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Vor zwei Jahren bei Sandra Maischberger (v.l.n.r.): Wolfgang Kubicki (FDP), Thomas Oppermann (SPD), Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Steffi Lemke (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linke) und Alexander Gauland (AfD).

Zentrum für politische Schönheit

"Maischberger ist die letzte, die sich weigert, Gauland zu ächten"

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Künstler und Philosoph Philipp Ruch ist Gründer des Zentrums für politische Schönheit. Im Interview mit der FR übt er harte Kritik an der deutschen Talkshow-Landschaft.

Sie haben Post von Sandra Maischbergers Anwalt bekommen. Weshalb? 
Die Geschäftsfrau Maischberger sorgt sich um ihren Ruf. Völlig zurecht. Sie behauptet immer, dass sie eine Journalistin sei und versucht das urkomisch von der Berufsbezeichnung "Moderatorin" abzugrenzen. Aber Maischberger war und ist eine Geschäftsfrau, die es versteht, ihr sehr zeitgemäßes Geschäft zu betreiben. Im Kern besteht es in der völligen Verantwortungslosigkeit. In der vorsätzlichen Störung des sozialen Friedens. Sie macht sich wohl vor, dass das nichts mit ihr zu tun habe und dass die Autokratien in Europa überall auf dem Vormarsch seien. Von Macron oder der neuen spanischen Regierung scheint sie nichts mitzubekommen. Der Vorwurf, der gegen Sendungen wie „Maischberger“ im Raum steht, ist der, dass die Sendungen bei der Vorbereitung von Übergriffen und Gewalttaten auf Minderheiten potenziell mitwirken. Diesen Vorwurf kann der finanzierende Sender, der WDR, nicht ernst genug nehmen.

Auf Twitter fordern Sie einen 18 Monate langen Einladungsstopp für sämtliche Talkshows für Alexander Gauland. Wieso gerade 18 Monate?
Wir haben versucht, etwas zwischen Utopie – gar nicht mehr einladen – und Realismus zu finden. Plasberg hat dann alle überrascht mit seiner Ankündigung, Gauland nie mehr einzuladen. Maischberger ist im Übrigen die letzte, die sich bis heute weigert, Gauland zu ächten. Mittlerweile ist aber auch die Debatte weiter. Es geht nicht mehr darum, der Öffentlichkeit zu erklären, dass Gauland einfach nicht gesellschaftsfähig ist und auch Talkshows nicht so tun sollten, als sei er das doch. Die Debatte dreht sich schon gar nicht mehr um die eingeladenen Brandstifter, sondern darum, dass eine Moderatorin wie Maischberger selbst potentielle Brandstiftung betreibt. Es ist der morbide Prollsound der Bild-Zeitung, der sich in den meisten ihrer Sendetiteln findet. Ich sehe für „Maischberger“ keine Lösung mehr außer der sofortigen Absetzung. Der WDR führt diese Debatte intern bereits. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wenn so ziemlich alle Intellektuellen des Landes sich dazu bereits geäußert haben, warum der WDR seine "Gedanken" dazu nicht auch öffentlich diskutiert.

Plasberg lädt Gauland nicht mehr ein. Gehört er jetzt zu den Guten?
Plasberg hat immer gesagt, wenn quotentechnisch nichts mehr funktioniere, mache er eine Sendung über Pflege. Genau das war dann auch sein Thema diese Woche. Der Mann scheint ein abgehärteter Zyniker zu sein, der die FDP wählt, um wohl den Armen zu helfen. Es liegt aber auch etwas Schönes in der Luft, wenn Plasberg verstanden hat, dass Alexander Gauland mit seiner letzten Äußerung zur Verharmlosung des Holocaust eine rote Linie überschritten hat. Daraus hat journalistisch gesehen nicht der Ruf nach der Justiz zu folgen, wie das viele in der vierten Gewalt tun, sondern der Verlust der sozialen Achtung. Die Parteiangehörigen der AfD sind offen rechtsradikal und weder diskurs-, noch gesellschaftsfähig. Das sagen nicht nur wir. Das sagte auch schon Martin Schulz und neuerdings sogar Annegret Kramp-Karrenbauer: die AfD ist eine rechtsradikale Partei.

Sie sagen, es diskutieren zu viele Politiker in den Runden. Intellektuelle würden kaum eingeladen. Was könnten die besser bzw anders machen?
Über den Talkshows liegt eine Intellektuellenfeindlichkeit, die gefährlich ist für eine öffentliche Debatte. Das gesellschaftliche Selbstgespräch lebt von einfallsreichen und widerständigen Geistern. In dem Moment, in dem die gesellschaftlichen Debatten unter Ausschluss öffentlicher Intellektueller geführt werden, wird eine Gesellschaft seltsam kleingeistig, stumpfsinnig und starr. Ohne die kulturelle Energie sind wir Menschen nur Barbaren.

