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Aus den Kindertagen der Ballonfahrt: Aufstieg am 1. Januar 1784 in Lyon mit Joseph Montgolfier und Jean-François Pilâtre de Rozier.
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Aus den Kindertagen der Ballonfahrt: Aufstieg am 1. Januar 1784 in Lyon mit Joseph Montgolfier und Jean-François Pilâtre de Rozier.

Luftfahrt

Der mit Luft geladene Globus

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Heute vor 275 Jahren wurde von den Gebrüdern Montgolfier der ältere geboren, Joseph, dem nachgesagt wird, dass er an erster Stelle die Montgolfiere auf den Weg brachte.

Feinfühlig war die Formulierung, bestimmt empfindsam, und doch deutete sie kein ungetrübtes Vergnügen an. Denn das Experiment warf Fragen auf. War ihm zu trauen? In zahllosen Aufsätzen war das Staunen groß, selbst wenn es ein banges Bewundern war. Zwiespältig empfand auch ein Friedrich Melchior Grimm, es entzündeten sich bei dem Schriftsteller, Journalisten und Theaterkritiker an der Tat zärtliche Zuwendung und satirische Skepsis, spöttisches Befremdeln und unwilliges Erstaunen.

Vielerlei Eindrücke rüttelten an dem Schreibenden, als er, Diplomat in Paris, im August 1783 schrieb: „Nie hat eine Seifenblase Kinder so ernsthaft beschäftigt wie der ‚aerostatische Ballon‘ der Herren Montgolfier Stadt und Hof seit vier Wochen.“

„Seifenblase“, das war innig gefühlt, aber war das Schillernde auch zu fassen? Drohte ein Menschheitstraum, kaum realisiert, schon wieder zu platzen? Tatsächlich blieb es nicht bei der Seifenblase, und aus dem Heißluftballon, der am 5. Juni erfolgreich abgehoben hatte, ging bereits am 27. August eine weitere Erfindung hervor, ein Wasserstoffballon, der über Paris aufstieg. Auch bei diesem nun mit Gas „geladenen Globus“, wie der deutsche Intellektuelle Christoph Martin Wieland es ausdrückte, reüssierte Erfindergeist.

Denn kaum war die Himmelsstürmerei endlich geglückt, wurde aus der Ballonfahrerei forcierte Draufgängerei. Während am 12. September der Aufstieg einer „gefesselten“, also einer am Erdboden fixieren Montgolfiere in Reveillon scheiterte, gelang sieben Tage später eine Luftfahrt mit Schaf, Hahn und Ente in Versailles. Dem Experiment mit Lebewesen folgte der erste „bemannte“ Aufstieg am 15. Oktober 1783 in Versailles; der Pilot hieß Jean-François Pilâtre de Rozier. Neun Monate später kam das Kind der Luftschiffermanie bei der Überquerung des Ärmelkanals um.

Von Beginn der ersten Ausflüge an hatten die Zeitgenossen, die über das Abenteuer schrieben, ihren Lesern beharrlich nahegebracht, dass es sich bei alledem nicht etwa um Hexerei handelte, vielmehr: „Durch Berechnung der Verschiedenheit der spezifischen Schwere der sogenannten brennbaren und unserer gewöhnlichen atmosphärischen Luft“, wie das französische Zeitungspublikum im Anschluss an die Heldentat aufgeklärt wurde.

Das Verständnis der Verschiedenheit von Luft und Luft war die fundamentale Voraussetzung für das „Reisen im Luftmeer“. Versuche dazu gab es in der Gesamtgeschichte der Menschheit schon seit geraumer Zeit, und von der wirklich ersten Erfindung einer flugtauglichen Apparatur existieren legendäre Darstellungen. Schon in China soll es 1306 bei der Kaiserkrönung Fu Kins zum Aufstieg von Ballonen gekommen sein. Eben nach dem Leichter-als-Luft-Prinzip. Und auch die berühmten Flugapparate Leonardo da Vincis sollen nicht nur auf dem Papier gestanden haben, vielmehr schaute 1513, zur Krönung des Medicipapstes Leo X., die Festgesellschaft zu Heiligenfiguren auf, die aus Papier und Leinwand gen Himmel schwebten. Für die Himmelfahrt war ein Bild gefunden worden. Ein bezauberndes, ein triviales?

