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Mai Thi Nguyen-Kim, „Mailab“
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Mai Thi Nguyen-Kim, bekannt durch ihren Youtube-Kanal „Mailab“, geht in ihrem aktuellen Video auf die Pflegekrise in Deutschland ein.

„Mailab“

„Sauerei“: Mai Thi Nguyen-Kim erinnert an Pflegekrise und zeichnet düsteres Bild

  • Lukas Rogalla
    VonLukas Rogalla
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Die Pflegekrise sorgt schon seit langer Zeit für Probleme, dennoch bewegt sich in der Politik nichts, urteilt „Mailab“. Ein Pfleger teilt bewegende Erfahrungen.

Frankfurt – Dieses Problem ist nicht erst im Zuge der Corona-Krise entstanden und eigentlich schon lange bekannt: In der Pflege herrscht Notstand. Die Ansicht, dass das Thema viel mehr und vor allem ständige Aufmerksamkeit verdient als aktuell der Fall ist, vertritt die Wissenschaftsjournalistin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem neuen Video, hochgeladen am 29. Juli auf dem Kanal „Mailab“.

Welche Richtung der Beitrag einschlägt, lässt sich bereits anhand des Titels erkennen: „So schlimm wird die Pflegekrise“. Ähnlich negativ beginnt das Video auch: „Ich habe Gänsehaut, nur keine gute“, erklärt Nguyen-Kim beim Bearbeitungsprozess, als sie sich gerade Aussagen des Intensivpflegers Ricardo Lange anhört. Durch wiederholte Auftritte in Talkshows, beispielsweise der ARD und des ZDF, hatte er Zuschauerinnen und Zuschauern die Schattenseiten seines Berufs genau dargelegt. „Die Situation hat sich doch jetzt endlich entspannt – oder nicht?“

Mailab: Neues Video zur Pflegekrise – Wie schlimm ist die Situation wirklich?

„Ja, sie hat sich entspannt“, erklärt „Mailab“ in einem Ton, der alles andere als Optimismus ausstrahlt. „Aber nur von der Corona-Situation. Sie hat sich entspannt von ‚Ach-du-Scheiße-Fuck‘ auf ... einfach nur noch scheiße.“ Andauernd habe man in Nachrichten gehört, dass die angespannte Situation in der Corona-Krise nicht auf fehlende Betten, sondern fehlendes Personal zurückzuführen sei, „doch dieses Problem ist leider alt“. Nguyen-Kim zeigt daraufhin einen Beitrag des NDR aus dem Jahr 2018. Durch das Problem mit fehlendem Pflege-Personal sei in einem Krankenhaus eine „Abstellkammer“ mit neuen und intakten Geräten entstanden.

Im Jahr darauf wurden rund 2.500 Pflegekräfte von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) gefragt, ob sie in den kommenden fünf Jahren ihren Beruf verlassen möchten. Das Ergebnis: 37,3 Prozent antworteten mit „ja“. Das Ärzteblatt berichtete über weitere negative Eindrücke und Erfahrungen der Beschäftigten im Pflegebereich und titelte entsprechend: „Versorgung der Bevölkerung in Gefahr“.

Mai Thi Nguyen-KimWissenschaftsjournalistin, TV-Moderatorin, Youtuberin
Geboren7. August 1987 in Heppenheim
Youtube-KanalmaiLab
Auszeichnungenu.a. Grimme-Preis; Bundesverdienstkreuz

Auch der anfangs erwähnte Ricardo Lange wählt eindeutige Worte: „Also für mich steht fest: Sobald ich kann, bin ich aus diesem Beruf weg.“ In diesem Sommer gerate das Thema Pflege wieder in Vergessenheit, wie Absagen seiner geplanten TV-Auftritte zeigen würden. Lange erinnert daran, dass jeder einmal auf Pflege angewiesen sein werde. In der Pflege geht es insbesondere um Menschenwürde, die nicht nicht gewahrt werden könne, wenn Personal fehle.

Krise in der Pflege: Mai Thi Nguyen-Kim schildert Probleme

Von „Mailab“ heißt es, dass ein einzelnes Video nicht auf alle Probleme in der Pflege eingehen könne. Unter diese Probleme fallen beispielsweise eine unterdurchschnittlich schlechte Entlohnung – trotz „Systemrelevanz“ – und darüber hinaus ein unterdurchschnittliches Ansehen des Berufs. Mithilfe des sogenannten ERI-Modells möchte Nguyen-Kim von Ricardo Lange wissen, ob Pflegekräfte für ihre Anstrengungen auch angemessen belohnt werden.

