Olivia Wenzel am zweiten Festivalort Naxoshalle.
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Olivia Wenzel am zweiten Festivalort Naxoshalle.

Theater, Prosa, Lyrik

Alles, nur nicht versöhnlich

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Zwischen Kanon-„Reparatur“ und jüdisch-muslimischer Leitkultur wird in Frankfurt über radikale Vielfalt und wehrhafte Kunst nachgedacht

„Die Beweise sind erdrückend“, mit ernster Miene sagt Reporter Bessad Ey die Worte in die Kamera. Er steht vor dem wiederaufgebauten Stadtschloss des Humboldt Forums. Dort, so berichtet er, sei bei Lüftungsarbeiten im Keller ein vergessenes Archiv entdeckt worden, konserviert im „sauerstoffarmen Sumpf Berlins“ - und prall gefüllt mit Zeugnissen einer „jüdisch-muslimischen Leitkultur in Deutschland und ganz Mitteleuropa“.

Die alten Schriften zeigten: Preußen hieß eigentlich Projsn, Döner wurde schon im Ersten Weltkrieg an die Frontsoldaten geschickt, und ein Briefwechsel zwischen dem österreichischen Kaiser Franz Osman I. und dem projßischen König Friedrich Schlemihl dem Kurzbeinigen zwingt dazu, die Erzählung von zwei erfolglosen Belagerungen Wiens durch die Osmanen völlig neu zu überdenken. Eine Sensation! Die Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden!

Der Videoclip ist zu Ende, das Licht im Schauspielhaus Frankfurt geht wieder an und das Publikum stellt langsam das Kichern wieder ein.

Auf der Bühne steht Max Czollek. Der Berliner Autor und Lyriker hat Anfang des Monats die „Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur“ ausgerufen - und tourt seitdem zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren durchs Land. An diesem Wochenende sind sie zu Besuch in Frankfurt, genauer: beim hiesigen Textland-Literaturfestival. Nach „wehrhafter Kunst“ fragt das Festival im dritten Jahr seiner Existenz - und da könnte man zurückfragen, warum eine vor Klischees strotzende Persiflage dafür ein Beispiel sein soll.

Doch diese Frage stellt sich nur, wenn man über das Lachen nicht hinausgeht. Ganz anders sieht es aus, wenn man die Idee der jüdisch-muslimischen Leitkultur ernst nimmt. Als Kampfansage an all jene, die deutsche Kultur und Geschichte gerne in glatten Kontinuitäten denken wollen, ein Bedürfnis, das in den vergangenen Jahren nicht nur die Chimäre der christlich-jüdischen Leitkultur hervorgebracht hat, sondern auch ein Heimatministerium.

Von der „sehnsucht nach eindeutigkeit kontrollierbarkeit übergang / einer kalkulierten anordnung und festlegung / die bei überlastung gezielt bricht“, schreibt die Wiener Autorin Sandra Gugic in ihrem Gedicht „Kollisionen“, das sie im Rahmen des anderthalbtägigen Festivals vorträgt.

„Radikale Vielfalt“ sei längst Realität im Land, sagt Czollek. Aber politisch werde mit starren Konzepten gearbeitet, „als gäbe es diese Realität noch nicht“. Kann die Kunst der Politik hier vorgreifen, kann sie der Raum sein, wo die desintegrierte Gesellschaft - um einen anderen Czollek-Begriff zu verwenden – zu sich selbst findet?

Dafür ist zu viel passiert

Aber das klingt viel zu versöhnlich. Wenn es eines gibt, worüber sich die in Form, Inhalt und Stil so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler, die in Frankfurt zusammenkommen, einig sind, dann das. Versöhnung, Harmonie: Darum kann es nicht gehen. Es wird nicht wieder gut. Dafür ist zu viel passiert, dafür sind Unterdrückung und Gewalt zu tief in die Struktur dieser Gesellschaft eingewebt.

