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Maler Willi Sitte gestorben

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Von: Ingeborg Ruthe

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Der Grafiker und Maler Willi Sitte am 28.02.2006 in Merseburg.
Der Grafiker und Maler Willi Sitte am 28.02.2006 in Merseburg. © dpa/Peter Endig/Archiv

Immenses Werk, widersprüchliche Biografie: Der Maler Willi Sitte ist tot. Für die einen war er einer der größten deutschen Gegenwartskünstler - für die anderen ein DDR-Staatskünstler.

Für einen Atheisten habe er ja nun ein biblisches Alter erreicht. So kommentierte Willi Sitte, schon fest an den Rollstuhl gefesselt, im Februar 2011 seinen 90. Geburtstag. Da hatte sich der Hallenser Menschenmaler und Hauptvertreter einer DDR-Kunst, die für Weite und Vielfalt stehen wollte und sollte, längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sein Bilderberg, sofern nicht in Museen oder mehr und mehr in private Sammlungen gelangt – und diese gerade im deutschen Westen zu finden – gehört der nach 1990 von einem Freundeskreis gegründeten Willi-Sitte-Stiftung mit Galerie in Merseburg.

Diese Stiftung gibt nun bekannt, dass der Maler am Samstag in Halle verstorben ist. Damit sind die „Großen Vier“ der DDR-Malerei – im Volksmund auch gern ironisch „Viererbande“ genannt – Geschichte. Die alten Barden der „Leipziger Schule“, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, hat der Hallenser um Etliches überlebt. Freundschaft aber verband sie nie.

Nach und nach hatte Sitte abgeschlossen mit seiner unverwechselbaren Bildwelt sinnlicher Fleischlichkeit. Schluss gemacht hatte er auch mit dieser einst so dynamischen Zuversicht ins sozialistische Gesellschaftsmodell, dieser Apotheose unzimperlicher Liebe und schwerer, aber fast missionarisch dem Wohle aller dienender körperlicher Arbeit.

Der erste Maler der DDR

Der Nachlass dieses Malers ist so immens, wie seine Biografie widersprüchlich war. Zu DDR-Zeit zählte der aus Kratzau (Tschechien) stammende, seit 1947 in Halle lebende Künstler und Ex-Garibaldi-Partisan gegen die Nazis zur Prominenz. Er war der erste Maler der DDR, er lehrte in Halle und war Präsident des Verbandes Bildender Künstler, er glaubte lange fest an die kommunistischen Ideale, daran, dass die DDR das bessere, gerechtere Deutschland sein könne. In der Stalinzeit allerdings war er wegen seiner „modernistischen“ Stilistik, die sich an der Bildwelt und Körpersprache von Malern der Moderne wie Pablo Picasso, Renato Guttuso, Max Beckmann und Fernand Leger orientiert hatte, als Formalist angefeindet worden. Aber später, unter Honecker, saß Sitte, der Bauernsohn, im ZK der SED, wurde mit Nationalpreisen geehrt.

Doch dann, 1990, ließ er die proletarischen „Erdgeister“, denen er in seiner Malerei über Jahrzehnte die Kraft der Weltveränderung in die Muskeln hineingemalt hatte, verstummen. Bitter und aggressiv rammte er auf einer letzten großen Leinwand den Arbeitertypus, einst Sieger der Geschichte, mit dem Kopf in die Erde. Rings um diese Gestalt geschieht Gleiches mit den revolutionären Massen, wie sie in Sittes epochalen frühen Leuna-Gemälden auf die Weltbühne traten. Sie stecken tief im Dreck. Enttäuschter, sarkastischer kann ein Maler wohl kaum darstellen, wie hohe, jedoch verratene und verkaufte Ideale zum Teufel gingen.

Für Willi Sitte gibt es nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deserteur aus Hitlers Armee und der Zeit im Antifa-Widerstand bei den italienischen Partisanen, keine größere Schönheit als die des menschlichen Körpers. Das war und blieb so in der Wiederaufbauphase in der DDR, auch in deren konfliktreichen Jahren zwischen Sein und Schein sowie über das klägliche Ende des vormundschaftlichen Staates hinaus.

