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"Sie beschwiegen die Hoffnungen, die sie als sehr junge Menschen auf das Dritte Reich und den Führer gesetzt hatten". Hier Hitler mit Hitlerjugend, circa 1935.

Nazi-Deutschland

"Man duckte sich erstmal nach Europa weg"

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Ein Gespräch mit dem Historiker Paul Nolte und ein Blick zurück auf die Schwierigkeiten, in der Bundesrepublik eine deutsche Nationalgeschichte zu schreiben.

Herr Nolte, wie sah die deutsche Geschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg aus? Nach der „Deutschen Katastrophe“, wie Friedrich Meinecke 1946 schrieb? 
Da war eine große Verunsicherung. Dennoch: institutionell und auch, was die Personen anging, gab es in der Bundesrepublik eine starke Kontinuität. Der nationalkonservative Gerhard Ritter (1888-1967) zum Beispiel unterstützte den Nationalsozialismus, weil er ihn als Bollwerk gegen den Bolschewismus betrachtete. Er wandte sich allerdings gegen den NS-Staat, als der gegen die Kirchen vorging. Der Lutheraner Ritter, Autor einer Lutherbiographie, war Mitglied der Bekennenden Kirche. Ritter wandte sich gegen den Holocaust, fand aber in einer Denkschrift, die er für Goerdeler schrieb, dass in einem Post-Nazi-Deutschland für Juden nicht die vollen Bürgerrechte gelten dürften. Ritter gehörte zum konservativen Widerstand des 20. Juli. Er war einer der wenigen, die nicht hingerichtet wurden. Für Ritter war das „Dritte Reich“ nicht so sehr ein Produkt der deutschen Geschichte, sondern vielmehr eines der Ergebnisse der Französischen Revolution, mit der der Trend zur Massengesellschaft und, daraus folgend, zum Totalitarismus eingesetzt habe. Die Demokratie, Regierungsform der Masse, erschien ihm deshalb als die Grundvoraussetzung des Totalitarismus. Von 1949 bis 1953 war Ritter der erste Nachkriegsvorsitzende des deutschen Historikerverbandes.
 
Die Nation stand im Zentrum seiner Betrachtung. 
Mitte der fünfziger Jahre begann ein vorsichtiges Tasten nach einem Neuanfang. Man entfernte sich von der reinen Nationalgeschichte und versuchte, Deutschland einzubetten in einen europäischen, ja weltgeschichtlichen Kontext. Theodor Schieder (1908-1984), ein Mann, dessen Bildungshorizont weit über jede nationalistische Verengung hinausreichte, hatte sich gleichwohl als junger Mann wechselnden konservativen Bewegungen angeschlossen, die sich alle gegen die Weimarer Republik stellten. Er vertrat gegen die Nationalstaats- die Reichsidee. In der NS-Zeit warnte Schieder vor den „Gefahren rassischer Vermischung“. Von 1948 bis 1976 lehrte er Neuere Geschichte an der Kölner Universität und war bald einer der einflussreichsten Historiker der Bundesrepublik. Schieder gehört zweifellos zu den Begründern der westdeutschen, methodisch reflektierten Sozial- und Strukturgeschichte.

Welche Rolle spielte die NS-Verstrickung ihrer Protagonisten damals in der bundesrepublikanischen Historikerzunft? 
Zu ihren Lebzeiten fast keine. Erst in den neunziger Jahren und dann auf dem Frankfurter Historikertag 1998 wurde darüber eine Debatte geführt, die auch die Öffentlichkeit ergriff. Zunächst hatte die bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft sich gewissermaßen nach Europa geflüchtet, dann in eine kritische Nationalgeschichte des 19. Jahrhunderts und teilweise der Weimarer Republik, doch der Nationalsozialismus selber blieb ein blinder Fleck. 
 
