Das Richard-Wagner-Festspielhaus thront in Bayreuth auf dem Festspielhügel.
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Das Richard-Wagner-Festspielhaus thront in Bayreuth auf dem Festspielhügel.

Uwe Eric Laufenberg

„Man arbeitet in Bayreuth in allem umgekehrt“

Regisseur Uwe Eric Laufenberg über seinen Festspiel-„Parsifal“, über das Christentum in Bedrängnis, über Dirigenten-Typen und über Klima und Kommunikation auf dem Grünen Hügel.

Herr Laufenberg, wann sind Sie zum ersten Mal mit dem „Parsifal“ in Berührung gekommen?
Bestimmt in der Kölner Zeit, ich denke mal Ende der siebziger Jahre. Da hat Jean Pierre Ponnelle inszeniert und John Pritchard hat dirigiert, und ich war Statist. Die Opernfans waren völlig entsetzt, dass die Kundry umbesetzt wurde, die sollte eigentlich Helga Dernesch singen und dann kam eine gewisse Frau Meier. Eine Frau Meier als Kundry! Das war Waltraud Meier, die zum ersten Mal an einem großen Opernhaus die Kundry sang, und sie schlug ein wie eine Bombe. Ein Jahr später war sie in Bayreuth.

Waren Sie ein Opern-Frühstarter?
Ich habe über die Operettenplatten meiner Mutter zu Puccini gefunden, „Madame Butterfly“, dann „Tosca“, „La Bohème“. Dann zu Verdi, zu Mozart, dann zu Wagner, dann zu Richard Strauss, dann zur Moderne. Das waren, würde ich sagen, fünf, sechs Jahre intensives Studium in der Kölner Musikbibliothek. Ich bin zwei-, dreimal die Woche hingepilgert und habe mich mit Klavierauszug durchs Opernrepertoire gehört. Und ich bin wahnsinnig viel in der Kölner Oper gewesen, die damals von ausnehmend hohem Niveau war: Ponnelles Mozart-Zyklus, Lucia Popp, Kiri Te Kanawa, Margaret Price, Ruggero Raimondi. Im „Ring“ habe ich noch Birgit Nilsson, Theo Adam und René Kollo gehört.

Wie oft haben Sie den „Parsifal“ auf der Bühne gesehen?
Ich würde sagen: Zwischen fünfzig und hundert Mal. Hartmut Haenchen, den Dirigenten, der jetzt einspringt, habe ich alleine in drei Inszenierungen gehört, einmal von Romeo Castelucci in Brüssel, dann von Krzysztof Warlikowski in Paris und von Keith Warner in Kopenhagen. Ich bin also eigentlich, was „Parsifal“ angeht, relativ gut informiert:

Eine Lieblingsaufnahme?
Pierre Boulez, so dass es mich jetzt freut, dass auch Haenchen eine sehr stringente Lesart macht. Aber ich mag zum Beispiel auch die Aufnahme von James Levine, was gerade das Gegenteil ist, oder von Karajan. Ich gehe beim „Parsifal“ unterschiedliche musikalische Herangehensweisen durchaus mit. Es muss nur in sich konsequent sein, den Nerv treffen.

Sie kennen die letzten beiden Bayreuther „Parsifal“-Inszenierungen, von Christoph Schlingensief und Stefan Herheim?
Selbstverständlich, ich habe in Bayreuth sämtliche Neuinszenierungen seit 1980 gesehen.

Potzdonner, wie sind Sie an die Karten gekommen?
Ich hatte mal ein Stipendium, über die Richard-Wagner-Stiftung, und von da aus habe ich mir meine Wege gesucht. Als Bühnenkünstler kennt man immer irgendwen. Und seit ich Opernintendant war, bekam ich sogar offiziell Karten.

„Parsifal“ als „Bühnenweihfestspiel“: Sagt Ihnen das etwas?
Lange Zeit habe ich das abgetan. Wagner hat merkwürdige Begriffe für seine Werke gewählt, schreibt unter „Tristan und Isolde“ „Handlung“. Natürlich dachte er bei „Parsifal“ an Bayreuth. Er sollte nur hier gespielt werden, bei einem Sommerfestival, man musste an einen bestimmten Ort fahren, um das Werk zu hören. Und dieses Alleinstellungsmerkmal kann einen schon zu dem Begriff „Bühnenweihfestspiel“ führen. Hinzu kommt das religiöse Thema Jesus Christus. Der Titel ist also aufgeladen mit dem, was auch wirklich stattfindet.