Es gibt das große Missverständnis, politische Talkshows mit Politikern zu besetzen. Die allermeisten Politiker bekommen vor einer Sendung von ihren Pressereferenten Bullet-Point-Listen zugesteckt, die sie dann runterquasseln, um nur seltsam rührselig zu werden, wenn sie irgendetwas Privates gefragt werden. Dann ist es konsequenter, die Pressereferenten selbst einzuladen.

Intellektuelle können Standpunkte interpretieren, neu bewerten, die Geschichte heranziehen, Debatten umprägen und – ganz wichtig – vollkommen überraschen. Ich bin noch nie von einem Politiker in einer Talkshow überrascht worden.

Warum finden Leute wie Beatrix von Storch immer wieder Platz in den Shows? Wie wird das begründet?
Maischberger hat dazu ein einziges, seltenes Mal Stellung bezogen und zwar – bezeichnend genug – bei Böhmermann. Der hat ihr in wünschenswerter Klarheit vor langer Zeit vorgeworfen, dass sie die AfD groß gemacht habe. Dass sie andauernd Beatrix von Storch einlade, begründete sie damit, dass von Storch immer "so pointierte Positionen" vertrete. Das macht mich nervös, weil es auf ein Versagen hinweist. Denn jener Aspekt, der strafrechtlich langst für Deutschland geregelt ist – bereiten Sie mal die Zerschlagung der Bundesrepublik vor –, wurde auf europaischer Ebene schlicht vergessen. Maischberger hat in ihrer Sendung maßgeblich gedanklich die Zerstorung der Europaischen Union zur besten Sendezeit diskutieren und somit auch vorbereiten lassen und das spater als "pointierte Position" gerechtfertigt. Die Geschäftsfrau ist zu klug, als dass wir ihr das als Naivität auslegen könnten.

Haben Sie ein Beispiel? 
Schauen Sie sich einmal den Moment an, in dem sie in einer Art Affekthandlung versucht, Jutta Ditfurth aus der Sendung zu schmeißen. Als ihr das nicht gelingt, richtet sie einfach die restliche halbe Stunde kein Wort mehr an sie. Man ist davon peinlich berührt. Maischbergers Verhalten wäre ein gefundenes Fressen für den Studiengang "Machtnähe". So jemand kann einfach keine Sendung vor Millionenpublikum moderieren. Dazu kommt ihr Anti-Intellektualismus, die gezielte Abkehr von Intellektualitat in der Offentlichkeit. Und das hat nichts mit dem Anspruch zu tun, eine verständliche Sendung zu produzieren. Man muss nur einmal Thomas Fischers Kolumne, seinen Erlebnisbericht als Gast bei "Maischberger" lesen, um zu verstehen, wo das Problem liegt.

Hat das einen gesellschaftlichen Einfluss? Die meisten Leute sagen ja, sie schauen gar nicht zu.
Wenn wir die Quoten dieser Sendungen zusammenzählen, übertreffen die Zuschauerzahlen bei weitem die Leserzahlen der Bild, über die sich alle so aufregen. Dazu kommt aber ein elementarer Aspekt: kein Leser der Bild-Zeitung verbringt 70 Minuten mit seiner Ausgabe. Selbst wenn wir die durchschnittliche Lesedauer maximal veranschlagen, sagen wir: 10 Minuten, kann der schwarze Brei der Negativität aus Angst vor Einbrechern, Eindringlingen und Seuchen nicht den Schaden anrichten, den eine Talkshow schafft. In 70 Minuten wirkt Hetze viel nachhaltiger als in 10.

Wie sieht für Sie die ideale Talkshow aus? 
Stellen Sie sich einen Saal voller kritischer Journalisten, Intellektueller, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler vor. Ein ganzer Saal, den sie sich machtferner, gebildeter, kreativer und besessener kaum denken können. Und jetzt schlendern da die Kanzlerkandidaten der Bundestagswahl 2021 rein. In diesen Hexenkessel voller Feuer und werden formvollendet gegrillt. Sie werden zwei Stunden mit Fragen beschossen, gedanklich nicht losgelassen und wenn sie aufatmen wollen, kommt schon die nächste gut vorbereitete Frage. So etwas fände ich interessant. Das könnten sie auch auf die Parteien anwenden und mit der AfD machen. In keinem Szenario könnte ich mir vorstellen, dass die AfD anders als der absolut lächerliche vorschlagslose Haufen aus der Sendung geworfen würde, der sie ist. Diese Besetzung finde ich viel interessanter als den Elektroingenieur und die Hausfrau, die die Kanzlerin irgendetwas fragen, was die dann nicht beantwortet und der Elektroingenieur dann frustriert nach Hause geht und die AfD wählt.

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