Unbändige Vorstellungskraft

Zur Vorgeschichte des Ballonfahrens gehörte eine unbändige Vorstellungskraft – doch sie musste physikalisch geerdet werden. Das Gravitationsgesetz ließ sich nicht aushebeln. Zum Triumph kam es 1672 in Magdeburg. Mit den Experimenten des deutschen Physikers Otto von Guericke, der mit Hilfe leergepumpter Halbkugeln dem spezifischen Gewicht der Luft nachspürte, setzte sich der Gedanke an ein Leichter-als-Luft-Fahrzeug durch. Durchdacht wurde es umgehend von dem Jesuiten Francesco Lana Terzi aus Ober(!)italien, der sein Luftschiffchen von vier luftleer gepumpten Kugeln getragen sah.

Was mit einem unter eine Wasseroberfläche gedrückten luftleeren Körper, einem Ball geschah, dass er nämlich, kaum dass man ihn nicht mehr niederdrückte, aufstieg: Diesen gar nicht umständlich gedachten Vorgang projizierte der Pater auf die Lüfte. Und auch wenn die Gondel, die er von seinem Gefährt zeichnete, eher nach Art einer biblisch anmutenden Nussschale geriet, so war der Pater ein gewiefter Physiker. Erkannte er doch das Problem, dass luftleere Kugeln so stabil sein müssen, dass sie dem äußeren Luftdruck widerstehen. Dass allerdings machte sie maßlos schwer – dermaßen gewichtig, dass ein Auftrieb nicht möglich war. Dieses technische Problem sollte erst im 20. Jahrhundert überwunden werden. Lanas Vorstellungskraft wird heute als ungewöhnlich beschrieben, was auch damit zu tun hat, dass er sich vorstellen konnte, dass die Flugmaschinen sich trefflich für Bombenabwürfe eigneten.

In dem hehren Traum, sich vom Erdboden frei zu machen, ging eine niederträchtige Fantasie auf. Am Beginn der Aufklärung zeichnete sich bereits eine Dialektik der Aviatik ab. Zur Kulturgeschichte der Ballonfahrt gehörte von Anfang an ein zwiespältiges, ein nicht bloß ziviles Heldentatendenken. Doch um auch artig weiterzukommen, musste die Einbildungskraft kaltblütig vorgehen. Und so ließ sie im 18. Jahrhundert einfach nicht mehr locker bei der Frage, wie denn nun „luftig“ durch die Luft geschifft werden könne. Die Konstrukteure von Flugapparaten legten Baupläne vor, die theoretischen Überlegungen versuchten die fantastischen Vorstellungen zu erden, diese wiederum jene zu beflügeln. Die Maschinen wurden immer riesiger, immer kurioser – als es am 5. Juni 1783 den Brüdern Montgolfier, Joseph und Etienne gelang, einen Ballon mittels Heißluft über dem Ort Annonay bei Lyon aufsteigen zu lassen, war dieser Weg gewissermaßen vorgezeichnet.

Selbstverständlich war er deswegen nicht, überhaupt nicht. Ebenso wenig, dass der Ballon eine Höhe von sagenhaften 2000 Metern bei einer sagenhaften Flugdauer von mehr als zehn Minuten erreichte. Auch war der Erfolg, wenn man sich all die anschließenden Misserfolge der Ballonfahrt vergegenwärtigt, die Anzahl der Unfälle und Katastrophen, der Tiefschläge und Rückschläge im Anschluss an diese Pioniertat, nicht einmal absehbar. Zumal der Erfolg, wie es Fachleute später kolportierten, sich nicht so sehr der strengen Befolgung wissenschaftlicher Erkenntnisse verdankte als vielmehr einer gewieften Kombinationsgabe und genialen Risikobereitschaft, die Joseph auszeichnete, den älteren der beiden Gebrüder, der 1740 geboren wurde – heute vor genau 275 Jahren.

Joseph soll sehr genau hingeschaut haben bei diversen Luftströmungen, denn so besah er sich seinen Kamin ebenso wie einen Zimmerbrand. Die Erkenntnisse, die Joseph aus dem Unglück jedoch auch dem Alltag gewann, wiesen dann die beiden Brüder gemeinsam nach, als sie auf dem Marktplatz von Annonay ihre Rückschlüsse in eine Hülle aus Papier und Leinwand von 35 Fuß einmummten und vor Zeugen aufsteigen ließen.

