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Die Synagoge in Kiel nach der Reichspogromnacht.
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Die Synagoge in Kiel nach der Reichspogromnacht.

Kristallnacht in Nazideutschland

Machtübertragung an den Mob

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Am 9. November 1938 setzte sich die systematische Verfolgung der deutschen Juden fort. Als Kulminationspunkt, nicht als dramatischer Bruch.

Neben der Gewalt und dem Hass war es der Hohn, der in diesen Tagen und Nächten die Straßen eroberte: „Kristallnacht“. Wenn etwas in der ersten Reihe dabei war, etwa wenn Juden barfuß durch die Gasse oder Straße getrieben wurden, dann die Schadenfreude. „Kristallnacht“! Später, nachdem Synagogen niedergebrannt worden waren, Geschäfte jüdischer Bürger zerstört, Wohnungen von Juden heimgesucht, Jüdinnen vergewaltigt, 1300 bis 1500 Tote zurückgelassen, 30 756 jüdische Männer (hier ließ die Bürokratie keine Zweifel offen) verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren: Später hieß es über den Begriff der Kristallnacht, dass er sich „eingebürgert“ habe.

Es war die Einbürgerung eines Worts, mit dem der Tatbestand der Ausbürgerung beschönigt wurde. Ganz enorm der rassistische Spaßfaktor, den diese Infamie verbreitete. Und verband sich mit ihr nicht auch eine erbauliche Stimmung. Eine völkisch-feierliche Vorweihnachtsstimmung?

Vor drei Jahren nannte der Holocaustforscher Alan E. Steinweis sein Buch über die Novemberpogrome in Nazideutschland „Kristallnacht 1938“. Steinweis, der 2011 Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt war, erläuterte bereits auf der ersten Seite, dass „niemand“ bis auf den heutigen Tag den „Schöpfer dieses Begriffs“ habe benennen können. Wer brachte das Wort, Ausdruck erregter Anerkennung, des Zynismus und feixender Schadenfreude auf? Der Mob? Der Berliner Spott, wie es rasch hieß. Goebbels als Reichspropagandaminister?

Wie viele sahen dem zu?

„November 1938“ nannte Raphael Gross vor einem Jahr seine zum 75. Jahrestag veröffentlichte Neuerscheinung. Der Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt, des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt und des Leo-Baeck-Instituts in London hatte dafür verschiedene Gründe, angefangen damit, dass die ersten antisemitischen Krawalle und Ausschreitungen bereits am Abend des 7. September stattfanden in einigen Städten Hessens (Gau Kurhessen). In Kassel tat man sich dabei besonders hervor, auch in Bebra, in Fulda, in einem nicht erst in jenen Tagen hochgradig antisemitischen Hessen gab es auch den ersten Toten. Er wurde durch die Straßen getrieben. Wie viele sahen dem zu?

Sechs Tage, bis zum 13. November zogen sich die Exzesse hin. Deutschlands Juden, seit Jahren mit der Angst lebend, mussten erkennen, dass eine weitere Welle, nicht die erste seit 1933, aber die brutalste und abgefeimteste Aktion gegen sie losgetreten wurde, bei der das „staatliche Gewaltmonopol in die Hände einer antisemitischen „Volksgemeinschaft“ gelegt wurde, was Gross zu dem Urteil kommen ließ: „In der deutschen Geschichte gibt es nichts, was mit den Pogromen im November 1938 vergleichbar wäre.“ Steinweis betonte, dass selbst die „dramatische Abkehr von der bisherigen vornehmlich rechtlichen und bürokratischen Strategie der Judenverfolgung“ als eine Kontinuität seit 1933 gesehen werden müsse, „eher als Kulmination einer brutalen Entwicklung und nicht als der dramatische Bruch“.

Wegen dieser anhaltenden Verschärfung der Politik der Nazis gegenüber den Juden im Reich hatte der polnische Jude Herschel Feibel Grynszpan, so gab es der 17-jährige Mörder später an, am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris auf den Diplomaten Ernst vom Rath geschossen. Zwei Tage kämpfte Rath mit dem Leben, der Zustand des zum Märtyrer stilisierten Diplomaten war ein ununterbrochen aktualisiertes Bulletin in einer monströsen Propagandakampagne.

Stilisiert wurde das Attentat Grynszpans zum Komplott, ja zur weltweiten „jüdischen Verschwörung“. Dennoch, trotz des Terrors gegen Juden, war das Dritte Reich, daran erinnert Gross mit einem Wort des jüdischen Juristen Ernst Fraenkel, in diesen Jahren noch ein „Doppelstaat“. Die aus der Weimarer Republik übernommenen Normen eines bürgerlichen Rechtsstaates bestanden neben den Bestimmungen des NS-Staats. Das ließ ausharren, das führte zu trügerischen Hoffnungen, immer noch, obwohl die Tage seit November 1938 bis Januar 1939 „jede noch verbliebene Möglichkeit jüdischen Lebens in Deutschland vernichteten“ (so Saul Friedländer in seinem Standardwerk „Das Dritte Reich und die Juden“).

Mythisch aufgeladenes Datum

Mit dem Pogrom wurde, nicht zu vergessen, ein mythisch aufgeladenes Datum der NS-Parteigeschichte aufgewertet, mit dem 9. November 1923 an den gescheiterten Hitlerputsch in München erinnert, der im Dritten Reich als braune Messe zelebriert wurde, nicht nur in München, vor der Feldherrnhalle, zur Mitternacht.

Auch deswegen wurde die Nacht vom 9. auf den 10. November zur „Reichspogromnacht“, bei dem der Gehorsam der Volksgenossen vorauseilend tätlich wurde. Steinweis bezeichnete die Pogrome „als eine Kombination aus zentral gesteuerter Gewalt und der kathartischen Freisetzung antisemitischer Leidenschaften“, was mit Blick auf den Begriff Katharsis (als Läuterung oder innere Reinigung) eine Kombination aus unglücklicher und ungeheuerlicher Formulierung ist. Man kann es so formulieren: Bei dem Pogrom handelte sich um eine Machtübertragung an den Mob, die dieser als Machtergreifung bereitwillig wahrnahm.

Unmittelbar nach den Novemberpogromen berauschte sich die NS-Führung an ihren grünen Tischen an einer sich selbst erregenden Radikalisierung. Der von Hitler propagierte „Antisemitismus der Vernunft“ (welch ein Paradox) mobilisierte perfekt-bürokratische Vernichtungsfantasien, die die nächste Eskalationsstufe nie aus dem Blick verloren. Der Verhöhnung und Entrechtlichung, der kulturellen Schikanierung und wirtschaftlichen Ausplünderung folgte, da der nationalsozialistische Antisemitismus die Entmenschlichung rassistisch rechtfertigte, bürokratisch perfektionierte und industriell betrieb, der Völkermord.

„Die Katastrophe vor der Katastrophe“ nennt Gross, einen Gedanken Dan Diners aufnehmend, sein Buch im Untertitel. Für Gross bilden die Novemberpogrome einen Kulminationspunkt in der Chronik der Schikanen und Entrechtlichung der Juden, in den Pogromtagen wurde nicht so weitergemacht wie alltäglich seit 1933. Drei Jahre nach den Novembertagen 1938 wurde von den Nazis die industrielle Vernichtung der Juden Europas in Gang gesetzt.

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