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Demonstration im November 1919 in Berlin gegen die Abtretung von Danzig und Posen an Polen nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages.

Vertrag von Versailles

"Man unterschätzte die Wirkung auf die Deutschen"

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Der Historiker Jörn Leonhard über den Vertrag von Versailles, warum er so viele Erwartungen enttäuschte und welche Parallelen sich zur Gegenwart ziehen lassen.

Herr Leonhard, der vielgeschmähte Versailler Vertrag, mit dem der Nachkriegsfrieden geregelt werden sollte, hatte einen immensen Umfang von rund 600 Seiten. Was stand da alles drin?
Im Kern ist der Vertrag so aufgebläht, weil man angesichts der vielen Opfer in einem totalisierten Krieg glaubte, einen perfekten Frieden organisieren zu müssen. Diese Regelungswut hat damit zu tun, dass der Erste Weltkrieg gezeigt hatte, was ein Staat regulieren, in welche Bereiche er überall eingreifen konnte. Deshalb reichten die Bestimmungen des Friedensvertrags von territorialen, militärischen, wirtschaftlichen, strafrechtlichen Bestimmungen, über die Anklage, was mit Kaiser Wilhelm II. passieren sollte, bis hin zu winzigen Kleinigkeiten.

Welche wären da zu nennen?
Etwa, dass man die Deutschen zwingt, dass sie optische Geräte, die sie bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China nach Deutschland mitgenommen hatten, auszuliefern. Oder sie sollten den Schädel eines Sultans ausliefern, den sie bei der Niederschlagung eines Aufstandes in Afrika erbeutet hatten. Natürlich stand dahinter auch die symbolische Abrechnung mit dem deutschen Kolonialismus. 

Es geht vom Schädel des Sultans bis zur Kriegsschuldfrage.
Es geht vom ganz Kleinen bis hin zur Feststellung in Artikel 231, dass Deutschland der Hauptverursacher des Krieges gewesen sei, um so die Reparationen zu rechtfertigen. Der zweite Hauptgrund für die Detailversessenheit sind die zahlreichen in Paris anwesenden Experten-Kommissionen.

Ein Heer von Wissenschaftlern war beteiligt?
Allein an der deutschen Delegation waren fast 200 Leute beteiligt, Militärexperten, Völkerrechtler, Finanzfachleute, die in den 20ern eine wichtige Rolle spielen würden. Sie argumentierten, dass die Alliierten ein Interesse daran haben müssten, dass Deutschland sich wirtschaftlich schnell erholte, weil es ein wichtiger Absatzmarkt für Produkte aus den USA, Großbritannien und Frankreich war. Auf der Seite der Alliierten äußerte sich ein Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes ähnlich: Man dürfe Deutschland nicht die Luft abdrücken, man könne sich in einer verflochtenen Weltwirtschaft keine einseitigen Belastungen durch die Reparationen leisten. Viele der Wirtschafts- und Finanzexperten dachten weiter als die Politiker.

Wie fließt ihre Arbeit in den Versailler Vertrag ein?
Viele von ihnen arbeiteten ausführliche Memoranden aus, nicht zuletzt um ihre Tätigkeit für die Friedenskonferenz zu rechtfertigen. Die einzelnen von Fachkommissionen erarbeiteten Teile, etwa zu den Territorialbestimmungen, zu den Reparationen oder den Strafrechtsverfügungen, wurden am Schluss kompiliert, so entstand dieser lange Friedensvertrag, der in dieser Form von kaum einem Politiker komplett gelesen wurde. Viele hatten vor Ende April 1919 immer nur einzelne Abschnitte gelesen, erst als der Vertrag im Mai 1919 zusammengetragen wurde, ließ sich die Tragweite des Dokuments erkennen. Nicht zufällig setzte in diesem Moment die Kritik ein, etwa bei Keynes oder dem Vertreter Südafrikas und späteren Premier Jan Smuts. Es machte eben einen Unterschied, ob man sich die Summe des Ganzen ansieht oder nur an der Arbeit an den Einzelbestimmungen beteiligt war. Aus dieser Perspektive war der Vertrag ein Spiegel moderner Arbeitsteilung, doch unterschätzte das die Wirkung des ganzen Dokuments auf die Deutschen. 

