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Botho Strauß
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Botho Strauß

Botho Strauß 70

Der Mann mit Eigenschaften

Botho Strauß zum siebzigsten Geburtstag: „Herkunft“ ist das schöne Buch der Erinnerung an seine frühen Jahre.

Von Peter Iden

Sie, die junge Mutter, das Baby an den Oberkörper gewickelt, schiebt ihren halbgefüllten Einkaufswagen an einem zum Teil leergekauften Regal entlang. „Ich habe keinen Wagen mehr bekommen“, sagt der linkische Mann, die Frau unvermittelt ansprechend; und fragt: „Darf ich meine Sachen mit in Ihren Wagen legen?“ Ihre Antwort ist eine Gegenfrage: „Wie soll das gehen?“

„Leichtes Spiel“, das Theaterstück von Botho Strauß, das in zehn Bildern eine Frau auflöst in neun Personen, uraufgeführt von Dieter Dorn 2010 am Münchner Residenztheater, beginnt mit einem Auftritt, der nicht der Normalfall ist, den das Ambiente des Supermarkts nahelegt. Es ist nämlich ein „Paniktag“, irgendeine Krise ist ausgebrochen, darum kaufen die Leute die Läden leer, der linkische Mann resümiert, sie seien beide „die Letzten mit den Resten“, und, nur einen Moment später: „Manchmal genügt ein Blick auf die eigenen Fußspitzen, und man starrt ins Bodenlose“.

Dahin verläuft die Szene dann auch weiter, der Mann bietet der jungen Mutter Begleitung nach Hause und seinen Beistand an, die hinzukommende Schwester der Frau beschimpft sie dafür, dem Wildfremden trauen zu wollen – und geht dann selber, plötzliche Wendung, gemeinsam mit dem Linkischen ab für „einen Happen bei Subway“. Traurig ist das für die Zurückbleibende – aber auch ziemlich komisch und eigentlich ein Witz.

Botho Strauß, der heute in einer grauen Stadt am Meer in kleinstem familiären Kreis seinen siebzigsten Geburtstag feiern wird, und wohl eher nicht mit Fastfood, zeigt in der skizzierten Szene sein Talent für die Nachbarschaft des Tragischen mit der Komödie, die es pointiert. Wie in „Leichtes Spiel“ die neun unterschiedlichen Frauen-Typen, so hatte er schon in seinem ersten Drama, „Die Hypochonder“, von Claus Peymann 1972 in Hamburg auf die Bühne gebracht, fünf Personen sich verirren lassen in dem Labyrinth des falschen Lebens einer Wirklichkeit, der sie nicht wirklich habhaft werden können. Ihre Hypochondrie, das Leiden an der dauernden Überspannung ihrer Nerven, ihr Vorschreiten aus der Introversion an die Grenzen des Wahnsinns, resultieren daraus, dass ihnen selber unerfindlich ist, wer sie sind und wer nicht, was ist und was war.

Verlangen nach Halt und einer verlorenen Liebe

Es ist vor allem dieses Suchende, fragend Tastende, tastend Fragende nach der Wahrheit der eigenen Position gegenüber den Sachen der Welt, das seit jenem Debüt des Dramatikers die Figuren der inzwischen mehr als zwei Dutzend Stücke in ihren Regungen und ihrem Verhalten zu anderen, also zu Gesellschaft, schwankend motiviert und auf oft überraschende, durchaus auch komisch anmutende Reaktionen von für die Theaterbühne großem Spannungsreiz verfallen lässt.

Umgetrieben von ihrem nicht sich erfüllenden Verlangen nach Halt und einer verlorenen Liebe stromert in „Groß und klein“ (1978) Lotte aus Remscheid, die „Unglücksbraut“, von Station zu Station durch wechselnde gesellschaftliche Umgebungen – zu Recht wurde das wahrgenommen als eine aus vielen Ansätzen entwickelte Zeichnung damals der Lebensverhältnisse und Stimmungslagen in der westlichen Hälfte des geteilten Landes, bitter und ironisch ineins.

Wie es dazu kam, wie es war und was es bedeutete, dass dann die Deutschen wieder zusammenkamen, hat Strauß zwischen 1988 und 1993 mit den drei Stücken, die von drei Phasen des Prozesses der Vereinigung handeln, „Besucher“, „Schlusschor“, „Das Gleichgewicht“, in zeitnahen Metaphern erfasst – der einzige, der das auf dem Theater in dieser Dichte unternommen hat.

Formal ist auffällig, dass er für jedes seiner Stücke mindestens eine dramaturgische Chiffre erdacht hat, die auf der Bühne neu war. Der Dramatiker hat sich da als ein szenischer Erfinder erwiesen, der uns oft hat staunen lassen. Es war ein Glück, auch für Kritiker, dass es seine Stücke gab. Wieviel weniger hätten ihre Zuschauer zu streiten und zu lachen gehabt und wäre das Leben ärmer gewesen ohne sie! Drei Jahrzehnte lang hatte Strauß wesentlichen Anteil daran, dass das Theater etwas galt im Land. Es war die beste Zeit.