Hier nun setzte die Resonanz ein, wie bereits am Beginn (siehe oben!) beschrieben – und sie war gewaltig. Ein Christoph Martin Wieland verspottete die „Aeropetomanie“, von den Lesern seines „Teutschen Mercur“ aufgefordert, seine Hiebe gegen die Mode fortzusetzen, revidierte er jedoch seine Ansicht über den mit Gas „geladenen Globus“.

Berühmte Verehrer

Georg Christoph Lichtenberg, ebenfalls ungemein bewandert im Weltwissen, verneigte sich vor der Jahrhunderttat und versprach sich von ihr „Riesenschritte in der Kenntnis unserer Atmosphäre“ sowie allen nur erdenklichen Lebensbereichen. Die enormen Gelehrten Wieland und Lichtenberg, der übrigens auch den militärischen Nutzen kräftig unterstrich, reagierten umgehend, binnen weniger Wochen auf das Ereignis, wie überhaupt die Elite, darunter in Deutschland ein Jakob Michael Reinhold Lenz oder ein Goethe, der noch Jahrzehnte später von einer „Weltbewegung“ schwärmte.

Viele der „Unternehmen“ (Wieland) führten allerdings den Schrecken mit. Ein Ballon wie der „Globe“ verschwand nach nur zwei Minuten in den Wolken Frankreichs, um nach 50 Minuten in dem Dorf Gonesse niederzusinken, immerhin 22 Kilometer entfernt. Die Bauern, die der Aufführung des erschlafften Globus zusahen, erblickten darin Teufelswerk, und weil dem entsetzlich aufgerissenen Schlund eines unbekannten Gebildes ein bestialischer Gestank entwich, machten sie dem Ungetüm mit Mistgabeln den Garaus.

Wegen solcher Zwischenfälle traten die Behörden auf den Plan, um eine unwissende Bevölkerung über vom Himmel fallende Gegenstände aufzuklären. Die unheimliche Begegnung der Bauern von Gonesse mit der „Kugel“ wurde umgehend sehr ernst genommen, so dass in der Folge Regierungserklärungen aufgesetzt wurden, um einer in Unruhe versetzten oder mit Unmut reagierenden Bevölkerung den gesellschaftlichen Nutzen der „Kugeln am Himmel“ zu erklären.

Am Vorabend der Französischen Revolution, gefördert vom König, der Aristokratie sowie der Akademie der Wissenschaften, avancierte die Ballonfahrerei zu einer gesellschaftlichen Attraktion für die gehobenen Kreise. Zur Frühgeschichte der Ballonfahrerei gehörte der Event mit oft schwindelerregend teuren Billetts, die dazu berechtigten, das Ereignis, das Kommando, das Fauchen der Gase, die Todesverachtung der Crew, aus nächster Nähe zu umstehen. Bruchlandungen und brennende Ballone, Todesstürze blieben an der Tagesordnung. Prozessionen begleiteten solche Helden, die unversehrt vom Himmel herabgekehrt waren.

Ein Aeronaut wie der Franzose Jean-Pierre Blanchard (1750– 1809) machte aus dem Ereignis ein Spektakel, aus der soeben erst gelungenen Großtat eine Flugschau, die er zwischen London, Den Haag und Warschau vorführte, in Brüssel und Hamburg, in Berlin, Breslau, Prag und Wien. Auf der Bornheimer Heide sahen am 3. Oktober 1785 ungezählte Frankfurter dem ersten bemannten Aufstieg eines Ballons in Deutschland zu.

Vor allem die Radierung begleitete die Unternehmen penibel, sie brachte sie als Sensation in Umlauf und als grässliche Unfälle. Erbaulich brannte die Porzellanindustrie die Höhenflüge auf Teller und Tassen. Die Himmelsstürmerei ließ sich nicht ignorieren, die Kirche verdammte sie, das elegische Gedicht nahm Anteil, das gemeine Spottgedicht hielt auf Abstand, die gelehrten Aufsätze traktierten die Expeditionen gewissenhaft. Dass sich die einmal gemachte Entdeckung nicht nur in edlen Sphären bewegte, sondern der trivialen Belustigung diente, verkörperte ebenfalls ein Ballon-Star wie Blanchard. Warf er doch, und nicht nur zu Gaudi der niederen Stände, Katze und Hund an Fallschirmen aus der Gondel.