Ist der gute Wille auch in die Friedensverträge eingeflossen? 
Im Versailler Vertrag dominierte das Leitmotiv der Eindämmung Deutschlands und der Bestrafung derjenigen, die man für den Kriegsausbruch verantwortlich machte. In den anderen Vorortverträgen mit Österreich, Ungarn, Bulgarien und später mit der Türkei erkennt man zumindest das Motiv, in Ostmittel- und Südosteuropa eine Landkarte stabiler Nationalstaaten zu schaffen. Etwas anderes ist aber viel wichtiger: Viele Diplomaten erkannten im Sommer 1919 in Paris, dass der Friedensvertrag an vielen Stellen unausgewogen war – eben das Ergebnis komplizierter Kompromisse zwischen den Siegern in London, Paris, Washington und Rom. Aber sie setzen ihre Hoffnung darauf, dass der Friedensvertrag nicht der Abschluss des Prozesses sei, sondern nur ein Anfang. Mit dem neuen Völkerbund in Genf glaubten sie, ein Instrument zu besitzen, um die vielen Probleme der Nachkriegszeit und auch die Konstruktionsfehler der Friedensverträge in den kommenden Jahren ausgleichen können. Viele jüngere Diplomaten setzen ihre Hoffnungen auf den Völkerbund. Man denke nur an dessen Funktion für den Minderheitenschutz in den neuen Staaten Ost- und Ostmitteleuropas, etwa in Polen, der Tschechoslowakei, dem künftigen Jugoslawien. Man denke aber auch an die neuen Völkerbundmandate, oder die Internationale Arbeitsorganisation in Genf, die erstmals soziale Standards für Arbeit definierte. Dahinter stand die Ansicht, dass Frieden mehr sein musste als die bloße Abwesenheit von Gewalt, dass Kriege nicht nur durch Rüstung und Machtkonflikte enstanden, sondern auch durch soziale Ungleichheit. Neben den Begriff des Friedens trat so langfristig ein erweitertes Verständnis von Sicherheit.

Man suchte nach einer besseren Zukunft. 
Es gab nach dem Kriegsende im November 1918 neben allen Belastungen doch die Hoffnung auf etwas Neues, es gab die großen Hoffnungen der Menschen, die diesen Krieg erlebt hatten und die sich sicher waren, dass es nach dieser entsetzlichen Gewalterfahrung keine Wiederholung eines Krieges geben konnte. Kein Mensch sprach 1918 oder 1919 in Deutschland vom „Ersten“ Weltkrieg, weil man sich einen „Zweiten“ gar nicht vorstellen konnte. Und obwohl viele hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt werden konnten und die Desillusionierung unübersehbar war, führt kein gerader Weg von 1918/19 in den Zweiten Weltkrieg. 

Inwiefern?
Den aus deutscher Sicht naheliegenden, aber eben auch deterministischen Blick auf 1918/19 und 1933/39 muss man meines Erachtens aufbrechen. Lange Zeit ist in Deutschland das Jahr 1933 als eine Kulmination von Problemen betrachtet worden, die ihren Ursprung im Kriegsende und dem Frieden von 1919 hatten. Daraus entstand die Erzählung des Versailler Vertrags als ein Diktat von außen. Ergänzt um die angeblich so katastrophale Fehlkonstruktion der Weimarer Verfassung bot dies eine suggestive Erklärung für den Aufstieg Hitlers an. Und ohne Zweifel ist die Belastung durch den Friedensvertrag ein wichtiger Faktor gewesen, aber eben doch nur einer unter anderen. Es gibt keine einfache Kontinuität zwischen 1918/19 und 1933, und die deutsche Geschichte war nach dem Krieg nicht negativ determiniert. Es kam darauf an, was man aus diesem Frieden machte.

Dennoch enttäuschten die einsetzenden Friedensverhandlungen die Erwartungen fast aller. Was war der entscheidende Grund?
Der Krieg hatte zu großen Erwartungen geführt. So entstand eben das, was ich den „überforderten Frieden“ genannt habe. Seit dem Sommer 1914 waren mit jedem weiteren Kriegsjahr und jedem weiteren der vielen Opfer die Erwartungen gestiegen, was ein Frieden alles bringen sollte. Der Frieden musste also vor allem die eigenen Opfer rechtfertigen – und jede Konzession erschien aus dieser Perspektive wie ein Verrat an den zurückliegenden Opfern. Zudem ging es nach 1918 nicht mehr nur um eine neue Ordnung für Europa, wie bei den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück nach dem Dreißigjährigen Krieg oder im Jahr 1814/15 nach den Napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress. 1919 war ein Scharniermoment für eine globale Ordnung. Zu den Friedensverhandlungen kamen nicht nur Tschechen und Slowaken und Polen nach Paris, sondern ebenso Inder, Chinesen, Koreaner, Vietnamesen, Vertreter von Kolonialgesellschaften in Asien und Afrika, deren Menschen direkt oder indirekt am Krieg beteiligt gewesen waren. Ein weiterer Punkt, der direkt mit unserer Gegenwart zu tun hat: Unmittelbar nach Kriegsende 1918 wurde in vielen Gesellschaften das allgemeine Wahlrecht eingeführt. Die Suche nach dem Frieden ging mit dem Durchbruch der Massendemokratie einher. Aber das bedeutete 1919 zugleich, dass viele der Politiker aus Paris zurückkehrten und sich Wahlen stellen mussten, die zu einer Art Plebiszit über die Ergebnisse der Friedensverträge wurden. 

