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Der Papst prasst und frisst, der brave Luther sitzt bescheiden unten rechts im Eck: Satirisches Flugblatt von 1545.

Verlagswesen

Luther, der Mediengigant

Martin Luther nutzte für seinen raschen Aufstieg wie kein anderer vor ihm Print-Produkte. Seine Gegner konterten zu spät, um ihn noch aufhalten zu können.

Von Hendrik Tieke

Als der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg um 1450 den Buchdruck erfand, war nicht absehbar, dass diese Neuerung entscheidend zur Spaltung der Kirche beitragen würde. Bis dahin mussten Bücher in wochenlanger Handarbeit abgeschrieben und bebildert werden. Sie waren so teuer gewesen, dass nur Klöster, Fürsten, Bischöfe oder Kaufleute sie in größerer Zahl besaßen. Dank der Druckerpresse konnten Bücher und andere Medien in wenigen Tagen tausendfach vervielfältigt werden. Dadurch sanken die Herstellungskosten so sehr, dass sich nun hunderttausende Menschen ein Buch leisten konnten. Ein riesiger Markt wurde erschlossen, immer mehr Druckereien entstanden: Zunächst entlang der alten Handelswege am Rhein, dann in vielen weiteren deutschen Städten. Die erste massenmediale Öffentlichkeit der Geschichte entstand. Und Luther würde sie bald so dominieren, dass von der Nordsee bis nach Österreich Millionen Menschen seiner Lehre folgen sollten.

Verlegt wurde zunächst vor allem das, was es schon vorher in handschriftlicher Form gab: etwa Bibeln, Ritterromane, Kochbücher oder Lebensbeschreibungen der Heiligen. Für die Bücher, die auf den Markt kamen, entstand ein effizientes Vertriebssystem, mit Buchhandlungen in den Städten oder Wanderverkäufern, die ihre Wagen auf dem Marktplatz zum Bücherstand machten. Buchmessen wurden abgehalten, die erste schon 1462 in Frankfurt.

Nach 1500 geriet das Verlagswesen jedoch in eine Krise. Was fehlte, waren neue Autoren und neue Themen. Die lieferten Martin Luther und andere Reformatoren. Mit Beginn der Reformation stiegen die Auflagenzahlen innerhalb kürzester Zeit enorm an. Dank dieser Bewegung überwand das Verlagswesen seine Krise. Das zeigt etwa die Entwicklung in Augsburg, dem größtem Druckstandort der damaligen Zeit. Dort hatte sich die Zahl der verlegten Titel zwischen 1517, dem Beginn der Reformation, und 1525 nahezu verzehntfacht. Und bei fast allen neuen Veröffentlichungen ging es nur um einen Themenbereich: Martin Luther, seine Taten und die Reformierung der Kirche.

Der Wittenberger Theologe und seine Anhänger brachten Flugschrift um Flugschrift heraus – in denen auf mehreren Seiten vor allem Meinungen, Nachrichten, Predigten und offene Briefe zu lesen waren. Luther war dabei der mit Abstand wichtigste Autor; seine Auflagen überstiegen die anderer wichtiger Reformatoren bei weitem. So veröffentlichte er in den ersten sieben Jahren der Reformation in Augsburg doppelt so viele Werke wie die zwanzig meistverkauften Autoren nach ihm zusammen, darunter so bedeutende Kirchenkritiker wie Ulrich Zwingli, Philipp Melanchton und Andreas Bodenstein oder berühmte Schriftsteller wie Hans Sachs. In anderen Druckereistädten sah dieses Verhältnis ähnlich aus.

1520, auf dem Höhepunkt von Luthers publizistischem Schaffen, kam in ganz Deutschland eine halbe Million seiner Schriften auf den Markt – ein gewaltiger Erfolg angesichts der Tatsache, dass zu dieser Zeit dort nur höchstens 1,3 Millionen Menschen lesen konnten. Luthers meistverkaufte Flugschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ wurde in ihrem Erscheinungsjahr 1520 fünfzehn Mal aufgelegt, bei bis zu 4000 Exemplaren pro Auflage, die oft innerhalb weniger Tage ausverkauft waren.

