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Der malträtierte Himmel

Paris liegt in der Naxoshalle: Eine Silvestergesellschaft mit Houellebecq und Pramls Theater

Von JAMAL TUSCHICK

In der letzten Nacht des Jahres soll mich nichts mehr interessieren als die epochale Effekthascherei der Naxoshalle im Frankfurter Ostend. All ihre Auf- und Zugänge. Der Staub in ihren Ecken, wie aus einer jüngeren Steinzeit und noch voller Metallspäne. Ihr Industrieparkett aus ölgesättigtem Stirnholz.

Seit Jahren bespielt Willy Praml mit seinen Leuten die vormalige Produktionsstätte für Schleifmaschinen. In dieser Nutzung gewinnt der Raum, er mausert sich zur Kathedrale. Wie ein Portal wirkt die Tür eines stillgelegten Aufzugs. Eine Groteske könnte dahinter in Auftrag gegeben worden sein oder einfach auch nur Kinskis Grab da liegen. Wie zischende Diener stehen Heizpilze zur Verfügung, während wie in Kulissen, mehr noch, wie in einem in Molton ausgeschlagenen Séparée, aus Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" vorgetragen wird. Der beunruhigende Text erreicht ein winterfestes Auditorium. Diese Silvestergesellschaft hat sich gerade vor der Sonderstimmung im Maschinenraum abgeschlossen.

So verwaist zeigt er sich mir als Ballsaal. Eine Wand aus Kälte steht davor. Die Effekte sind kaum zu sortieren, zumal schon Raketen aufsteigen. Getrennt von der Visualität des Bühnengeschehens erscheint es mir, als spräche der Raum selbst in den Worten von Houellebecq: "Paris ist eine grauenhafte Stadt".

Ab und zu singt er auch Brecht. Ich verliere mich im Anblick der Träger, beobachte monumentale Muttern und sehr erstaunliche Muster aus Nieten. Wie schön die Farbe abblättert.

Houellebecqs elender Held legt sich ein Messer zu, Brecht'sche Rumpelgleichungen unterbrechen den narrativen Strang des Vortrags ... Brecht war ein Bulldozer des Gemüts ... Ich zähle die Tische. Sie sind mit zerschnittenen Brautkleidern drapiert. Jetzt erscheint mir die Hallendecke als malträtierter Himmel. Meine Gedanken stellen die Naxoshalle auf eine Kopfseite, so dass ihre Glasfront dem Ostend vertikal die Stirn bietet: mit so einer New Yorker Extravaganz von 1930.

Die Vorstellung ist zu Ende, das Buffet wird eröffnet. Ich spiele mal wieder Lokalreporter, frage Leute nach ihren Erwartungen und notiere gewissenhaft ihre Hoffnungsabbreviaturen. Die sind alle im Privaten verankert, wie könnte es auch anders sein. Mit vollendeter Seniorität bietet der Hausherr dem neuen Jahr die Chance, sich zu der Musik von Johann Strauss den Zeitgenossen angenehm zu machen. Die Tanzfläche grenzt an eine Wand aus Plexiglas. Dahinter liegt eine Allee, tatsächlich eine Allee. Das muss man gesehen haben.

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