etiketten geklebt, erwies er sich auch hier als findig. Bereits zwei Jahre später arbeitete er als Gerichtsreporter, so erfolgreich, dass bald sein erstes, unter Pseudonym veröffentlichtes Buch entstand, „Skizzen von Boz“.

Dickens’ zahllose Geschichten und 15 meist umfangreiche Romane, von den „Pickwickiern“ (1836/37) bis zum unvollendet gebliebenen Krimi „Das Geheimnis des Edwin Drood“ (1870), dessen Lösung Generationen von Lesern zu ertüfteln versuchten, waren in der Mehrzahl Schlager. Dass das Publikum die „dickenshaften“ Romane von Dickens bevorzugte, mit einem leicht nostalgischen London als Schauplatz, mit ebenso viel Spannung wie Humor, beeinflusste ihn nur teilweise.

Geschäftstüchtiger Literat

Als Zeitungsromane war ihr Erfolg von Kapitel zu Kapitel zu messen, selbstverständlich gab es interaktive Vorgänge zwischen Autor und seiner in die Hunderttausend gehenden Leserschaft. Den Tod von Nell in „Der Raritätenladen“ („The Old Curiosity Shop“, 1840/41) zögerte der geschäftstüchtige Autor dermaßen hinaus, dass englische Schiffsreisende in Amerika im Hafen mit der bangen Frage begrüßt wurden, ob Nell gestorben sei.

Oscar Wildes Bonmot, man müsse ein Herz aus Stein haben, um über Nells Tod nicht zu lachen, belegt nur, wie tief viele Dickens-Szenen im englischen Bewusstsein festsitzen. Die Szene selbst kommt im Roman nicht vor, der Profi weiß, wann die Kamera wegschwenken sollte.

Dickens brauchte den Erfolg, um den düpierten Ehrgeiz seiner Kindheit wettzumachen. Er brauchte das nächste Projekt, um seinem Arbeitsdrang Futter zu geben. Und er brauchte das Geld, um gut zu leben und seine wachsende Familie zu versorgen. Er verhandelte härter über seine Verträge, als es seinen Verlegern und poetisch eingestellten Zeitgenossen lieb war. Als ihm klar wurde, dass er mit Lesungen aus seinen eigenen Werken viel Geld machen konnte, zögerte er nicht – dabei war das seinerzeit noch unüblich und nachgerade anrüchig.

Die Lesungen müssen sensationell gewesen sein und für ihn selbst gesundheitsgefährdend – vor allem, nachdem er den Mord an Nancy aus „Oliver Twist“ ins Programm aufgenommen hatte. Im Publikum löste das hysterische Anfälle aus, er selbst war anschließend nicht ansprechbar.

Der begnadete Schauspieler

Dickens war ein begnadeter Schauspieler. Die hochwertigen Amateurtheateraufführungen, in denen er spielte, die er oft inszenierte und für die er selbst Texte schrieb, waren Bombenerfolge. Auch Königin Viktoria zeigte sich interessiert. Hans-Dieter Gelfert, dessen neue Biografie „Charles Dickens, der Unnachahmliche“ (Beck, 375 S., 29,95 Euro) eine kulturgeschichtlich versierte Einführung in Leben und Werk bietet, spricht von einer „postnatalen Leere“, die Dickens nach den jeweiligen Buchproduktionen füllen musste. Die Aufführungsbeschreibungen in „Große Erwartungen“ (1860/61) bieten Witz und Übersicht, wie es erst wieder Alfred Polgar gelang.

Fast alles, was Dickens’ Romane groß macht, ist Situation und Dialog. Nicht zufällig wurden (von den Filmen nicht zu reden) die zeitgenössischen Illustrationen berühmt: der hungernde Oliver, der um einen Nachschlag bittet, dazu der Satz „Please, Sir, I want some more“. Sentenzen legte der Autor den Doppelmoralaposteln in den Mund.

Dickens wollte Viktorianer sein und so nahmen ihn seine Zeitgenossen auch. Die Kritik in seinen Romanen an den Verhältnissen – den Armenhäusern, dem heruntergekommenen Rechtssystem – ist hart, aber nicht umstürzlerisch. Er liebte Weihnachten. Seine Frauenfiguren sind Scharteken oder kindliche Engel. Die Schurken werden bestraft. Den Guten winkt allemal der Himmel.

Hinter dem manchmal humorig, manchmal sardonisch, manchmal einfach nur Grellen verbirgt sich allerdings – das dämmerte erst dem 20. Jahrhundert – mehr Realismus als Fantasterei: Dickens war kein Romantiker. Und als am Ende von „Oliver Twist“ der Schuft Fagin – und Fagin ist wirklich ein Schuft – vor Gericht sein Todesurteil erwartet, schildert Dickens auf einmal aus dem Blickwinkel des Angeklagten, wie dieser innerlich abschweift, absurde Details im Saal registriert, das Urteil kaum mitbekommt, er, der Abgebrühteste unter den Abgebrühten.

Ein Mann unter Schock. Es ist keine Frage, dass Charles Dickens sich auf diesen Seiten vorstellte, wie irgendein Mensch – wie zum Beispiel er selbst – ein Todesurteil aufnehmen würde. Das ist die Verbindung zu Franz Kafka, mehr noch als die Labyrinthe der Rechtssprechung, in die er den Leser schickt.

In England setzt Dickens Maßstäbe

Ein Vergleich, den englische Biografen nicht brauchen. In England ist es stets Dickens, der die Maßstäbe setzt. In Deutschland wird er bis heute bisweilen für einen Kinderbuchautor gehalten. Eine tolle Verwechslung von Figuren und Leserschaft (und ein ähnlicher Fall wie „Moby Dick“, dort wegen des großen Tieres). Dickens versuchte einmal, ein Kinderbuch zu schreiben, mit bescheidenem Erfolg.

Die große Dame der englischen Biografie, Claire Tomalin, schildert eine Szene wie aus einem Dickens-Roman: 1840 ist der 28-Jährige als Geschworener an einem Verfahren gegen eine angebliche Kindsmörderin beteiligt (schwierig, hier nicht an Goethe zu denken). Der Fall scheint klar, Dickens aber redet so lange auf die Jury ein, bis alle an die Unschuld des Mädchens glauben.

Später gründete er ein Frauenhaus für gefallene Mädchen. Dickens besuchte selbst Prostituierte. Daraus, dass er bestimmte Dinge nicht gut aushielt, zog er aber eigene Schlüsse.

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