Immer ist dieser Dichter der Zeit nahe, indem er sich fern, auf Abstand von ihr hält. Was nicht zuletzt sich ausdrückt in der Entscheidung für die Heimstatt im entlegenen Winkel Uckermark. Diese, mit einem Wort von ihm selbst „abständige Nähe“ bewährt sich in Romanen wie „Rumor“ (1980), „Der junge Mann“ (1984), „Die Fehler des Kopisten“ (1997), „Die Unbeholfenen“ (2007), ebenso in den zu breiter öffentlicher Resonanz gekommenen Essays „Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken“ (1987) und „Anschwellender Bocksgesang“ (1993); bestimmt davon sind die zwischen Erzählung und Reflexion gefassten Zeit- und Menschenbilder in „Paare, Passanten“, Schlüsseltexte der frühen Achtziger.

Eine Menge vollbracht

Und nicht zu vergessen ist ja, dass Strauß in der Zusammenarbeit mit vor allem den Regisseuren Peter Stein und Luc Bondy (gemeinsam mit dem Dramaturgen Dieter Sturm) auch viele, die besten Aufführungen der Berliner Schaubühne mitentwickelt hat, des meistbeachteten deutschen Theaters der letzten fünfzig Jahre.

Eine Menge vollbracht hat also der Freund bisher in seinem erwachsenen Leben. Wir haben einander manchmal an Wassern getroffen, am Rhein, an Elbe und Oder, an der Lahn und am fränkischen Main, in Sorrent und Gargnano, in Überlingen und am Rio Grande unserer Phantasien. Mag sein, dass von den Flüssen die Lust an der Bewegung der stundenlangen Spaziergänge kommt, die er braucht für das Denken und das Schreiben: in Verfolg der lebensleitenden Verpflichtung zur Fortführung der Traditionen des vor ihm Geschriebenen.

Im Umgang ist er gewiss einer mit Haken und Ösen. Begabt für die inständige Zuwendung, kann auch heftiger Unmut ihn durchdringend erfassen. Stets aber war und ist es von höchstem Gewinn, und ein Vergnügen, sich auf ihn einzustellen. Wenn Robert Musil die Moderne wahrnahm als „eine Welt von Eigenschaften ohne Mann, von Erlebnissen ohne den, der sie erlebt“ – so begegnet Strauß der zerfallenden Wirklichkeit mit der imponierenden Insistenz auf das Subjekt, das noch imstande sein müsste zu einer Ordnung des Ganzen. Ein Mann m i t Eigenschaften.

Wie schon sein Vater ein solcher war – das darf jetzt so gesagt werden, weil Botho Strauß selbst in dem soeben bei Hanser erschienenen Band „Herkunft“ von diesem Vater erzählt, der ein Vorbild war für das Erwachsenwerden seines Sohnes in Bad Ems, dem Kurort an der Lahn, wohin Vater und Mutter mit dem Jungen sich aus der Sowjetischen Besatzungszone, Naumburg an der Saale, nach Westen abgesetzt hatten. Ein Mann sei der Vater gewesen, „ein einzelner nach altem Ibsen-Format. Ein Mann ist, wer zu lieben und zu hassen vermag. Kein Anwalt des Sowohl-als-auch“.

Wie der Vater, so in diesem Fall der Sohn. Mit berührender Hingabe an das Aufrufen vergangener Zeit lässt Strauß sich ein auf das Einst einer Kindheit und Jugend während der Fünfziger und Sechziger in dem Städtchen am Fluss, mit Vater und Mutter in der Wohnung Römerstraße 18, dritter Stock. Leise grundiert von einem „süßen Schmerz, Wunder und Wunde des Vergehens ununterscheidbar“, hält das Gedenken, stimuliert durch die Schauplätze der Kindertage, inne bei den Gefühlen und Stimmungen, den Vorfällen und Begebenheiten, den ersten, formenden Erfahrungen mit Büchern, der Musik und auch dem Theater, den für wichtig genommenen Banalitäten der Epoche, dem Glück wie den Enttäuschungen durch einzelne Menschen im Umfeld der frühen Jahre.

Das Persönliche wird dabei immer wieder gleichsam überstiegen durch Erwägungen, die jenseits der erinnerten Einzelheiten dem Prozess des Erinnerns selbst und des Älterwerdens in einer traditionsfeindlichen Welt nachfragen.

„Jedes Bild, noch das flüchtigste, war die frühe Einlage in ein Depot von Sinnesreizen, die wertbeständig und hochverzinst dem Alter einen guten Ertrag an Gedächtnis bringen“. Und dann drängt es den Erinnernden, das Verlorene mit anderen zu teilen – „doch niemand, niemand kann da mit hinein!“ Zurückkehren zu dem, der man einmal war – und wer war das?

Das Gedächtnis, heißt es einmal, sei eine „Variable der Sehnsucht“. Derart behauptet „Herkunft“, was das so vielteilig-reiche bisherige Lebenswerk des jetzt Siebzigjährigen veranlasst hat: Sehnsucht, von Anfang an; immerzu.

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