Die einen sagen so, die anderen so

Sittes Bilder wurden – gelobt und abgelehnt, verstanden und verspottet – zu Standardwerken des Realismus. Der stilistische Bezug zu den barocken Formen Rubens’ und der expressiv-fleischlichen Farbästhetik eines Lovis Corinth sind überdeutlich. Das Dünnblütige war halt seine Sache nicht. Und in seinem Werturteil über Kunst, in seiner exponierten Position, spielte diese Neigung auch eine Rolle.

Sitte galt nicht eben als Förderer von abstrakten Experimenten, von Aktionskunst und bildhaft offener Kritik am Staate DDR; und so mancher Künstler, der die DDR im Zorn verließ, gab auch ihm einen Teil der Schuld. Er hat sich zeitlebens dazu kaum geäußert, einstige Schüler und Kollegen allerdings sagen, dass Sitte sich sehr für sie und ihre Belange eingesetzt habe. Die einen sagen so, die anderen so.

Dabei experimentierte er in den 1950ern und 1960ern selbst mit expressiven, neusachlichen, surrealen, sogar abstrakten Elementen – bis hin zu historischen, mythologischen und religiösen Themen: Motive, die zum Wesentlichen zählen, was deutsche Malerei der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. „Leuna II“; das Bild hängt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die „Lidice“-Studien um 1956 und das Bildnis „Meine Eltern“ (1962) seien hier genannt.

„Der menschliche Körper ist für mich das, was für andere Maler vielleicht die Landschaft oder das Stillleben sind“, so ein Leitsatz von Sitte. Dieser Körper war immer wie Lebens-Materie: die Liebespaare, die wie Löwenbändiger agierenden Schwerstarbeiter, denen Sitte immer mehr Stolz und Selbstbewusstsein aufmalte, als sie wohl wirklich besaßen. Sitte malte auch Intelligenzler.

Die aber blieben seltsam blutleer. Die Farben barsten auf der Leinwand, sobald er sich in die Wucht des Proletarischen hinein malte. Gleiches passierte, wenn er Liebende darstellte: Geschlechterkampf in der Körperpracht der griechischen Mythologie. Diese Bilder kaufte in den frühen achtziger Jahren der Aachener Schokoladenfabrikant und Sammler Peter Ludwig. Sie waren auch 1977 auf der Documenta zu sehen, als es schien, die deutsch-deutsche Eiszeit erlebe zumindest kulturell ein wenig Tauwetter.

Nach dem Fall der Mauer kam es zu einer Kränkung, die den leidigen West-Ost-Bilderstreit wieder auflodern ließ. Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg hatte eine Sitte-Retrospektive vorbereitet, der Verwaltungsrat stoppte die Schau: Die Person des einstigen „DDR-Staatskünstlers“ solle erst einer kritischen Aufarbeitung unterzogen werden. Sitte lehnte jede weitere Zusammenarbeit ab.

Er war mächtig und leutselig, als Kommunist prinzipienfest und, wenn er wollte, tolerant. Und er half denen, die auf Linie blieben. Sobald Millionen DDR-Bürger zu den Zentralen Kunstausstellungen in Dresden pilgerten, lästerte auch der Volksmund über Sittes duschende Kumpel im Salzbergwerk, über seine vierschrötigen Stahlwerker und derben LPG-Bauern: „Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt.“ Das hat ihn immer sehr geärgert, denn er wollte in seiner barock-sinnlichen Malweise als Humanist verstanden werden.

Und dass die Malerei als solche zwar tausendmal totgesagt, noch immer lebt und dass die figürliche, gegenständliche Malerei gerade in den Jahren nach dem Kalten Krieg und der Befreiung von allen ideologischen Dogmen so kräftig Urständ feierte, hat ihm noch einigermaßen Genugtuung verschafft. Als sein Lebenswerk bezeichnete Sitte 15 Jahre nach der Wende die Galerie der Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst, die in Merseburg 2006 mit Prominenz wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet wurde und seither zeigt, was in vielen Museen des deutschen Osten ins Depot verfrachtet wurde. Die nächsten Generationen, da war Sitte fest überzeugt, würden seine Körper-Malerei wieder ans Licht holen.

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