Zu dieser Zeit war Luther bereits so berühmt geworden, dass er nur noch seine Initialen M.L. oder M.L.A., für „Martin Luther, Augustiner“, auf die Titelseiten seiner Schriften zu drucken brauchte. Er war in kürzester Zeit ein Star geworden, seine Lehre und seine Person ein Medienereignis. Der Reformator wusste geschickt mit seiner Bekanntheit zu spielen. So stellte ihm Papst Leo X. im Herbst 1520 ein Ultimatum: Wenn er nicht innerhalb von 60 Tagen seiner Lehre abschwörte, würde er als Ketzer exkommuniziert werden. Luther ließ diese Zeit einfach verstreichen. Dann, als das Ultimatum abgelaufen war, zog er mit seinen Studenten und einigen Professoren zum Wittenberger Elbufer. Er ließ sie dort einen Scheiterhaufen entzünden und warf Bücher des päpstlichen Kirchenrechts hinein – ein echtes Happening, mit dem Luther eine komplizierte theologische Frage auf eine einfache, für jedermann verständliche Formel brachte: Der wahre Ketzer ist der Papst – meiner Lehre müsst ihr folgen.

Aktionen wie diese ließen sich sehr gut auf Flugblättern illustrieren, dem frühneuzeitlichen Bildmedium schlechthin. Flugblätter waren damals einzelne Papierseiten, die meistens mit einem kurzen gereimten Text und einem großen Bild bedruckt wurden. Sie waren günstig herzustellen und wurden zu Tausenden verkauft. Kam es schon in so mancher Flugschrift, dem Zeitschriftenformat der Reformationszeit, zu bissigen Angriffen auf Papst und Kirche, entwickelte sich das Flugblatt zu einer Plattform für bissige Polemik und knüppelharte Schläge unter die Gürtellinie.

Da wurde der Papst als ein Mischwesen dargestellt: ein aufrecht staksender Esel mit schuppiger Echsenhaut, Vogelfüßen, Brüsten und weiblicher Schambehaarung; statt eines Vorderlaufes wuchs ihm ein Elefantenrüssel aus dem Leib und statt eines Schwanzes ein krähender Hahnenkopf. Oder Dr. Eck, ein theologischer Gegner Luthers: Er wurde als Schwein abgebildet, das den Weinberg des Herrn zerwühlt. Der Titel dieser Illustration machte sich auch über seinen Namen lustig: „Dreck, die Sau“. In anderen Bildern fachen papsttreue Priester das Höllenfeuer an, Bischöfen steckt der Teufel Geld ins Gewand und Mönche tanzen mit verwachsenen Missgeburten.

Die Urheber solcher Illustrationen wandten eine Technik an, die auch heutige Politiker und ihre Spin-Doktoren im Wahlkampf nutzen, das sogenannte „Negative Campaigning“. Luther dagegen erschien in der Bildsprache der Flugblätter und Flugschriften als furchtloser, zupackender Deutscher. So zeigt ihn ein Bild des Malers Hans Holbein des Jüngeren im Augustinergewand, wie er ängstlich aussehende Priester und Mönche in den Schwitzkasten nimmt und mit einer riesigen Keule verprügelt. Der Titel dieser Szene: „Deutscher Herkules“.

