Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Mehr Zeit für schöpferische Arbeit.“ 
+
„Mehr Zeit für schöpferische Arbeit.“ 

Update

Luxus der Routine

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
    schließen

Maschinen sollen den Menschen langweilige Arbeiten abnehmen. Das Argument muss man sich genauer ansehen.

Im Jahr 2011 baute ich einen Generator für T-Shirt-Motive, den man unter zufallsshirt.de noch besichtigen kann. Er stellt rund um die Uhr automatisch zufällige T-Shirt-Aufschriften wie „75 Jahre Beckenbodenzentrum Hofgeismar“ oder „Just say no to artificial intelligence!“ her und bebildert sie mit ebenso zufälligen Grafiken. Als Grund gab ich damals oft an, dass mir die vielen Menschen leid taten, die irgendwo auf der Welt damit beschäftigt sein mussten, hauptberuflich sinnlose T-Shirts für seriösere Firmen als meine zu gestalten. Die vielen „URBAN SPORTS 1979“ und „IRGENDWAS 4EVER“-Shirts, die es überall zu kaufen gibt, designen sich ja nicht von selbst. „Wenn ich das automatisiere, können diese hochqualifizierten Leute mit ihrer Zeit was Sinnvolleres anfangen“, sagte ich, und meinte es zwar nicht hundertprozentig ernst, aber doch ein bisschen.

Mit dieser Idee war ich nicht die Erste. Der „Spiegel“ zitiert 1955 in einem Artikel über „Die Revolution der Roboter“ den damaligen IBM-Chef Thomas Watson mit dem Satz: „Unsere Maschinen befreien den menschlichen Geist, indem sie ihm langweilige Routinearbeit abnehmen.“ Seitdem ist wahrscheinlich keine Innovation ohne dieses Versprechen angekündigt oder eingeführt worden. „Das Ziel ist, die Mitarbeiter von Routinearbeiten zu befreien, damit sie sich auf kreativere und produktivere Aufgaben konzentrieren können“, lautete das Argument fast unverändert sechzig Jahre später in einem „Spiegel“-Beitrag von 2016 über „Künstliche Intelligenz: Wie Kollege Computer Ihren Job überflüssig macht“.

Das Argument bringt zwei Probleme mit sich, und beide zeigen sich eigentlich schon in meinem T-Shirt-Miniaturunternehmen. Angenommen, die ganze Welt hätte vernünftigerweise ihre T-Shirts nur noch bei mir und nicht zum Beispiel bei H&M erworben, dann hätten die hauptberuflichen T-Shirt-Designerinnen der Welt zwar mehr Zeit für schönere Tätigkeiten gehabt, aber auch weniger Geld. Eingesparte Arbeit bedeutet meistens eingesparte Arbeitsplätze. Anderswo entsteht gleichzeitig neue Arbeit, aber nicht immer welche, die zu den jetzt unbeschäftigten T-Shirt-Designerinnen passt.

Das ist das eine Problem. Das andere besteht darin, dass ein gewisses Maß an Routine eigentlich ganz schön und erholsam ist. Ich bin meine eigene Chefin und kann nicht gekündigt werden. „Mehr Zeit für schöpferische Arbeit“ ist für mich also ein reelles Versprechen. Aber will ich das? Der Autor Henry Miller listet in seinen privaten Regeln für das Schreiben die Ermahnung „When you can’t create, you can work“ auf: wenn man gerade mal nichts Neues hervorbringen kann, gibt es immer noch genügend anderes zu tun. Implizit sagt Miller damit, dass die schöpferische Arbeit anstrengender ist als die übrigen Arbeiten, und ich sage das auch. Auf keinen Fall will ich den ganzen Tag damit zubringen. Eventuell sind also auch andere Menschen gar nicht so dankbar, wenn man sie von ihren Routinetätigkeiten befreit. Das Versprechen ist aber nicht nur eine kapitalistische Erfindung, um Sparmaßnahmen schöner aussehen zu lassen. Gottfried Wilhelm Leibniz begründete schon im 17. Jahrhundert seine Arbeit an einer mechanischen Rechenmaschine damit, es sei „ausgezeichneter Männer unwürdig, ihre Zeit mit sklavischer Rechenarbeit zu verlieren“. „Diese Aufgaben könnten ohne Besorgnis abgegeben werden, wenn wir Maschinen hätten“, wird der im Original lateinische Text häufig weiter zitiert. In Wirklichkeit meint Leibniz zwar nicht, dass die Arbeit direkt an seine Maschine abgegeben werden kann, sondern schreibt, dass man sie „bei Einsatz einer Maschine unbesorgt jedem Beliebigen übertragen könnte“. Es ging ihm nur darum, die Zeit der „ausgezeichneten Männer“ zu sparen und die Routinearbeiten an weniger ausgezeichnete Personen zu übertragen, ein aus heutiger Sicht gar nicht besonders weltverbesserndes Projekt also. Mittlerweile muss aber niemand mehr seine Zeit mit den sklavischen Rechenarbeiten des 17. Jahrhunderts zubringen, und ich glaube, es wünscht sie sich auch niemand zurück. Das Ausmaß des Leidens unter Routinearbeiten ist also zumindest innerhalb eines Berufsfelds – in Leibniz‘ Beispiel die Astronomie – keine Konstante.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“.

Das lässt eine Welt denkbar erscheinen, in der eines Tages wirklich niemand mehr T-Shirts mit der Aufschrift „OCEAN WAVE SURFING“ designen muss. Andererseits hat der Anfang September verstorbene Kulturanthropologe David Graeber in seinem 2018 erschienenen Buch über „Bullshit Jobs“ beschrieben, dass die Arbeitszeit trotzdem nicht abnimmt, weil wieder überflüssige Tätigkeiten nachwachsen. Der Vorgang ist leider ganz unabhängig von der Abschaffung von Routinen. Routinearbeiten können sinnvoll und Nicht-Routinearbeiten vollkommen sinnlos sein. Und Bullshit Jobs gibt es überall. Angeblich sogar in der Astronomie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare