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Liz Nugent „Auf der Lauer liegen“: Der Richter und das „gefallene Mädchen“

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Von: Sylvia Staude

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Liz Nugent. Foto: Liz Nugent
Liz Nugent. Foto: Liz Nugent © Liz Nugent

Liz Nugents sich zum psychologischen Thriller eindunkelnde Roman „Auf der Lauer liegen“.

Lydia hat ein im Wortsinn fatales Geheimnis vor ihrem 17-jährigen Sohn Laurence. Laurence hat ein letztlich handlungsentscheidendes Geheimnis vor seiner Mutter. Ehemann/Vater Andrew muss beides bald nicht mehr bekümmern, denn zwar scheint die Polizei ihm auf der Spur zu sein, aber es nimmt ihn ohnehin so mit, dass er die junge Gelegenheitsprostituierte Annie gewürgt hat, dass er schon bald danach einen Herzanfall bekommt und stirbt. Gewürgt, aber nicht erwürgt? Ja, denn totgeschlagen wurde Annie von Lydia, angeblich ging es einfach nicht mehr anders; Andrew musste Annie dann im Garten vergraben.

Ein Juxkrimi, ein schwarzes Späßchen? Der Kriminalroman „Auf der Lauer liegen“ (Orig. „Lying in Wait“, 2016) der irischen Autorin Liz Nugent beginnt im Jahr 1980 und durchaus humorig, nämlich mit der irritierend lässig erzählenden Lydia: „Mein Mann hatte eigentlich nicht vor, Annie Doyle umzubringen...“. Hat er ja strenggenommen auch nicht, also sie umgebracht. Doch plagen ihn, der auch noch Richter ist, das Gewissen und Alpträume, wird er immer blasser und schmaler, während seine Frau die Sache wegsteckt. Jedenfalls nach außen kühl wegsteckt.

Nugent erzählt aus wechselnden Perspektiven, mit wechselnden Ich-Erzählern, so dass für die Leserin bald klar ist, dass der halbwüchsige, von Lydia grotesk gehätschelte und fett gefütterte Laurence in dieser Nacht durchaus etwas mitbekommen hat – zum Beispiel, dass das Auto seines Vaters keineswegs da war, als seine Eltern angeblich schon im Bett lagen. Zumindest sein Vater lügt also gegenüber der Polizei. Nur den Grund kennt Laurence da noch nicht, kann ihn sich auch gar nicht vorstellen; aber die Zeitungsberichte über eine verschwundene Frau namens Annie Doyle beunruhigen ihn.

Liz Nugent lässt die Zeit vergehen in „Auf der Lauer liegen“. Fünf Jahre nach der Tat und dem Tod seines Vaters ist Laurence (dank einer resoluten Großmutter) schlank, fesch, recht selbstbewusst. Immer noch bohrt er manchmal in der Sache Annie. Und er lernt eine gewisse Karen kennen, Annies Schwester, die ihrerseits noch nicht aufgegeben hat, die Wahrheit herauszufinden über deren Verschwinden.

Das Buch:

Liz Nugent: Auf der Lauer liegen. Roman. A. d. Engl. von Kathrin Razum. Steidl, Göttingen 2022. 368 S., 28 Euro.

Dieser Roman ist kein irischer Whodunnit. Bis gegen Ende bleibt vielmehr nur das Warum der Tat rätselhaft (und kann hier auch nicht verraten werden): Warum der seiner Frau ergebene Andrew Fitzsimons sich mit Annie eingelassen hat, warum Lydia offenbar vorab von dem Treffen der beiden wusste, warum sie „zu Ende bringt“, was ihr Mann begonnen hat.

Puzzleteilchen um Puzzleteilchen, Nuance um Nuance fügt Nugent ihren Figuren hinzu – so dass sich der Eindruck, es könne sich hier um einen eher leichten, heiteren Krimi handeln, bald zerstreut. Der junge Laurence ist in seiner Schule ein gehänselter Außenseiter. Richter Fitzsimons hat sich verspekuliert, hält aber am großen Anwesen fest, obwohl die Familie so gut wie pleite ist. Und Lydia, die anfangs so kaltschnäuzig erscheint, gleitet immer mehr in einen psychischen Ausnahmezustand ab.

Von der so schnell verscharrten Annie, so könnte die Leserin meinen, wird man nichts mehr hören – doch da ist ja auch Erzählerin Karen, die die Lücken im Leben ihrer Schwester zu füllen versucht.

Annie, diese junge Frau aus armer, bildungsferner Familie, hat nicht nur ein für Irland typisches Schicksal, sie hat auch kurz vor ihrem Tod versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen – und ihr Kind wiederzufinden. Wie einst viele junge, unverheiratet Schwangere wurde sie in eine katholische Einrichtung gesteckt, wo sie arbeiten musste und „freiwillig“ ihr Baby gleich nach der Geburt zur Adoption freigab – auch, um der Familie „die Schande zu ersparen“.

Die nach Maria Magdalena benannten irischen Magdalenenheime „für gefallene Mädchen“ wurden übrigens erst in diesem Jahrhundert zum Thema, die Verbrechen, die dort passiert sind (wie bei Kinderheimen wurden Massengräber gefunden), sind auch heute noch nicht aufgearbeitet.

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