Die Nationalgeschichte war ja nicht nur durch den Nationalsozialismus desavouiert. Es war ja auch die Nation verschwunden. Sie hatte sich in BRD und DDR geteilt. 
Angesichts der Zerbrochenheit der Nation hätte die Nationalgeschichte ja auch eine größere Rolle spielen können. Aber so war es gerade nicht. Man duckte sich erstmal weg. Nach Europa. Typisch und einflussreich war der Soziologe Hans Freyer (1887-1969): Selber ein früher NS-Anhänger, veröffentlichte er 1948 eine viel gelesene „Weltgeschichte Europas“. Nationalgeschichte spielte dann erst wieder eine größere öffentliche Rolle Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Paradoxerweise also gerade in dem Moment, als die Bundesrepublik und die DDR in ihrer Teilstaatlichkeit angekommen waren und sich als zwei Deutschlands betrachteten. Hinzu kam, dass in der Bundesrepublik Mitte, Ende der sechziger Jahre die Geschichte mehr in den Hintergrund trat. Es war die Zeit der Sozialwissenschaften. Da spielte die Nation keine so drängende Rolle mehr. Man betrieb Sozialgeschichte zwar meist im Rahmen der Nationalgesellschaft, konnte sich aber dennoch vom alten politischen Nationalismus distanzieren. Man hinkte hinter den sozialhistorischen Trends der Franzosen, Engländer und Amerikaner hinterher. Aber das tat man politisch ja auch. Es kam gerade den Westdeutschen ganz gut zupass, in den abstrakteren Kategorien von Gesellschaft und sozialer Ungleichheit zu sprechen. Gesellschaft als Ersatz für eine Nation, die es nicht mehr gab. Da war dann eine andere Generation dran. 
 
Der erste große Historikerstreit der Bundesrepublik war die „Fischer-Kontroverse“ von Anfang der sechziger Jahre ... 
... bei der ging es um die Kriegsschuldfrage, was den Ersten Weltkrieg anging. Fritz Fischer (1908-1999) wurde damals von den konservativen Leitwölfen wie Ritter und Schieder geradezu nationaler Verrat vorgeworfen. Dabei war Fischer selber NSDAP-Mitglied gewesen. Scheinbar paradox – aber es zeigt die Beklemmungen und Traumatisierungen der damaligen Geschichtsdebatten.
 
Beim Historikerstreit von 1986/87 ging es darum, ob der Nationalsozialismus eine Antwort sei auf die Massenverbrechen des Stalinismus. Also wieder um eine Schuldfrage. 
Die Schuldfrage war natürlich immer sofort da. Fritz Fischer vollzog für sich eine persönliche und politische Wendung. Das Bewusstsein der Schuld begleitete diese Generation. Aber er und die anderen sprachen nicht darüber. Auch die nächste Generation, die der Flakhelfer und Hitlerjungen, war davon nicht frei. Auch sie beschwieg oft die eigene Vergangenheit, die Hoffnungen, die sie als sehr junge Menschen auf das Dritte Reich und den Führer gesetzt hatten. 
 
Historiker, die sich nicht für Geschichte interessieren. Jedenfalls nicht für die eigene Lebensgeschichte. Wären wir – die Nachgeborenen, die Leser – nicht klüger geworden, wenn diese Wendungen gerade von denen, die sie vollzogen, thematisiert und analysiert worden wären? 
Es handelt sich um eine als traumatisch empfundene Geschichte. Sie dürfen nicht übersehen: Das sind oft Männer aus einer bildungsbürgerlichen Welt, für die schon das Sprechen über Gefühle ein Zeichen von Schwäche gewesen und als Versagen registriert worden wäre. Zum Beispiel Reinhart Koselleck (1923-2006). Er war offenbar von Militärzeit und Gefangenschaft so tief traumatisiert, dass er trotz all seiner intellektuellen Möglichkeiten außerstande war, sich dem Thema wissenschaftlich zu nähern. Es wurde lange Zeit weggedrückt und tauchte dann, sozusagen in sublimierter Form, in seiner späteren Faszination mit Kriegerdenkmälern und dem Totenkult wieder auf.

Darin unterschieden sich die Historiker nicht vom Rest der Bevölkerung. Aber man fragt sich doch: Was soll Wissenschaft, wenn sie so wenig zur Selbstaufklärung beiträgt? 
Aufklärung ist ein Scheinwerfer, den man auf andere richtet. Wer von Gesellschaft spricht, meint immer die anderen. Die in der Kritischen Theorie damals bemühte Psychoanalyse erforschte die Seelenverwundungen, aber auch wieder: die kollektiven. Den eigenen ging man auch dort nicht nach. Jedenfalls nicht öffentlich. So wenig das eigene Ich erforscht wurde, so wenig wurden die Taten damals untersucht. Es gab eine diffuse Schuld. Auschwitz war eine Chiffre. Im Historikerstreit war viel von der Singularität der Judenvernichtung die Rede. Aber es gab noch gar keine vergleichende Genozidforschung, die das hätte belegen oder widerlegen können.
 
