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Francesco Sbano: „Gefährlich wird es immer dann, wenn man die Mafia als dumm darstellt.“
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Francesco Sbano: „Gefährlich wird es immer dann, wenn man die Mafia als dumm darstellt.“

Mafia

Die Macht der Mafiosi ist total

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau erzählt Francesco Sbano, der sich in das Milieu der ’Ndrangheta begeben hat, von der „mächtigste Verbrecherorganisation der Welt“.

Von Max Dax

Francesco Sbano, als Regisseur, Kurator, Buchautor und Schallplattenproduzent widmen Sie sich seit zwei Jahrzehnten der Dokumentation der kriminellen Kultur der ’Ndrangheta. Kritiker werfen Ihnen eine Verharmlosung der Mafia vor.
Die ’Ndrangheta ist die mächtigste Verbrecherorganisation der Welt. Sie ist eine quasi-religiöse Glaubensgemeinschaft, die von vielen als „das Böse“ angesehen wird. Und jeder weiß: Das Böse ist faszinierender als das Gute. Es gibt sozusagen einen natürlichen Drang des Menschen, das unbekannte Böse begreifen zu wollen. Ich komme aus Kalabrien, wo der Staat in den Hintergrund gedrängt ist und die ’Ndrangheta mehr oder weniger offen regiert. Sie ist so tief in der Gesellschaft verankert, dass sie über die letzten 150 Jahre für jeden sichtbar ihre eigene kriminelle Subkultur entwickelt hat – eine eigene Sprache, einen eigenen Kodex, eigene Gesetze, eigene Tänze und Lieder, deren Bedeutung jeder Kalabreser kennt.

Es gab bis vor kurzem sogar ein ’Ndrangheta-Museum in Reggio Calabria.
Anfang August wurde übrigens bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen dessen Leiter Claudio La Camera wegen schweren Betrugs gegen den Staat, Urkundenfälschung und Untreue ermittelt. Das ganze Museum war eine einzige Farce. Die Musik der ’Ndrangheta wurde dort, was ja an und für sich zu begrüßen ist, verfügbar gemacht. Das Problem war einzig: Sie hatten die Rechte nicht geklärt. Eigentlich eine bürokratische Selbstverständlichkeit für ein Museum. Aber La Camera dachte wohl, er stehe über dem Gesetz. Ich bin also 2012 mit Mimmo Siclari, einem Komponisten von Mafialiedern, ins Museum gefahren, um die Sache zu klären. Allerdings haben wir uns ergebnislos getrennt, weil La Camera nicht anwesend war. Dafür hatte ich kurze Zeit später eine Anzeige einer gewissen Francesca Viscone in der Post.

Die Journalistin Francesca Viscone, die sich selbst als „Antimafia-Aktivistin“ bezeichnet, behauptet, dass Sie sie wüst beschimpft und beleidigt und die Mitarbeiter des Museums unter Druck gesetzt hätten.
Davon kann keine Rede sein. Sie war außerdem gar nicht da. Und ich habe auch niemanden beleidigt oder unter Druck gesetzt. Ihre Anzeige fußt auf einer Meldung Claudio La Cameras an die örtliche Polizei, die sich auf angebliche Aussagen seiner Angestellten stützte. Mir kam das Ganze vor wie eine Falle, in die ich nichtsahnend hineingetappt bin. Sein Museum hatte sich zum Ziel gesetzt, die ’Ndrangheta zu demystifizieren, und offenbar bin ich ihm und Frau Viscone ein Dorn im Auge, weil ich das einfache Spiel, alle Antimafia-Protagonisten zu glorifizieren und alle Mafiosi als das personifizierte Böse zu bezeichnen, nun mal nicht mitspiele. Als Journalist schreibe ich über die ’Ndrangheta, damit wir ihre Strukturen besser verstehen können.

Aber ist die Intention des Museums nicht einfach nur richtig und wichtig? Wenn sich ein Museum der Ästhetisierung von Gewalt entgegenstellt, dann ist das doch begrüßenswert.
Das ist richtig, aber man muss natürlich auch sehen, dass Gewalt immer auch eine ästhetische Komponente hat. Umso wichtiger ist es, immer darauf zu achten, dass der eigene Blick nicht vernebelt ist. Das geht nur über Recherche, Aufklärung, Fakten. Und das ist Arbeit. Auf eine Art und Weise mache ich dasselbe wie ein Museum: Indem ich die Quellen, also die Songs, die Tänze, die Gesetze benenne, ausstelle, verfügbar mache, kläre ich auf. Ich wirke einer Mystifizierung entgegen, indem ich die Legenden und Mythen aus ihrem Märchenreich heraushole und das Scheinwerferlicht auf sie werfe. Ich bin ein Chronist, der nachzeichnet, wie sich die ’Ndrangheta verändert — und wie sich die Reaktionen der Menschen auf sie verändern. Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin habe ich vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Thomas Schoenberger eine Ausstellung mit dem Titel „Kultur der Gewalt“ kuratiert, die genau diesen Komplex versucht hat zu durchleuchten. Im Laufe des Prozesses wurde mir jedoch schmerzhaft bewusst, dass die andere Seite in ihrem Versuch, jede unvoreingenommene wissenschaftliche oder journalistische Beleuchtung des Themas mit Denunziationen, Boykottaufrufen und Unterstellungen zu behindern versucht hat.