Die Vorgänge wurden von der Öffentlichkeit genau verfolgt.
In Paris waren im Frühjahr 1919 hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt akkreditiert, das verstärkte die Erwartungen noch, dass mit diesem Frieden nicht nur über Territorien und Finanzen entschieden werden, sondern dass eigentlich das Prinzip des Krieges ein für alle Mal beendet werden sollte. Hier lagen die großen Hoffnungen auf dem neuen Instrument des Völkerbundes, was durch die Medien enorm verstärkt wurde. Durch alle diese Faktoren entstand eine strukturelle Überforderung der neuen Friedensarchitektur, und es erklärt auch, warum viele Akteure an diesen Forderungen scheitern mussten.

Das Selbstbestimmungsrecht wird vor allem mit dem US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verbunden. Es galt für Europa, aber wie sah es mit den Kolonien oder mit Asien aus, wo der Krieg ja auch eine große Bedeutung hatte?
Durch Wilson und die Bolschewiki in Russland nach der Oktoberrevolution entstand ein universelles Schlagwort, das in der ganzen Welt rezipiert wurde: von Polen, Tschechen, Südslawen, von Koreanern, Chinesen oder Menschen in Indien oder Ägypten. In Paris wurde aber sehr schnell klar, dass die Vertreter der Sieger in London und Paris nichts am Status ihrer Kolonien ändern wollten, von deren Kriegsleistungen sie so sehr abhängig geworden waren. Das Ergebnis war eine widersprüchliche Argumentation, die auf ein überkommenes Modell der Zivilisierung zurückgriff: Danach konnten Völker für sich das Recht der nationalen Selbstbestimmung erst in Anspruch nehmen, wenn sie eine gewisse Entwicklungsreife vorweisen konnten. Die Mandate des Völkerbundes etwa im Nahen Osten oder in den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika sollten diesem Entwicklungsideal entsprechen. Langfristig sollte daraus dann das Recht der Selbstbestimmung erwachsen. Doch für viele nach Paris gereiste Vertreter aus den Kolonialgesellschaften steckte darin bittere Enttäuschung, und sie kritisierten den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, weil sie sehen, dass das Selbstbestimmungsrecht für einige gelten sollte und für andere nicht. Aus dieser Sicht schien sich unter dem neuen Etikett der Mandate eine alte Kolonialpolitik fortzusetzen. 

Wo zum Beispiel?
Das lässt sich vor allem im Nahen Osten erkennen, wo man während des Krieges einerseits den Arabern einen eigenen Staat und andererseits in der Balfour Deklaration 1917 den Zionisten eine „Heimstatt“ für die Juden in Aussicht gestellt hatte. So entstand ein elementares Glaubwürdigkeitsproblem des Westens in der Region, während Frankreich und Großbritannien ihre Einflusszonen im Nahen und Mittleren Osten verteidigten oder sogar ausbauten. Diese Wahrnehmung der gebrochenen Versprechen ließ sich auch in China beobachten. Weil man die ehemaligen deutschen Schutzgebiete in China nicht zurückerhielt, sondern Japan sie behalten durfte, entschloss sich die chinesische Führung am Ende, den Versailler Vertrag erst gar nicht zu unterzeichnen. Viele Chinesen begriffen diese Politik des Westens als eine Fortsetzung des innerasiatischen Kolonialismus zu Lasten Chinas. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich Anfang Mai 1919 eine große Protestbewegung, die eng mit der Frage verbunden war, ob man sich weiterhin politisch am Westen orientieren sollte oder doch auf die eigene Geschichte oder auf das radikale neue Modell der Bolschewiki. Für den jungen Mao Tse-Tung ist die Enttäuschung über die Unglaubwürdigkeit des Westens eine ganz entscheidende Erfahrung, für den jungen Ho Chi Minh ebenso. Deshalb markiert 1918/19 einen entscheidenden Moment in der Geschichte des Kommunismus und der Dekolonialisierung im 20. Jahrhundert. Viele junge Männer, die selbst in Paris waren oder die Vorgänge von außen verfolgten, begegnen uns später wieder: Mao Zedong, Deng Xiaoping, Ho Chi Minh oder der junge Nehru für Indien. Das macht aus dem Moment von 1919 ein Scharnier für das ganze 20. Jahrhundert.

Interview: Michael Hesse

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