Auch wenn man diese Tradition nicht fortschreiben will, so muss man doch mit ihr umgehen. So wie es Necati Öziri macht. Der Dramatiker nimmt sich den Kanon vor, genauer gesagt: die „größten Arschlöcher“, die er darin findet, und „repariert“ sie. In Frankfurt ist ein Ausschnitt aus seinem Widerspruch zu Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ zu sehen. Eine Arbeit, die Öziri „endlose Dialektik“ nennt. Wie lässt sich Kleists Darstellung der blutrünstigen aufständischen Sklaven, die auch vor Unschuldigen nicht halt machen, aufbrechen? Wie der wollüstige Blick des weißen Schweizers Gustav auf Toni, die Ziehtochter des Anführers der Revolte, umkehren? Gibt es irgendeine denkbare Variante, in der Toni nicht dem Plot geopfert werden muss?

Dass Toni in Frankfurt von einem Mann gespielt wird, passt zwar einerseits zur Idee des Rollenaufbrechens. Es ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass Öziri seinem Stück eine Anweisung vorangestellt hat. Das Stück muss zu mindestens 50 Prozent „mit Schwarzen Menschen und Menschen mit Rassismuserfahrung“ besetzt werden. Eine Vorgabe, die auch für das Schauspiel in Frankfurt - wo Letzteres vermutlich auf mindestens die Hälfte der Stadtbevölkerung zutrifft - vor eine Herausforderung gestellt hat. Er habe keine Lust mehr auf relevantes Theater, sagt Necati Öziri dazu. „Es soll einen realen Effekt haben.“ Außerdem könne er nur so verhindern, dass „am Ende 20 Weiße auf der Probebühne sitzen und über Rassismus reden“.

Die Frage, wer wie mit wem über wen spricht, interessiert auch die Schriftstellerin Olivia Wenzel. In die Lesung aus ihrem Roman „1000 Serpentinen Angst“ über das Leben einer Schwarzen Ostdeutschen baut sie eine von Malu Peeters gestaltete Soundcollage ein, in der Fragmente aus Rezensionen des Buches vertont sind. Immer wieder ist da Elke Heidenreich zu hören, die lobt, das Buch vermittle ein Gefühl dafür, wie sich Rassismus im Alltag manifestiert, etwas „was wir gar nicht mitdenken“, etwas, das „uns gar nicht auffällt“? Wir? Uns? An wen richten sich diese Sätze?

Ein anderer Rezensent freut sich, dass Wenzel nicht in „Larmoyanz“ verharre, sondern sich aus der „beengenden Minderheitenidentität“ befreie. Aus dem gleichen Text stammt auch die Bemerkung, im Berlin der Zehnerjahre lasse sich ein revolutionäres Bewusstsein eben auch dann nur schwer aufrechterhalten, „wenn man in Brandenburg am See schon mal einen Nazi gesehen hat“.

Dass dieser Spott auf ein konkretes Berliner Ökosystem von Kulturschaffenden abzielt, ist unüberlesbar. Dass der Rezensent deren Antirassismus nur als Instrument versteht, um das eigene Tun zu überhöhen, auch.

Etwas Neues soll entstehen

Deutschland als ein Ort, in dem sich Ausgrenzung nur noch in Mikrogesten ausdrückt und rechte Gewalt auf einige - wie es oft heißt - „Ewiggestrige“ im Osten beschränkt ist: Ist das Feuilleton eine Parallelgesellschaft, in der man tatsächlich nicht mitbekommt, was jenseits von Brandenburger Seen vor sich geht? In Frankfurt ist die Rede von Eltern, die nach Mölln tagelang nachts das Licht brennen ließen, von Spargelgenuss, gekauft mit dem Kreuzschmerz rumänischer Arbeiter, und von der Frage, ob man in Deutschland überhaupt eine Zukunft hat.

Zugleich will niemand hier mehr das eigene Erleben ausstellen als Beweis für die Existenz von Rassismus, nicht mehr gegenüber der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft um Verständnis werben. Etwas Neues soll entstehen, muss entstehen, auch für die, die jetzt grade erst anfangen Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen. „Wir sollten nicht mehr dankbar sein, dass wir im Casino als Mitspieler zugelassen werden“, sagt der Berliner Theatermacher Nuran David Calis. Er arbeitet derzeit an einem Stück zum NSU 2.0, das im März kommenden Jahres im Schauspiel Frankfurt uraufgeführt werden soll. „Das war vielleicht in den Nullerjahren so. Heute müssen wir unser eigenes Casino gründen.“

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