Wenn Sie von der „anderen Seite“ sprechen, meinen Sie dann die Antimafia?
Dr. Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, der damalige Außenminister Guido Westerwelle sowie der Ex-Kulturbeauftragte für Medien und Kultur, Bernd Neumann, haben zur Eröffnung der Ausstellung einen offenen Brief erhalten, in welchem ich als gemeingefährlicher Sympathisant der Mafia denunziert wurde, der eine nicht minder gefährliche Folklorisierung ihrer Geschichte betreibe — und ich mich nie für mein Vorgehen „gerechtfertigt“ hätte. Man warf mir also gewissermaßen vor, Propagandaminister der ’Ndrangheta zu sein, Kulturgelder erschleichen zu wollen und keine journalistische Distanz zu meiner Forschung zu wahren. Der Brief stammte unter anderem von La Camera und war in demselben aggressiv-demagogischen Tonfall geschrieben, in welchem sich auch Frau Viscone über mich äußert. Für mich stand dieser Brief in krassem Kontrast zum vorurteilsfreien Versuch, sich einer verbrecherischen Kultur mit aufklärerischem Interesse zu nähern. Dr. Scherer hat auf den Brief geantwortet und die Absender zum Besuch der Ausstellung eingeladen. Er wollte eine zivile Diskussion im Rahmen der Ausstellung. Tatsächlich hat keiner der Verfasser des Briefes die Einladung angenommen.

Wie kann man Mördern vorurteilsfrei begegnen?
So, wie man jedem Menschen immer und grundsätzlich mit Respekt begegnet — und Informanten sowieso. Je tiefer ein Phänomen wie die ’Ndrangheta in der Gesellschaft verwurzelt ist, desto schlechter bin ich beraten, wenn ich versuche, eine Beweisführung zu erzwingen, die nur bestätigt, was ich mir zuvor im Kopf zurecht gelegt habe. Wenn ich mich einem so zentralen Problem der italienischen Gesellschaft annähere, muss ich die Offenheit aufbringen, auch unbequeme Wahrheiten und fatale Wirklichkeiten als Fakten zu akzeptieren. Vielleicht muss ich auch das Gespräch mit einem Boss suchen, statt nur wiederzukäuen, was es im Internet über ihn zu lesen gibt? Demgegenüber bin ich immer wieder schockiert, mit was für Halbwahrheiten und klischierten Weltbildern die oftmals selbsternannten Aktivisten der Antimafia arbeiten, getreu dem Motto: Was nicht sein soll, darf auch nicht beschrieben werden. Diese Aktivisten wiederholen ihr schwarz-weißes Weltbild in selbstgeschriebenen Kriminalromanen und in pseudokritischen Zeitungstexten, sie agieren ideologisch, fast schon fanatisch. Ich kann in ihrem Handeln strukturell keinen Unterschied zur echten Mafia erkennen, die ebenfalls versucht, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Sie haben Interviews mit Bossen geführt. Warum sind die eigentlich bereit, über sich und Ihre kriminelle Kultur zu sprechen? Widerspricht das nicht dem Gesetz der Omertà?
Ich durfte als weltweit erster Journalist das Aufnahmeritual eines jungen Mafiosos filmen: Er hat seinem Paten, der in den Händen ein Exemplar der Bibel hielt, mit einer Nadel in die Vene stechen und das austretende Blut schlucken müssen. Ein Heiligenbild Papst Johannes Paul II. wurde angezündet, während der Boss die Aufnahmeformel rezitierte. Das ist eine geradezu archaisch-religiöse Zeremonie, und vergessen wir nicht: Ein Mafioso muss katholisch sein – und der Pate ist in der Familie wie ein Priester, dessen Wort gilt. Durch das Schlucken des Blutes wird der junge Mann zum Sohn, zum Familien- und somit zum Mafiamitglied. Ich hätte diese Aufnahmen nie machen dürfen, wenn ich im Verdacht stünde, ich könnte jemals einen Informanten bloßstellen. Um es ganz klar zu sagen: Ich mache keine Antimafia-Reportage, sondern mit meiner ebenso langwierigen wie komplexen Dokumentation versuche ich, den Quellcode der Mafia offenzulegen. Ich betrachte mich in diesem Sinne als Aufklärer, der nur zu Ergebnissen kommen kann, weil man mir vertraut.