Luther wurde in der frühen Reformationszeit nicht nur am meisten gedruckt und zitiert, sondern auch am häufigsten dargestellt: Mal erscheint er als bescheidener Mönch, mal als gelehrter Doktor, mal als würdevoller Professor, wortgewandter Prediger oder Edelmann mit Ritterbart. Viele seiner eigenen Schriften enthielten solche Porträts. Er ließ sie meist von den Illustratoren um Lukas Cranach den Älteren erstellen, den Hofmaler des Wittenberger Kurfürsten, ein Ausnahmetalent, das zu den wichtigsten Künstlern des 16. Jahrhunderts zählt. Somit nahm Luther auch entscheidenden Einfluss auf sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit. Cranach schuf außerdem die Illustrationen für Luthers Neues Testament. Sogar in der Bibel würdigte der Reformator seine Gegner herab. Auf dessen Anweisung verlieh Cranach darin den Schreckensgestalten des Alten und Neuen Testaments die Insignien des Heiligen Stuhls: Das Tier, das in der Offenbarung des Johannes gegen Christus kämpft, trug die Krone des Papstes.

Bei der Verbreitung von Luthers Lehre nahmen einfache Priester eine besondere Stellung ein: Sie waren es, die in ihren Predigten an ihre Gemeinden weitergaben, was sie in den Flugschriften Luthers und seiner Mitstreiter gelesen hatten. Der Gottesdienst wurde so zur Schnittstelle zwischen reformatorischer Presse und den einfachen Menschen (denn nur etwa zehn Prozent der Deutschen konnten lesen). Die Reformatoren begriffen das rasch und förderten diesen wichtigen Kommunikationskanal: Sie brachten vorgefertigte Predigten und sogenannte „Gesprächsbüchlein“ auf den Markt. In diesen Flugschriften ließen sie fiktive Bürger, Bauern oder Handwerker untereinander oder mit „Pfaffen“ über Glaubensfragen diskutieren. Jeder konnte sich darin wiederfinden. Gleichzeitig bekamen die Priester damit Muster-Argumente an die Hand, um die Mitglieder ihrer Gemeinde auch außerhalb des Gottesdienstes von der neuen Lehre zu überzeugen.

Luthers Gegner unterschätzten die Wirkung der Druckerpresse zunächst völlig. In den ersten Jahren der Reformation verfassten sie nur wenige Flugschriften und Flugblätter. Stattdessen versuchten sie Luther auf althergebrachtem Wege zur Umkehr zu bewegen: durch theologische Dispute oder durch Vorladungen vor weltliche und geistliche Autoritäten. Solche Veranstaltungen fanden jedoch immer nur vor einem kleinen Publikum statt – und was die Öffentlichkeit davon erfuhr, bestimmte Luther. So wurde er 1518 am Rande des Reichstag in Augsburg von einem römischen Kardinal verhört und dazu gedrängt, seine Schriften zu widerrufen; eigentlich eine Nebensächlichkeit bei dieser riesigen Veranstaltung, bei der die Fürsten und Reichsstände die politischen Richtungsentscheidungen des Landes trafen. Doch Luthers späterer Bericht darüber ließ die Öffentlichkeit glauben, dass seine Lehre dort eines der Hauptthemen gewesen sei.

1519 trat er in Leipzig in einem theologischen Disput gegen den besagten Johannes Eck an, den er später als „Dreck die Sau“ verunglimpfen sollte. Luther machte die schlechtere Figur, das belegen Mitschriften. Doch die Flugschrift, die er kurz danach publizierte, führte den Gegner als einen fehlgeleiteten Theologen mit schwachen Argumenten vor. Und aus Luthers mutiger, aber eher komplizierter Ansprache vor dem Reichstag in Worms im Frühling 1521 machte die reformatorische Presse einen pointierten Appell, der Luther als wortgewaltigen Redner darstellte.

Die Gegner der Reformation versuchten immer wieder, ein allgemeines Verbot von Luthers Schriften zu erwirken. Das gelang ihnen bei mehreren Reichstagen zwar formal, doch die meisten Fürsten setzten diese Vorschrift in ihren Ländern nicht konsequent um. Und so konnten Luthers Widersacher noch jahrelang kaum jemanden finden, der ihre Bücher und Flugschriften überhaupt veröffentlichen wollte: Die Werke des Reformators und seiner Anhänger waren solche Bestseller, dass die Verleger wohl wenig Sinn darin sahen, ihre begrenzten Kapazitäten für andere Autoren zu verwenden.

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