Kopfzerbrechen bereitet Ihnen das nicht, diese Aufladung?
Da ich wirklich sehr viele „Parsifale“ gesehen habe, habe ich mich eher immer gefragt, warum sich alle um dieses christliche Thema herumdrücken. Da steht im Zentrum der leidende Gottmensch, der Gefolterte, der die offene Wunde beklagt, die immer weiter Blut erzeugt. Die Gralsritter müssen das Blut trinken, um die Kraft für gute Werke zu finden. Die meisten Interpretationen, die ich kenne, also vor allem die in der Nachfolge von Wieland Wagner seit den fünfziger Jahren, wollen nichts davon wissen. Ich werde versuchen, mich diesem Thema zu stellen. Man wird sehen, wie weit ich damit komme.

Ich weiß nicht, drücken sich die Regisseure tatsächlich davor?
„Parsifal“ vergrätzt auf der einen Seite die Gläubigen, weil sie es als Einmischung in ihren Glauben sehen. Die Nichtgläubigen sagen: Was soll dieses blöde Stück.

Empfindet man nicht auch Wagner letztlich als einen Gottlosen?
Er hat sich mit Feuerbach und Schopenhauer eine eigene Philosophie zurechtgelegt, aber Sie sehen am „Parsifal“, dass das Mysterium des leidenden Gottes ihn unheimlich angezogen hat. Er hat ja auch ein Drama konzipiert, „Jesus von Nazareth“, das sehr nah an Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ ist. Das Mysterium des leidenden Gottmenschen hat Wagner nicht in Frage gestellt. Kirchliche Auswüchse dagegen schon, das geht ja auch kaum anders. Es ist erfreulich, dass mit Franziskus jetzt jemand die katholische Kirche führt, der auf das Wesentliche des Christentums zurückkommen will.

Sind Sie katholisch?
Ich bin Katholik, katholisch erzogen, war Messdiener und bin mit 49 Jahren wegen der Politik von Kardinal Meisner und seinen Mitstreitern ausgetreten, weil ich die Heuchelei, das Machtgehabe, diesen Reichtum, mit dem sie nichts Barmherziges anfangen, nicht mehr ertragen konnte.

Haben nicht sowohl der Spiegel am Ende vom Herheim-„Parsifal“ als auch der Hase bei Schlingensief sehr wohl eine zutiefst religiöse Facette? War Ihnen das nicht christlich genug?
Na ja, beim Spiegel von Herheim konnte ich das nicht erkennen. Ich habe mich eher die ganze Zeit gefragt, ob ein Toter im Bundestag aufgebahrt werden kann. Aber bei Genscher war es dann ja tatsächlich so.

Ich kam auf den Spiegel, weil er das verschwitzte Orchester und die derangierten Zuschauer zeigt. Alle sind total erschöpft und dazu diese Musik. Das ist der Mensch, dachte ich.
Wichtig ist das „Enthüllet den Gral“ als eine Öffnung von Religion. Indische, asiatische Einflüsse spielen da rein. Wagner hat sie im „Parsifal“ mit dem Christentum verbunden, in der Hoffnung, dass sich für die menschliche Zukunft neue Wege auftun, die von Krieg, Folter, Unterdrückung und Leid wegführen.

Sie scheinen ungebrochen mit dem „Parsifal“ umzugehen. Andere verspüren geradezu eine Verpflichtung zum Gegeninszenieren.
Wenn wir uns selbst dazu verurteilen, alles ständig mit Kontext zu lesen, und uns an das Eigentliche nicht mehr herantrauen, dann stimmt etwas nicht. Ich musste neulich darüber lachen, dass mir im Zusammenhang mit einer Wiesbadener Inszenierung vorgeworfen wurde, ich mache ja nur das Stück. Das finde ich absurd. Natürlich kann man auch was anderes machen. Wenn ich aber „Hamlet“ ankündige und spiele dann etwas, das damit nichts zu tun hat, dann ist das erstmal Etikettenschwindel. Was dabei herauskommt, kann stark sein, aber warum nenne ich den Text dann nicht anders? Das ist mir nicht ganz klar.