Das beantwortet aber nicht meine Frage: Warum hat eine kriminelle Vereinigung, deren Macht nicht zuletzt auf der Verschwiegenheit basiert, überhaupt ein Interesse, dieses Schweigen gegenüber einem Journalisten zu brechen?
Aber sie brechen das Schweigen doch gar nicht. Das Gesetz der Omertà ist vor allem ein Kontrollinstrument. Für den Boss gelten diese Kontrollen nicht. Er darf reden, und er tut es mit dem Selbstverständnis eines erfolgreichen Spitzenpolitikers. Die äußern sich auch immer im Fernsehen, warum also soll es der Boss nicht tun? In jeder kalabrischen Stadt weiß jeder, wer die Mafiosi sind. Und jeder weiß, dass ihre Macht total ist. Wenn ich einen Boss interviewe, dann dokumentiere ich stets neue Einsichten in die Vergangenheit, aber ich erfahre nichts darüber, was in der Zukunft geplant wird. Damit kann ich zwar keine Verbrechen vereiteln, aber ich bekämpfe ein gefährliches Halbwissen, das vor allem außerhalb Kalabriens existiert. Durch meine Recherchen zum Beispiel über die Gesetze und die Organisationsstruktur der ’Ndrangheta ist die gesamte seriöse Berichterstattung in Deutschland auf ein neues Niveau gehoben worden. Ich habe über die Jahre so viel Material gesammelt und veröffentlicht oder Recherchen beispielsweise des „Spiegel“ mit Dokumentation unterfüttert, dass man von einem neuen Kenntnisstand der Mafiaforschung sprechen muss.

Ihr bisher größter journalistischer Scoop war der „Spiegel“-Text „Am Altar des Verbrechens“ – Ihr gemeinsam mit Andreas Ulrich geführtes Interview mit einem Boss der Bosse über die Hintergründe der Morde von Duisburg. Wie kam es zu diesem Gespräch?
Erinnern wir uns an die Ausgangslage: In der gesamten deutschen Presse waren Spekulationen zu lesen, dass die ’Ndrangheta 2007 in Duisburg einen Riesenfehler begangen habe, zu weit gegangen sei und nun für ihre Dummheit würde bezahlen müssen. Mir erschien diese Darstellung zu einfach, zu naiv. Der „Spiegel“ sah es genauso. Und der Boss der ’Ndrangheta wiederum war bereit, in einem Gespräch seine Sicht der Dinge mit uns zu teilen. Welcher Journalist würde ein solches Angebot ablehnen? Tatsächlich gehört das Treffen zu den interessantesten Begegnungen, die ich in den letzten Jahren erlebt habe.

Worauf fußte ihre Skepsis?
Wenn man weiß, wie Entscheidungsprozesse in der ’Ndrangheta ablaufen, dann weiß man auch, dass die Beauftragung für einen internationalen Mord von höchster Instanz abgesegnet gewesen sein muss. Und ganz ehrlich: Diese Leute machen keine Fehler. Sie scheitern vielleicht mal in einem Versuch, aber sie machen keine Fehler. Das hat unsere Skepsis befeuert. Wir wollten wissen, warum die höchste Entscheiderebene der Organisation die Morde angeordnet hatte. Ich bin zunächst alleine nach Kalabrien gereist, um die Möglichkeit eines Treffens zu sondieren. Wie gesagt: Jeder in Kalabrien weiß, wo die Bosse wohnen. Ich bin also zu einem gefahren, habe mein Begehr vorgetragen und habe nach etwa zwei Wochen einen Termin bekommen. Er schien amüsiert über den Tonfall der deutschen Berichterstattung. Es schien ihm – eine Freude zu bereiten klarzustellen, dass durch die Morde in Duisburg ein drohender Krieg im Keim erstickt worden sei und man die Kollateralschäden selbstverständlich eingeplant hätte. Er schien verwundert, dass man es überhaupt habe anders sehen können.

Welchen Erkenntnisgewinn hatte Ihr Interview für die Öffentlichkeit?
Es ging in Duisburg nie um eine Privatfehde, sondern um das Abwenden eines internationalen Krieges. Die These von der lokalen Fehde kam von der italienischen Staatsanwaltschaft, die den Prozess offenbar unbedingt nach Reggio Calabria ziehen wollte. Auch deshalb freue ich mich über jeden journalistischen Text, der keine dummen Klischees wiederholt, sondern versucht, die ganze unbequeme Komplexität der Problematik verständlich darzustellen. Gefährlich wird es immer dann, wenn man die Mafia als dumm darstellt.

Interview: Max Dax

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