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Kerzen im Schaufenster in Marktl, Papst Benedikts Geburtsort, den er 2011 besuchte.

Sexueller Missbrauch

Benedikt XVI: Macht und leere Floskeln

Was Benedikt XVI. über sexuellen Missbrauch sagt – und was nicht.

Es ist beachtlich, auf welche Ideen Menschen kommen, die betend und schweigend ihren Ruhestand verbringen. Das zu tun, hatte Benedikt XVI. bei seinem Rücktritt 2013 angekündigt. Je weiter dieses Ereignis zurückliegt, desto mehr scheint der emeritierte Papst zur Überzeugung zu gelangen, dass es ohne ihn doch nicht geht. Im vorigen Sommer meinte er, dem jüdisch-christlichen Dialog einige Ratschläge geben zu müssen. Die meisten Theologen, die sich in diesem Bereich engagieren, empfanden das nur in begrenztem Maß als hilfreich. Vor wenigen Tagen nun hat Benedikt seine Sicht auf den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche dargelegt.

Von Sexkoffern ist da die Rede, von Pornofilmen in Bahnhofskinos und von einem Werbeplakat, das zwei nackte Personen „in enger Umarmung“ zeigte. Vom Zerfall der Theologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) wird gesprochen und von Moraltheologen, denen der „gütige Gott“ die Gelegenheit genommen habe, gegen die Kirche zu protestieren, indem er sie hat sterben lassen. Von homosexuellen Clubs spricht Benedikt und von Pastoralreferenten, die – jetzt halte man sich aber fest – im Priesterseminar regelmäßig beim Essen dabei waren und manchmal gar ihre Freundin mitgebracht haben.

In den skurrilen Erinnerungen des emeritierten Papstes, die ein beachtliches Maß an Gehässigkeit offenbaren, fehlt allerdings ein Punkt: die Verantwortung der Kirche für das, was Menschen durch Geistliche angetan wurde. Der Text ist mit dieser Leerstelle ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion, wenn auch in anderer Weise, als sein Autor es sich vorgestellt haben mag. Benedikt erschließt durch das, was er nicht sagt, wie ein System des Schweigens in der Kirche entstehen konnte. Sieben Punkte sind zu dessen Verständnis zentral.

1. Die Kirche ist von einem Machtgefälle bestimmt, das dogmatisch auf Gott zurückgeführt wird. Gott hat demnach sein Volk durch die Einsetzung von Ämtern hierarchisch gegliedert und reproduziert diese Gliederung beständig, indem er Menschen „beruft“, ihnen also einen Platz in der Ordnung zuweist. Diejenigen, die er zu Bischöfen oder Priestern beruft, werden dazu ermächtigt, „in der Person Christi des Hauptes“ zu handeln, also Macht über andere auszuüben.

2. Der Zugang zu Macht ist in der katholischen Kirche insofern sexualisiert, als er einen gewissen Umgang mit Sexualität, nämlich völlige Enthaltsamkeit, erfordert. Es wäre ungerecht, zölibatär Lebende unter einen Generalverdacht zu stellen oder die Prävention sexuellen Missbrauchs mit der Forderung nach Abschaffung des Zölibates zu verbinden. Aber die Liaison von nicht gelebter Sexualität und Machtausübung sollte zu denken geben.

3. Theologisch ist in der Kirche oft von Vollmacht oder Potenz die Rede. Das Leitungsgefüge aber in der sozialen Kategorie der „Macht“ zu beschreiben, stößt bei vielen derjenigen, die Macht haben, auf Ablehnung. Es gebe keine Macht, sondern nur Dienst, heißt es. Diese Floskel ist ein Symptom dafür, wie sehr man sich in einem von jeder Wissenschaft entkoppelten Sonderdiskurs eingerichtet hat. Für Geschehnisse, die nicht in das Raster passen, fehlen eine Sprache und ein reflektierter Umgang.

Zum Autor

Michael Seewald, geboren 1987, ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster.

Seewalds Buch „Dogma im Wandel“ (Herder-Verlag), erweist die Behauptung eines über die Jahrhunderte hinweg unveränderlich tradierten kirchlichen Lehrgebäudes als Mythos. In Kürze erscheint ebenfalls im Herder-Verlag Seewalds neues Buch „Reform. Dieselbe Kirche anders denken“.

4. Die kirchliche Beurteilung sexuellen Missbrauchs bezieht ihr Maß daher nicht vom Leid der Opfer, sondern stützt sich auf das sechste Gebot: Du sollst nicht die Ehe brechen. Sexueller Missbrauch findet sich so in eine umfassende Theorie von Zucht und Unzucht eingeordnet. Dort steht er auf der Seite der Unzucht, allerdings völlig undifferenziert mit vielen anderen Phänomenen. Das wird in dem Schreiben des emeritierten Papstes überdeutlich. Benedikt ordnet sexuellen Missbrauch in den Kontext einer liberalen Sexualmoral oder in Verbindung mit Homosexualität ein. Das ermöglicht ihm die Konstruktion einer Verfallstheorie, durch die sich die Kirche der Verantwortung für das entzieht, was ihre Amtsträger getan haben. Schuld trage nicht die Kirche, sondern der Abfall von ihr.

5. Priorität besitzt in einem solchen Denkrahmen der Schutz der Kirche als Heilsinstitution. Wer sexuellen Missbrauch begeht, hat sich demgemäß nicht in erster Linie am Leben der Betroffenen schuldig gemacht, sondern sich gegen den Glauben der Kirche versündigt. Die Unterscheidung von Tätern und Opfern wird damit von einer anderen Kategorie, nämlich der Rede von Sünde und Erlösung, überwölbt. Die Kirche bestehe zwar aus einzelnen Sündern, sei als Institution aber ein Mittel zur Erlösung. Da ist es nur folgerichtig, sie mit ihrer gottgegebenen, heilsvermittelnden Hierarchie um jeden Preis zu schützen.

6. Diese Hierarchie ist sehr begabt darin, Dinge unter der Decke zu halten, von denen sie nicht will, dass sie öffentlich werden. Dazu bedient sie sich auch heute noch Zwangsmaßnahmen. Es gibt Themen, wie die Frage nach den Rechten von Frauen in der Kirche, über die aufgrund kirchenamtlicher Sprechverbote nicht diskutiert werden darf. Wer es dennoch tut, bekommt Ärger – bis hin, dass versucht wird, das Erscheinen von Büchern zu verbieten. Die freie Benennung von Missständen in der Kirche ist nur dort möglich, wo die Hierarchie es erlaubt. Eine solche Institution, in der Tabus weiterhin zum Alltag gehören, hat wenig Grund, sich ihrer Selbstkritik und Aufklärungsbereitschaft zu rühmen.

7. Es überrascht daher nicht, dass die nun in Gang gekommene Aufklärung sexuellen Missbrauchs sich dem Mut Einzelner verdankt: dem Mut der Opfer, die nicht still geblieben sind, und dem Mut einzelner Menschen, die versucht haben, den Opfern in der Kirche eine Stimme zu geben. Wäre der mediale Druck nicht so groß geworden, hätte die Kirche es vermutlich vorgezogen, weiterhin zu tabuisieren. Sinkt der Druck wieder, ist ein Rückfall in alte Muster zu befürchten.

Man kann nur hoffen, dass die Öffentlichkeit nicht müde wird, einer Institution auf die Finger zu schauen, die dringend der Kontrolle bedarf.

Autor: Michael Seewald

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