Interessierte sich irgendjemand in der Bundesrepublik für die Entwicklung der Geschichtsschreibung in der DDR? Schauten Nipperdey und Wehler über die Mauer?
Es gab sehr bald eine starke Abgrenzung. Nicht nur ideologisch. Das Bürgertum wanderte überwiegend in den Westen ab. Das zeigte sich auch im Fach Geschichte. Es gab Ansätze einer „antifaschistischen“ marxistischen Geschichtsschreibung, aber bald wurde sie ins stalinistische Prokrustesbett gepresst. Die Geschichtswissenschaft wurde ideologisiert.
 
In beiden Staaten? 
Nein. In der DDR wurde sie sehr genau politisch kontrolliert. Auch deshalb gab es im Westen sehr wenig Kontakte zur DDR-Geschichtswissenschaft. Und darüber hinaus: viel Geringschätzung, ja Verachtung. Aber es gab Ausnahmen. Auf westlicher Seite war es nicht zufällig ein jüdischer Emigrant, Georg Iggers, der versuchte Brücken zu schlagen. Es gab Jürgen Kuczynski (1904-1997) mit seiner Verbindung von bildungsbürgerlicher Gelehrsamkeit und Marxismus. In der damals jüngeren Generation ist Hartmut Zwahr zu nennen, geboren 1936, Professor an der Leipziger Universität von 1978 bis 2001. Er war bekannt geworden mit seiner Arbeit „Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse“: eine sehr detailreiche Studie über Leipzig im 19. Jahrhundert. Nicht zu vergessen der 1934 geborene Agrarhistoriker Hartmut Harnisch, der als einziger DDR-Historiker eine ordentliche Professur am gewendeten Historischen Institut der Humboldt-Universität erhielt.
 
Haben die bundesrepublikanischen Historiker etwas beigetragen zur Wiedervereinigung? 
Nein. Sie war die Tat der Bürger der DDR und Gorbatschows. Man darf aber nicht übersehen: In den achtziger Jahren, als die Teilung immer stärker akzeptiert wurde, erschienen doch wieder große Nationalgeschichten. Und die Idee eines Deutschen Historischen Museums hätte nicht aufkommen können ohne eine neuerliche Hinwendung zur Nationalgeschichte. Das war aber eher eine Art Trauerarbeit. Denn die Nation schien erst einmal ganz vergangen. Umso überraschender kam dann der Mauerfall. Vielleicht halfen die Historiker also damals doch, einen kulturellen Resonanzboden für die Wiedervereinigung zu schaffen – ohne es zu wissen und oft auch, ohne es zu wollen.
 
Und nach 89? 
Da landet man unweigerlich bei Heinrich August Winkler, geboren 1938, und seinem im Jahre 2000 erschienenen Werk „Der lange Weg nach Westen“. Jetzt war ein Fluchtpunkt erreicht, von dem aus eine deutsche Geschichte zu Ende geschrieben werden konnte. Winkler sah die Nationalgeschichte in der Wiedervereinigung zu ihrer demokratischen Erfüllung gebracht. Ein großartiges und auch politisch sehr einflussreiches Werk – und zugleich beinahe eine Erlösungsgeschichte in einem paratheologischen Sinn.
 
Und sonst? 
Archive wurden geöffnet: Der nationalsozialistische Judenmord zum Beispiel wurde erst durch das Ende der europäischen Teilung genauer erforschbar. Seitdem leben wir in einer ganz neuen Geschichte, für die wir noch keinen Namen haben. Sind wir im Augenblick nur in einer Delle, in einem vorübergehenden Rückschlag gegen die großen Entgrenzungen? Werden Europäisierung und Globalisierung im nächsten Jahrzehnt wieder Fahrt aufnehmen – oder stecken wir in einer großen Regression zum Nationalstaat, ja zum Autoritarismus? Postmodern, postdemokratisch, postliberal: Das sind alles Nachklänge an Vergangenes. Wir haben keine Begriffe für die neue Welt. Wir wissen nicht, wohin es geht. Es fehlt eine neue Orientierung. Wir haben den 1948 geborenen indischen Historiker Dipesh Chakrabarty verstanden und erkennen Europa als Provinz einer sehr viel größer gewordenen Welt. Die neuen Kolonialdebatten, der Streit um die Rückgabe europäischen Museumsbesitzes wirft gerade ein Schlaglicht darauf. Aber wir verstehen noch nicht, was daraus für uns folgt, wirtschaftlich und politisch, aber vor allem kulturell und mental. Das müssten wir aber, wenn wir unsere Geschichte schreiben wollen.

Interview: Arno Widmann

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