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„Harlem“, 1960.

Saul Leiter in den Hamburger Deichtorhallen

Manchmal reicht eine Hand

Wiederentdeckung in Hamburg: Saul Leiter, der große Unbekannte der Farbfotografie. Kaum einer hat New York je so einfühlsam in Bildern festgehalten.

Von Sebastian Preuss

Wiederentdeckung in Hamburg: Saul Leiter, der große Unbekannte der Farbfotografie. Kaum einer hat New York je so einfühlsam in Bildern festgehalten.

Wer hat New York, diese laute harte Stadt, je so einfühlsam, so zart und mit so weichem Blick festgehalten? Es sind Fotos, die einem die Augen öffnen für die kleinen ästhetischen Wunder im Alltag, die stillen Momente, die nur der sieht, der mit sensiblen Antennen durch den urbanen Trubel wandert. Wir sehen Menschen als Silhouetten durch feuchte Fensterscheiben, dahinter ein Lastwagen wie ein Farbfleck. Eine Allerweltsszene, aber wenn Saul Leiter sie fotografiert, wird daraus ein malerischer Effekt, eingefangen für die Ewigkeit.

Leiter reicht als Motiv eine Hand im Autofenster, wenn sich darum eine merkwürdig fragmentarisch-abstrahierte Landschaft aus Autoblech und unscharfen Flächen komponiert. „Die Sache ist: Man muss alles mit Leichtigkeit machen“, sagt der Künstler. Mehr als sechs Jahrzehnte wandert der 88-Jährige mit der Kamera nun schon durch das East Village, wo er seit 1952 in derselben Wohnung lebt.

Leiter war jahrzehntelang eingroßer Unbekannte. Erst seit 1993 betreut die New Yorker Greenberg Gallery sein Werk, das aus Tausenden Dias besteht, die zum allergrößten Teil noch nie abgezogen wurden – dafür fehlte ihm schlicht das Geld. Das änderte sich erst 2006 mit der Monografie „Saul Leiter. Early Color“ im Göttinger Steidl-Verlag. Jetzt rieb sich die Fotowelt ungläubig die Augen: Musste nun die Geschichte umgeschrieben werden? Hier war einer übersehen worden, der schon seit den Fünfzigern bedeutende Farbbilder machte. Bislang galten Stephen Shore und William Eggleston als die Pioniere der künstlerischen Farbfotografie. Sie begannen in den Siebzigern. Wie sehr man sich damit irrte, zeigen jetzt die Hamburger Deichtorhallen. Mit über 400 Werken erhält Leiter dort seine bislang größte Retrospektive.

Immer wieder Spiegelungen

Als junger Kunststudent sah er im MoMA die Werke von Cartier-Bresson. Sie beeinflussten seine eigene Straßenfotografie, mit der er in dieser Zeit begann. Bereits in seinen ersten Schwarz-Weiß-Bildern sieht man den virtuosen Umgang mit Verschattungen, mit mattem Licht, mit Blicken durch Glas oder fahrende Autos. Ab 1948 experimentierte Leiter mit Farbfilmen. Nicht nur aus Geldnot arbeitete er gerne mit abgelaufenem Material: Dadurch erzielt er die gedämpften, pastellartigen Töne, in denen er auch malte.

Edward Steichen, der Foto-Papst, zeigte 1957 in einem Vortrag am MoMA Leiters Bilder als Beispiele für experimentelle Fotografie in Farbe. Die gestandenen Fotografen interessierten sich damals noch nicht für die 1935 auf den Markt gebrachten Kodachrome-Filme, die überließ man der Werbung. Auch das mag ein Grund gewesen sein, dass man Leiter kaum Beachtung schenkte. Seit 1958 fand er sein Auskommen als Modefotograf. Auch diese Bilder haben den typischen poetisch-gedämpften Leiter-Sound. Wie zufällig erscheinen die Mannequins auf der Straße, hinter Zweigen oder nur im Rückspiegel eines Autos. Sie verdreifachen sich im grobkörnigen Glas oder werden von einem vorbeigetragenen Brett verdeckt.

Leiters Fotografien erzählen selten konkrete Geschichten, wichtiger sind ihm Licht und Ton, Kontrast und Schatten. Er fängt Formen ein: immer wieder die Spiegelungen in Schaufenstern, vorbeihuschende Autos, die wie getupft wirken, als abgeschnitten erscheinende Beine; Passanten, die in zufälliger Überblendung zu komplizierten Gebilden werden. Dabei kam all dies dem Fotografen einfach so vor die Linse. Man muss die Augen dafür haben. Unter Leiters Blick werden Straßenvitrinen zu Gemälden, durch das, was sich auf der gegenüberliegenden Seite gerade abspielt.

Zwischen den Farbkrusten

Leiter richtet seine Kamera oft und gerne durch Glas; die Mattigkeit, die diffuse Brechung oder die Spiegelungen faszinieren ihn. So beobachtete er 1958, offenbar aus einem Café oder einem Laden, eine milchig-winterliche Straßenszene. Exzentrisch wird das Bild durch den Baldachin vor dem Fenster, der die Komposition zu drei Vierteln mit einer dunklen, fast schwarzen Fläche abdeckt. Collage, Fragment, Unfertigkeit – Leiter braucht diese Elemente der Avantgarde nicht anzuwenden; er trifft auf sie in seiner Umwelt.

Ein merkwürdiges Bild ist auch „Window“ von 1957: Abgeplatztes Blau und Grün bedecken das Glas. Zwischen den Farbkrusten ist vage eine orangefarbige Blechdose zu sehen, daneben etwas Geripptes, vielleicht eine Stoffrolle. Eine Komposition wie eine Abstraktion der New York School, und in diesen Kontext gehört Leiter auch. Er malt selbst seit den Vierzigerjahren, eher kleinformatige Farbexperimente mit kalligrafisch tanzenden Linien, irgendwo angesiedelt zwischen Mark Rothko, Helen Frankenthaler und Pierre Bonnard. Leiter bewegte sich in den Fünfzigern in den Künstlerkreisen der Abstrakten Expressionisten, und Franz Kline sagte einmal zu ihm: „Wenn du großformatig arbeiten würdest, könntest du einer der Jungs sein.“

Die „Jungs“ waren Maler wie Pollock, Rothko, de Kooning, die damals zu Ruhm und Erfolg gelangten. Doch Leiter blieb bei seinen kleinen, stillen, alchemistischen Farbexperimenten. Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik, die Kuratoren in Hamburg, integrierten in die Schau eine Auswahl von Leiters Gemälden. Dadurch wird deutlich, wie er seine talentierte, wenn auch nicht weltbedeutende Malerei in genialer Lichtbildnerei fortsetzte. Es stimmt, die Fotogeschichte muss umgeschrieben werden, denn sie hat ihren ersten großen Pionier der Farbe wiederentdeckt.

Deichtorhallen in Hamburg, bis 15.?April. Der preiswürdig schöne Katalog (Kehrer) kostet 49,90 Euro.

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