Angela Merkel

Macht und Fantasie

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Die Kanzlerin und ihr Festvortrag zum Amtsjubiläum der Kulturbeauftragten der Bundesregierung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verließ die Feier um 21.22 Uhr. Das sei für ihre Verhältnisse, so behaupteten Kenner, ungewöhnlich spät. Ihren Festvortrag zum Amtsjubiläum des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien hatte sie programmgemäß um 20 Uhr abgeschlossen. Da war den rund 600 Besuchern bereits eine zugige Kälte in die Glieder gefahren. Der Rohbau des Humboldt-Forums war als Symbolort für eine künftige Kulturpolitik auserkoren worden, die Heizung kommt später.

Und doch muss Kanzlerin Angela Merkel, die zuvor ihren allmählichen Rückzug aus der Politik angekündigt hatte, ihre Anwesenheit im Kreis der Kulturvertreter als wohlige Wärme empfunden haben. Das lag nicht zuletzt am Vortrag des „Spiegel“-Literaturchefs Volker Weidermann, der zum Thema Fantasie und Macht einen weiten Bogen geschlagen hatte von der Münchner Räterepublik bis zu Willy Brandt und Günter Grass, der stets der Überzeugung war, seinem Kanzler das nötige kulturpolitische Bewusstsein einflüstern zu können.

Weidermann charmierte, indem er der Kanzlerin vom hohen Ansehen berichtete, das sie bei internationalen Schriftstellern genieße. Der amerikanische Autor Dave Eggers, so Weidermann, belobigte sie für ihre mutige und humane Entscheidung im Sommer 2015, Fliehenden eine Zuflucht zu gewähren. Und der schwedische Schriftsteller Jonas Jonasson ließ ihr über Weidermann mitteilen: „Stay steady“.

Der gute Wunsch, nach Kräften durchzuhalten, kam an diesem historischen Tag etwas zu spät. Die Kanzlerin aber blieb und plauderte noch ein wenig. Ihrer Rolle gemäß parlierte sie nicht als Kanzlerin im Modus der Demission. Vielmehr war sie gekommen, um der Kulturstaatsministerin Monika Grütters sowie ihren fünf Amtsvorgängern für ihr verdienstvolles Tun zu danken. Kultur und Medien, hatte sie zuvor in ihrem Vortrag gesagt, seien für die Demokratie systemrelevant.

Das war ironisch gemeint. Als Merkel vor zehn Jahren ebenfalls einen Jubiläumsvortrag hielt, hatten sie und ihr damaliger Finanzminister Per Steinbrück den Deutschen versichert: Ihre Einlagen sind sicher. Die Finanzkrise ging dann aber erst richtig los. Ein bisschen Wehmut stand nun im provisorisch hergerichteten Schloss. Kulturstaatsministerin Monika Grütters pries die kulturelle Vielfalt, die von Max Raabes Palastorchester dann hübsch intoniert wurde – genau dort, wo nun ein Schloss unter dem Namen Humboldt-Forum den Palast der Republik ersetzen soll.

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