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Mach doch endlich mal 'nen Witz

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Humor aus Hannover, aber entscheidend ist eben auf?m Platz: Oliver Pocher.
Humor aus Hannover, aber entscheidend ist eben auf?m Platz: Oliver Pocher. © ap

Es hätte auch etwas Gutes, wenn Deutschland im Viertelfinale ausscheidet. Dann würde auch das Interesse an der überflüssigsten Begleiterscheinung dieser EM schwinden.

Von JAN FREITAG

Es hätte auch etwas Gutes, wenn Deutschland heute ausscheidet. Dann würde auch das Interesse an der überflüssigsten Begleiterscheinung dieser EM schwinden: Oliver Pocher. Nach den Live-Spielen in der ARD verarbeitet er das Geschehen humoristisch, und dass ihm dies misslingt, ist eigentlich keiner Erwähnung wert. Bis auf Bild und ProSieben hat alle Welt den Krawallkomödianten verrissen, meist im Duktus abendländischer Untergangsfantasien: Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens.

Aber wir wollen ihn an seinen eigenen Ansprüchen messen: Konventionen sprengen, ohne sich selbst zu schonen; schlagfertig sein, ohne zu zögern; auf die Kacke zu hauen, ohne Schamgefühle; juvenil, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Stadien füllen lässt und ein paar Gleichgesinnten die Konten. Nur: Barth findet witzig, wer frauenfeindliche Witze braucht. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oliver Pocher? Der ist laut.

Wem seine Hemmungslosigkeit und Beißbereitschaft fehlen, der kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die eigene Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Und Oli steckt in einer Menge Dilemmata. Die aktuellsten:

Das Dreistigkeitsdilemma Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihm Vaginalsekret und Sudelwortattacken präsentiert, schweigt der Frechdachs. Besser ist Pocher, wenn er nach dem Grand-Prix-Vorentscheid eine burschikose Journalistin bloßstellt, aber wehe, man konfrontiert ihn mit Kritik an seiner Arbeit. Austeilen ist seine Stärke, Einstecken weniger.

Das Schlagfertigkeitsdilemma Charlotte Roche sagt, mit ihrem Buch "Feuchtgebiete" habe sie Muschis für Pocher und Hämorrhoiden für Schmidt liefern wollen, und Oli überlässt die Retourkutsche dem Kollegen ("So sollte die Sendung eigentlich heißen, aber Marianne und Michael haben den Titel nicht freigegeben"); Pocher dagegen, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt hilflos.

Das Konfrontationsdilemma Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, "aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen", tut Oli, als hätte er das akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Angezählt von einem Kurzzeitprominenten, der doch auf gleicher Wellenlänge funkt. Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…

Das Vorbilddilemma Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, dem Sketch nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das wohl Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfendefizit.

Das Persiflagedilemma Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der lispelt. Jürgen Klopp kann er auch - indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Figuren wie Jogi Löw, sagt selbst Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch entsetzte Blicke, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Comedy-Sonne einen längeren Schatten zu werfen.

Das Zielgruppendilemma In seinem Schunkellied "Bringt ihn heim" fällt ihm zu seinem Leib-und-Magen-Thema EM nichts Besseres ein als "Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht". Da zeigt selbst Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema.

Die Kontinuitätsfalle Mit seiner Clipreihe "EM-Pocher" erhält er die Chance, über einen längeren Zeitraum etwas anderes als Rumgrölen zu thematisieren. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Franck Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen eine Laterne und ruft unablässig Ohhh.

Oliver Pocher ist ein Christ von 30 Jahren, gelernter Versicherungskaufmann aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit hübscher Freundin, gut als Entertainer für "Bravo"-Shows, durchaus geeignet also für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt braucht er nur noch eine Pointe. Aber er ist ja noch jung.

"Waldis EM-Club", ARD, voraussichtlich 23.20 Uhr.

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