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Mainhattan ins Schaufenster gestellt

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Von: Christian Thomas

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Frankfurt, vom Bogen der Osthafenbrücke als Stillleben gerahmt.
Frankfurt, vom Bogen der Osthafenbrücke als Stillleben gerahmt. © Christian Thomas

Mit der Osthafenbrücke in Frankfurt ist dem Architekten Ferdinand Heide ein großer Wurf gelungen. Ein Blick auf Frankfurt anlässlich des DAM-Preises für Architektur 2014, für den auch die Brücke nominiert war.

Bereits vor annähernd einhundert Jahren, als Frankfurts einzigartiger Stadtentwicklungsbeobachter Siegfried Kracauer den Osthafen seiner Stadt durchforschte, bemerkte er ausdrücklich eine nicht allein den Banken vorbehaltene „Bautätigkeit“. Auch über die Kernstadt hinaus konnte er einem „wirtschaftlichen Ausdehnungsdrang“ zusehen.

Ebenfalls ein Ausdehnungsbedürfnis im Osten, mit einem besonderen Blick auf die Banken, hat sich die Stadt zuletzt mit einem Brückenschlag über den Main gestattet, und dazu zählte neben dem Neubau einer Osthafenbrücke die Sanierung der historischen Honsellbrücke. Wenn beide einen „Baustein“ bilden, dann ist das eine sehr bescheidene Formulierung Ferdinand Heides. Ebenso sachlich spricht der Architekt von einem „stadträumlichen Bindeglied“.

Allein mit dem Baustein hat Heide vielerlei angestellt, angefangen damit, dass er jetzt eine Stabbogenbrücke abgibt, die, mit einem eleganten (gar nicht bauchigen) Schwung, ohne einem Pfeiler im Wasser, auf einer Länge von 173 Metern den Fluss überspannt und am Ufer dann dasteht ohne Pylon. Auf der Brücke selbst, mit ihren Fußgänger- und Fahrradwegen, die die Straße säumen, zeigt sich der Baustein als einer aus schwarzem Stahl, viermal werden die Doppelbögen zusammengeführt, bilden Öffnungen, und die gestreckten, abgeflachten Ovale sind ebenso etwas für das Auge wie ja auch deren leicht nach innen geneigte Krümmungen.

Wenn der Laie bei den zwischen Fahrbahn und Bögen schräg verspannten Stahlseilen über ein filigranes Geflecht staunt, dann weiß der Fachmann die an gekreuzten Hängerseilen abgehängte Konstruktion als eine „Nielsenbrücke“ zu identifizieren.

Gesittete Illumination

Dreißig Meter wurden die Widerlager am Südufer zurückversetzt, um die Uferpromenade nicht zu beeinträchtigen, um zudem die breite Freitreppe wie Uferterrassen wirken zu lassen. Dass sie aus rotem Mainsandstein sind, berücksichtigt die regionale Bautradition, und wenn auf der Nordseite, unterhalb der Honsellbrücke, sowohl die rund hundert Jahre alte Konstruktion der Widerlager ebenso wie die neue offen zu sehen sind, mit ihnen das Ornamentale und das Nüchterne als Nebeneinander, dann liefert der Kontrast einen Schauwert. Es ist nicht der einzige, denn mit Eintritt der Dunkelheit wird die Osthafenbrücke beleuchtet, in der Tat gesittet illuminiert. Dann schwebt überm Fluss ein Gespinst.

Der Frankfurter Ferdinand Heide hat zusammen mit der Grontmij Ingenieursgesellschaft einen feingliedrigen Baukörper über den Main gespannt, und dazu gehört auch, dass zwischen den Fahrbahnen Lichtfugen eingezogen sind, so ist für Schiffer, Ruderer oder Promenadennutzer das Fachwerk der Unterkonstruktion auszumachen. Aufschauen, ja, für welche Brücke gilt das nicht, die mehr ist als nur eine simple Verbindung von A nach B, und das war bereits die historische Honsellbrücke, die in Heide einen Sanierungswilligen fand (das Denkmal in dem Architekten so etwas wie eine Stütze).

Mit zwei gekrümmten Schienen oberhalb der alten Bögen wird das wackelig gewordene Erbe versteift. Auch gerahmt wurde das verbliebene Jugendstilgeländer nach heutigen Richtlinien, überdies wurde auf der Vorlandbrücke der Basaltlavastein wiederverwendet.

All das ist ein Grund, um in der Brücke nicht nur eine Verkehrsverbindung zu sehen. Denn beide Brücken, die eine wie die andere und zusammen, sind ein Aufenthaltsraum.

Ein sinnfälliges Ensemble obendrein. Die ersten Pläne für einen doppelten Brückenschlag über den Main sind über einhundert Jahre alt. Damals bereits wurde an ein „stadträumliches Bindeglied“ gedacht, und weil sich Pläne gelegentlich nicht nur wiederholen, sondern, zumal in der Stadt, verdichten, wurde das Ensemble zu einem Baustein im neuen Generalsverkehrsplan. Deutlich die Nachbarschaft des Brückenensembles zu den kürzlich bezogenen Zwillingstürmen der Europäischen Zentralbank.

Weniger offensichtlich, wie Heides Osthafenbrücke überdies exakt in der Verlängerung des Goetheturms, der aus den Wipfeln des Stadtwalds ragt, über den Main gespannt wurde. So steht die Osthafenbrücke in einem besonderen Geflecht aus Türmen – und ist darin tatsächlich zu einer Landmark geworden, was damit zu tun hat, dass von kaum einem anderen Punkt Frankfurts aus deren Skyline dermaßen wirkt: Einerseits zusammengepresst ist in ein kompaktes Bild, zugleich aufgefächert ist zur aufgelockerten Hochhausansammlung. Mal als ein aufgespannter Fassadenprospekt erscheint, mal als dreidimensionale Skulptur.

Welch ein Frankfurtbild von hier, von den beiden Mainufern gerahmt. Mainhattan mag unter verschiedenen Aspekten ein Klischee sein. Von der Osthafenbrücke aus ist das Bild Frankfurts ein Stillleben der ganz seltenen Art.

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