Es wird in Deutschland so viel inszeniert. Schwierig für die Existenzberechtigung, wenn man zu sehr beim Reproduzieren bleibt.
Dann muss man mal an neue Stücke gehen. Das ist ein Problem der Oper, dass es nicht genug Neues gibt, dass dieses Neue auch vom Publikum nicht angenommen wird und darum die alten Stücke immer dafür herhalten müssen, als neue Stücke zu gelten. Das ist schrecklich. Und das verschärft sich in Bayreuth nochmal, weil es einen Kanon von zehn Stücken gibt. Da die in den letzten Jahrzehnten auch ziemlich in die Mangel genommen oder sagen wir mal: nicht auf ihren Kern geführt worden sind, ist es doch interessant, es wenigstens beim „Parsifal“ einmal wieder zu versuchen.

Haben Sie die Inszenierungsgeschichte im Schlepptau?
Nein, wobei ich sie auch nicht ausblende. Ich finde es hochinteressant, sie zu betrachten und dann zu schauen, wo das Werk im Moment steht. Bei „Parsifal“ ist der dominierende Regisseur nach wie vor Richard Wagner selbst, dessen Inszenierung fünfzig Jahre lang zu sehen war. 1951 kam die zweiterfolgreichste Aufführung in Bayreuth, von Wieland Wagner, der die Bühne radikal abgeräumt hat. Sie war bis 1973 zu sehen. Wagner und sein Enkel haben die Aufführungspraxis viel deutlicher geprägt als jetzt etwa Schlingensief, dessen „Parsifal“ nur vier Jahre lief.

Könnten Sie sich vorstellen, dass man auf die erste Aufführung zurückkäme? Sie zitieren würde? Das könnte auch entlarvend sein.
Als in Verona 2013 die erste „Aida“-Aufführung rekonstruiert wurde, gab es parallel dazu eine neue La-Fura-dels-Baus-Inszenierung. Es sah eigentlich gleich aus, aber es sah eigentlich auch gleich langweilig aus, wenn man ehrlich ist. Es geht darum, diese Stücke zu beleben, sie mit Geist zu füllen. Wagner verzweifelte, weil er gedacht hatte, er könne in Bayreuth die ideale Aufführung machen. Er musste dann zugeben, vor allem nach dem „Ring“ von 1876, dass ihm das nicht gelungen ist. Es ist eine eigene Kunst, all das, was man im Kopf hat, auch auf die Bühne zu bringen. Sie ist besonders schwer, darum geht es immer nur um den Versuch, so nah wie möglich an den Inhalt eines Werkes zu kommen.

Bayreuth ist ein extremer Fall. Aus Wagnerverbands-Kreisen heißt es, Ihr „Parsifal“ werde auch deshalb so stark gebucht, weil es nach der Trennung von Meese eine Art Dankbarkeitsbonus gebe. Umgekehrt ist noch immer die Forderung da, Bayreuth müsse die Speerspitze des Wagner-Inszenierens sein. Beschäftigt Sie diese Spannung?
Nein, hier ist einfach das Besondere, dass das Stück eben für diesen außergewöhnlichen Ort, das Festspielhaus, gedacht ist. Besonders ist auch, dass man in dieser relativ kleinen Stadt nicht einfach jeden Abend ins Theater gehen kann. Ich habe jetzt mal einen Versuch gemacht mit Hof, mit Nürnberg. Aber im Grunde genommen sind Sie auf das geschmissen, was Sie hier arbeiten. Diese Konzentration ist ein Zustand, den man in einer normalen Großstadt kaum erreicht. Es ist also kein besonderer Druck für mich, aber schon eine besondere Herausforderung. Aber Sie bekommen auch besondere Hilfe, weil wirklich alle, die Technik, der Chor, das Orchester, hochmotiviert sind. Und hochinformiert. Es gibt keinen in diesem Haus, der das Stück nicht sehr gut kennt, der nicht weiß, worauf in welchem Moment besonders zu achten ist. Nur darum kann man über Leute wie Schlingensief oder Meese oder auch Tankred Dorst oder Heiner Müller nachdenken. Das sind ja keine Opernregisseure in dem Sinne. Das galt letztlich auch für Patrice Chereau, der ohne viel Erfahrung ungeheuer Großes schaffen konnte, einen „Ring“, der auch in mir weiterlebt. Das Größte vielleicht, was er je geleistet hat, mit 33 Jahren übrigens.

Wäre das auch Ihr Ehrgeiz, etwas zu machen, über das man noch nach Jahrzehnten spricht?
Mein Ehrgeiz ist, es so gut zu machen, wie es nur irgend geht.

