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Verkäuferin in Jakarta. Am stärksten, erklärt Ziba Mir-Hosseini, sei der islamische Feminismus in Indonesien und im Iran.

Islam

„Männer gaben Männern Macht“

Ziba Mir-Hosseini ist Wissenschaftlerin und islamische Feministin. Sie sieht im Koran viel Raum, Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichstellung neu zu interpretieren.

Von Susanne Lenz

Ziba Mir-Hosseini kommt gerade aus Kampala zurück. Sie hat in der Hauptstadt Ugandas im Rahmen ihrer Tätigkeit für Musawah, die 2009 von ihr mitgegründeten weltweite Bewegung für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit in muslimischen Familien, einen Trainingskurs mit dem Thema Gleichstellung und Menschenrechte gegeben. Die Teilnehmer kamen aus Somalia, Somali-Land, Kenia und Uganda. Stolz erzählt sie, dass daran auch Männer teilgenommen haben, und Nicht-Muslime. Wir führen das Interview per Skype.

Sie sind eine islamische Feministin, das klingt wie ein Widerspruch in sich selbst.
Das ist für viele so, aber wir müssen fragen, von wessen Islam, von wessen Feminismus wir sprechen. Der Islam der Taliban, des Islamischen Staats und von Saudi Arabien ist nicht mit Feminismus vereinbar. Und der Feminismus von Laura Bush ist für viele Muslime mit dem Islam nicht vereinbar. Wer also spricht für den Islam und den Feminismus? Der Islam spricht nicht. Es ist nie die Religion, die spricht, es sind die Menschen. Und jede Religion ist offen für Interpretation. Feminismus ist neu, jedenfalls als Bewegung, und auch die Idee von der Gleichstellung von Mann und Frau ist neu. Sie existierte vor dem 20. Jahrhundert nicht. Gerechtigkeit existierte ohne Gleichstellung, deshalb gab es zum Beispiel Sklaverei. Heute kann es keine Gerechtigkeit ohne Gleichstellung geben. Wenn wir aber islamische und westliche Rechtswissenschaft im 19. Jahrhundert vergleichen, dann sehen wir, dass muslimische Frauen das Recht auf Scheidung hatten, wenn auch ein ungleiches Recht, und sie hatten das Recht auf Besitz, also ökonomische Unabhängigkeit. In England bekamen verheiratete Frauen das erst nach 1882.

Seither hat sich das westliche Recht in Richtung Gleichstellung bewegt, das muslimische stagniert. Warum?
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts muslimische Staaten entstanden, schafften sie die islamische Gesetzestradition in allen Gebieten ab, mit Ausnahme auf dem Gebiet des Familienrechts. Das wurde die letzte Bastion des Islam, eine Frage der Identität. Zum Teil war das eine Reaktion auf die Kolonisierung, denn die Kolonisatoren rechtfertigten ihre Eroberungen damit, dass sie den Eroberten die Zivilisation brächten. Der britische Generalkonsul in Ägypten, Evelyn Baring, 1. Earl of Cromer, setzte sich für die Befreiung der Frau in Ägypten ein, in England war er Präsident der Men’s League for Opposing Women’s Suffrage, also einem Männerverein gegen das Wahlrecht für Frauen. Wenn Tradition auf die Herausforderungen der Moderne reagieren will, muss sie aber einen sicheren Stand haben, sonst reagiert sie nur defensiv.

Was ist dabei die Rolle des politischen Islams?
Er ist Hauptgrund für diese Stagnation. Vor seinem Aufstieg in den 1970er Jahren gab es einen Trend zu Säkularisierung und Reformen in muslimischen Ländern, aber der politische Islam propagiert eine Rückkehr zur Scharia, also eine zu den patriarchalen Interpretationen. Im Jahr 1979, dem Jahr der Islamischen Revolution im Iran, haben die Vereinten Nationen das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) angenommen. In der Folge gab es einen Zusammenstoß von politischem Islam und Feminismus, der einen völlig neuen Diskurs hervorgebracht hat: den islamischen Feminismus, der sich einerseits auf dem Islam und den Koran bezieht, anderseits aber Gleichstellung an allen Fronten fordert. Der politische Islam etablierte sich zu einem Zeitpunkt, als muslimische Frauen organisiert und gebildet und deshalb in der Lage waren, Patriarchat und Koran voneinander zu trennen.

Wie hat das funktioniert?
Zunächst wurde das als Widerspruch wahrgenommen, auch weil Religion aus Sicht radikaler Feministinnen ohnehin immer patriarchalisch ist. Umgekehrt ist für Muslime Feminismus etwas Böses. Das hab ich auch zu spüren bekommen. In den neunziger Jahren habe ich frei gearbeitet, weil ich in den Bereich Islamstudien einfach nicht hineinpasste mit meiner Feminismusforschung. Aber heute wird islamischer Feminismus gelehrt, und es gibt wissenschaftliche Literatur dazu.

Passiert das nicht alles nur in der westlichen Welt oder zumindest außerhalb der arabischen?
Es passiert auch innerhalb der arabischen Welt, und es gibt auch entsprechende Literatur auf Arabisch. Aber der Mangel an Demokratie dort erlaubt diesen Stimmen nicht, in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Doch Musawah, unsere Bewegung, ist gerade von Kuala Lumpur nach Rabat in Marokko gezogen. Am stärksten ist der islamische Feminismus aber in Indonesien und im Iran.

Die Grundlage für das muslimische Familienrecht bildet die Koransure 4, Vers 34. Darin wird der Mann als Beschützer der Frau beschrieben, die rechtschaffene Frau als gehorsam. Wo sehen Sie denn hier Raum für Interpretation?
Im Koran gibt es 6325 Verse. Sechs davon können so interpretiert werden, dass sie Ungleichbehandlung propagieren. Aber tatsächlich ist der Vers 34 die Basis des Familienrechts. Die Juristen haben ihn aufgrund ihrer kulturellen Perspektive verstanden, als Männer schon Autorität über Frauen hatten. Hier kommt der Begriff fiqh ins Spiel, „wörtlich verstehen“, also das menschliche Bemühen, aus dem heiligen Texten Gesetzesregeln herauszufiltern. Aber Gott hat den Männern keine Autorität über die Frau gegeben, das haben Männer getan. Und das richtet sich gegen den Islam, denn in Gottes Augen ist jeder Mensch gleich. Und es gibt andere Begriffe im Koran, die die Beziehung zwischen Mann und Frau beschreiben: ma’ruf (Gemeinwohl) und rahmah wa muwadah (Liebe und Mitgefühl). Diese Begriffe kommen zwanzig Mal vor. Es gibt also genügend Raum im Koran, Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichstellung anders zu beantworten. Es hängt nur davon ab, wer diese Fragen stellt.

Interview: Susanne Lenz

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