Allein über die Resonanz auf Luftschifferei des ausgehenden 18. und aufziehenden 19. Jahrhunderts, angefangen mit Goethe und gefolgt von Jean Paul, ließe sich ganz bestimmt eine kleine Feuilleton-Serie verfassen – gesagt werden muss auf jeden Fall, dass ein Jean Paul in seinem Luftschifferroman über 20 Variationen für das „Luftschiff“ fand. Weil er vernarrt war? Weil er ein Humorist war, dessen Figur in einem „Trabanten um die Erde“ gondelnd, ein entsetzliches Schlachtfeld auf Erden ausmachte.

Mit dem Draufblick sah Jean Paul tiefer. Vom Himmel herab stand dem Humoristen der Sinn nach Realismus. Stand ihm die Dialektik der Aeronautik vor Augen? Denn sollte eines Tages nicht blitzartig Tod (und Siechtum) aus einem Flugapparat ausgeklinkt (ausgekübelt) werden? Zunächst blieb jedoch die technische Verfassung der Neuheit, trotz hitziger Aktivitäten, lange stecken in den Kinderschuhen. Erfüllten sich doch vor allem nicht die Pläne für eine Verbesserung der Steuervorrichtungen. Dennoch, und auch wenn die Montgolfieren als unberechenbare Ungetüme galten, verbreitete sich ihr Ruf weltweit – der Sache angemessen in Windeseile. Und zur weltweiten Verbreitung noch der Nachtrag, dass schon 1784 Ballone in China und Amerika aufstiegen. Zu der Zeit kam es in Europa zu einem Wettlauf zwischen Franzosen und Engländern um den Triumph der ersten Kanalüberquerung.

Eine weitere Konkurrenz kam hinzu, diejenige zwischen Montgolfiere und Charliere. Die Ruderschwingen an den Montgolfieren waren Dekor, und so farbenfroh und pompös die Ballone auch herausgeputzt wurden, gerieten die steuerlosen Flugapparate zur Metapher für den Niedergang (nicht nur) des Rokoko. Während die Montgolfiere bald schon als unzeitgemäß galt, kam die fahrtüchtigere Charliere nüchterner daher. Wieland machte zwischen den Protagonisten der konträren Ballonkonzepte einen „aerostatischen Bürgerkrieg“ in Frankreich aus.

Am 1. Dezember 1783 wurde auf dem Weg der Ballonfahrt ein entscheidender Schritt getan, als der erste Aufstieg mit einem bemannten Gasballon, einer Charliere gelang. Es heißt, dass eine unglaubliche Menschenmenge in den Pariser Tuilerien hin- und hergerissen war zwischen freudiger Erwartung und Beklommenheit, zwischen zwielichtiger Sensationsgier und ungläubiger Andacht.

Dokumentiert ist obendrein eine Geste (die Wielands Darstellung relativiert). Übergab doch der Konkurrent, der Erfinder der zukunftsträchtigeren Charliere, Jacques Charles, dem Pionier Joseph Montgolfier, einen kleinen Testballon, mit dem Richtung und Geschwindigkeit des Windes ermittelt werden sollten. Dazu hob Charles an: „Ihnen, mein Herr, gebühret es, uns den Weg in den Himmel zu öffnen.“

Für den Himmelsöffner Joseph Montgolfier, den einen der beiden Brüder, der wirklich zu einem Flugversuch aufbrach, mögen dies edle Worte gewesen sein. Nur pathetische? Von heute aus gesehen wirken sie pragmatisch. War doch die Emphase für das Luftschifferglück extrem anwendungsbezogen, wie man heute weiß. Der Himmel blieb auf diesem Wege ja nur eine Etappe. Bereits während der Ballonfahrt wurde weiter ausgegriffen, sie war nicht mehr als eine Zwischenstation, Durchgangsstadium. Gemacht fürs Binnen-Luftschiffer-Glück. Hinter deren Gesichtskreis tat sich eine Unendlichkeit auf, ein Abenteuer jenseits der Weltmeere.

Wer ahnte das nicht? Als der König von Frankreich die beiden Leicht-Luft-Schiffer in den erblichen Adelsstand erhob, war das auf dem Wappen der Montgolfiers verbunden mit dem Motto: Sic itur ad astra – so geht der Weg zu den Sternen.

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