Wie fertig ist Ihr Konzept gewesen, als Sie angereist sind?
Es war ziemlich fertig, weil wir es ja schon für Köln vorbereitet hatten. Die dreißig Jahre, die ich jetzt „Parsifal“ gucke, habe ich immer Ideen gesammelt, habe geschaut, ob etwas davon schon gemacht worden ist. Geplant war die Umsetzung für den Karfreitag im Wagner-Jahr 2013. Das konnte ich Katharina Wagner so vorlegen. Wir haben dann Modifikationen vorgenommen, es gibt natürlich eine Bayreuther Fassung. Das Regiebuch sieht kunterbunt aus. Aber der Grundgedanke stand.

Und hat sich vor Ort auch nicht mehr gravierend verändert?
Nein, eher hat er sich durch die Weltlage noch einmal verschärft. Wir haben eine Kirche im Kriegsgebiet als Grundmetapher, und diese Kirche gibt es inzwischen gar nicht mehr, der IS hat sie kaputtgeschossen.

Das wird so zu sehen sein?
Man sieht die Stelle, an der die Kirche einst gestanden hat. Das hat mich interessiert, das Christentum in bedrängter Lage. Es gibt diesen Film über Mönche in Algerien, die dort geblieben sind und das mit ihrem Leben bezahlt haben („Von Menschen und Göttern“, 2010). Diese Hingabe war mein Ausgangspunkt.

Wie läuft die Arbeit ab? Man lernt sich ja erst spät kennen.
Man arbeitet in Bayreuth in allem umgekehrt. Sie stellen zuerst das Bühnenbild her, das sie dann beleuchten. Dann kommen Sie hierher und inszenieren mit den Sängern im Raum, obwohl der verdeckte Orchestergraben es schwer macht, zwischen Zuschauerraum und den Menschen auf der Bühne Kontakt herzustellen. Dann kommt der Chor für nur einen Tag auf die Bühne. Und dann geht es auf die Probebühne und Sie machen das, womit Sie normalerweise anfangen. Alles andersrum. Es funktioniert, weil jeder, der kommt, hundert Prozent vorbereitet ist und das wahnsinnig gerne macht.

Ist die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten enger als sonst, auch wegen der Akustik-Situation?
Es gibt generell drei Sorten von Dirigenten: Die, die immer da sind und mit denen Sie dann sehr eng zusammenarbeiten. Die, die nur zwischendurch mal kommen und sich einmischen. Und die, die nur zu den Endproben kommen und dann dirigieren. Mir sind die Typen 1 und 3 sehr recht, den Typ 2 mag ich nicht besonders. Da gibt es immer irgendwelche Querelen. Andris Nelsons gehörte zum Typ 1, der war immer da.

Man muss dem Dirigenten hier vermutlich entgegenkommen.
Nein, das muss man bei Andris Nelsons nicht. Aber es gibt ja einen anderen Dirigenten in Bayreuth, der darauf besteht, dass er Weltmeister in der akustischen Erforschung des Festspielhauses ist. Aber seine Erkenntnisse sind nicht meine Erkenntnisse, und da sind wir durchaus aneinander gerasselt. Mit Andris Nelsons gab es diese Konflikte nicht. Nun sehen Sie: Er ist weg, er war also auch nicht unbedingt der Meinung dieses Dirigenten.

Es war zu lesen, es sei vor Nelsons’ Abgang auch um Besetzungsfragen gegangen. Stimmt das?
Das stimmt auch. Hier wird im Moment ziemlich hart mit den Sängern umgegangen und das haben sie mitunter nicht verdient.

Sie wollen Ihre Sänger anständig behandelt wissen.
Ich möchte sie anständig behandelt wissen, und andernfalls werde ich sehr kämpferisch.

Wie würden Sie das Klima insgesamt beschreiben?
Es ist gespalten. Eigentlich ist es hervorragend, sehr familiär. Die Technik können Sie sich gar nicht vorstellen, das bekommen Sie in keinem noch so gut geölten Repertoiretheater geboten. Dann gibt es eben diesen Wahnsinn von Sicherheitsmaßnahmen, die völlig bescheuert sind in ihrer Umständlichkeit. Und dann gibt es ein bisschen zu wenig Kommunikation von oben nach unten.

Werden Sie am Ende das Gefühl haben, einen wirklich fertigen „Parsifal“ zeigen zu können?
Ja. Wobei ich mich schon jetzt auch immer mit der Kostümbildnerin und der Bühnenbildnerin austausche und mir Varianten überlege, die man im nächsten Jahr noch probieren könnte.

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