Die hohe Verantwortung, die Lange in seinem Beruf trage, könne seinen Ansprüchen in Sachen sauberer Arbeit überhaupt nicht gerecht werden, antwortet er. Denn im Gegensatz zur Vorgabe des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), dass eine Intensivpflegekraft zwei schwerkranke Patientinnen oder Patienten betreuen sollte, seien es normalerweise drei oder vier. Das führe wiederum zu weniger Aufmerksamkeit für diese sowie zur Überforderung der Beschäftigten.

Lange beklagt die mangelnde Wertschätzung, auch innerhalb der Branche. Man müsse als Pflegerin oder Pfleger auch mal lernen, „nein“ zu sagen, wie etwa zu Überstunden und Extra-Schichten. Für die Arbeitslast, den Stress, die Verantwortung und die „soziale Isolation“, unter denen man als Pflegekraft leide, werde man nicht angemessen bezahlt. Wäre die Bezahlung angemessen, würde es auch genügend Menschen geben, die diesen Beruf wählen, behauptet Lange. Aktuell sei das natürlich nicht der Fall.

Mailab: Aufstiegschancen in der Pflege – doch kaum Belohnung

Aufstiegschancen in der Pflege existieren – allerdings nur theoretisch. Denn bei einer Beförderung, etwa zur Pflegedienstleitung, fehle es am Ende an Personal direkt am Intensivbett. Auch biete der Beruf viele freie Stellen an. Doch auch hier ein entscheidendes Problem: „Man muss auch eine Stelle finden, in der man sich wohlfühlt. Die Umstände vor Ort führen nicht dazu, dass man längerfristig bleibt“, schildert Ricardo Lange.

„Aufmerksamkeit ist alles, was sie brauchen“

Mai Thi Nguyen-Kim „Mailab“ über Verschwörungstheorien

Regelmäßig schraube man in diesem Beruf seine eigenen Bedürfnisse herunter, berichtet Lange. Bei der Arbeit habe er an einem Morgen erfahren, dass sein kranker Hund gestorben sei. Den Termin beim Tierarzt hatte er aus Arbeitsgründen absagen müssen. Dennoch musste er seine Schicht mit voller Konzentration durchziehen, ohne jemanden zu haben, mit dem er reden kann. Toilettenpausen wurden genutzt, um kurz zu weinen. Ein Jahr später fühle er sich immer noch wie ein „Verräter“, weil er seinen Hund im Stich gelassen hatte. Gleichzeitig wollte er jedoch seine Kolleg:innen und Patient:innen nicht vernachlässigen. „Overcommitment“ nenne sich das, wenn man sich zu sehr für die Arbeit hingibt und mehr tut, als man eigentlich sollte, fügt Nguyen-Kim hinzu. Selbst im Urlaub könne Lange nicht richtig entspannen, weil er bereits an den nächsten Arbeitstag denken muss.

Pflegekrise wird nur noch schlimmer: „Überalterung“ in Deutschland

Aufgrund einer immer älter werdenden Gesellschaft in Deutschland könnte die Pflegekrise in den kommenden Jahrzehnten ganz neue Dimensionen annehmen. Laut einer Prognose des Munich Center for the Economics of Aging, auf die sich „Mailab“ beruft, kommen ab 2060 auf 100 Menschen zwischen 20 und 64 Jahren 58 Menschen, die über 65 Jahre alt sind.

„Wenn dieser Beruf nicht unterstützt wird, dann landet das bei der Gesellschaft“, meint Pflegewissenschaftlerin Katja Boguth von der ASH Berlin. Der Pflegeaufwand werde ein „ähnliches Ausmaß wie der Klimawandel annehmen“. Johannes Gräske, ebenfalls von der ASH, pflichtet ihr bei. Kündigt die gesamte Belegschaft eines kleinen Pflegedienstes, werde dies nichts an den Zuständen im Land ändern. Dass Pflegekräfte in Deutschland nicht streiken, nutze man in Tarifverhandlungen regelmäßig aus. Ohne ihren Druck werde die Politik allerdings nichts an den Verhältnissen ändern.

Viele Probleme seien auch auf die Branche selbst zurückzuführen. Etwa seien Pflegekammern von der Berufsgruppe selbst wieder abgeschafft worden. Deshalb appelliert Mai Thi Nguyen-Kim an alle Pflegekräfte, für sich selbst einzustehen, auch wenn sie darin „nicht besonders gut“ sind. Dass sie überhaupt für sich selbst kämpfen müssen, sei eine „Sauerei“, denn „es sollte eigentlich im Interesse von jedem Einzelnen von uns sein, dass die Bedingungen für diesen wichtigen Beruf gut sind“, mahnt sie zum Schluss. „Hier muss endlich die Politik an die Arbeitsbedingungen ran.“ (Lukas Rogalla)

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