Trügerisch leuchtet der letzte Sommer mit den Eltern.
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Trügerisch leuchtet der letzte Sommer mit den Eltern.

Aharon Appelfeld

Zwischenfälle am Badestrand des Pruth

  • vonJürgen Verdofsky
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Aharon Appelfeld erzählt von den letzten Sommerferien mit den Eltern im Sommer 1938.

Große Ferien am Ufer des Pruth, dem Landstrich am Fuß der Karpaten. Die jüdische Gesellschaft der Bukowina ist in der Sommerfrische. August 1938, erschreckende Gerüchte, etwas liegt in der Luft. Das Wort „Krieg“ schwirrt durch die Ferienkolonie. Jeder hat eine andere Erinnerung an den letzten Pogrom, den letzten großen Krieg. Schlimm genug. Alles läuft auf ein unbestimmtes Ende zu, aber „Shoah“ kann keiner denken. Wenn auch keine Vorahnung, die gestaltlosen Umrisse der Generationen-Angst werden frisch geladen.

Es gibt Zwischenfälle am Badestrand, die bedrohlich eingefärbte Diffamie wird unverhohlener, sie gehört schon länger zum Alltag im Rumänien zwischen den Kriegen. Die Vorgeschichte der großen Judenhatz bleibt in dem Roman „Meine Eltern“ von Aharon Appelfeld ein Menetekel, wie es nur ein Überlebender erinnern kann. Der letzte Sommer mit den Eltern leuchtete trügerisch schon in seiner „Geschichte eines Lebens“ oder in dem Roman „Alles, was ich liebte“ auf. Aber jetzt hat der 1932 bei Czernowitz als Erwin Appelfeld Geborene das bedrängende Kindheitsmuster dieses Sommers als nachgetragene Elternliebe in einer in sich geschlossenen Form aufgerufen.

Aus einer Prozession ukrainischer Bauern scheren einige grobe Gestalten aus, verfluchen und verprügeln die jüdischen Badegäste, vornehmlich die Frauen – straflos. Der Schrecken des unversehens aufblitzenden tief Bekannten, des immer wieder Unbegreifbaren, das zu keiner Klarheit findet, weil die Konsequenzen unabsehbar wären. Die Badegäste vereinzeln sich in ihren Ferienhütten, als wäre nichts gewesen. „Die Menschen sprachen darüber wie über ein unvermeidliches Unwetter.“ Andere sagen, man könne zusammenleben mit dem Ungeheuer, es gelte bloß, heftige Gesten zu vermeiden: „Das war letztlich nur ein winziges Pogrom.“

Wie muss einem Kind zumute sein, das sich die Heimtücke, die ihm hier begegnet, nicht erklären kann? Der zehnjährige Erwin erkennt die Niedertracht, gehören doch die Bauern zu den Vermietern der Ferienhütten. Aber was speist diesen Hass? Der Junge kennt ihn schon aus der Schule. Dort wird er von einigen Mitschülern als „Drecksjude“ beschimpft und geschlagen. Erwin, dem vor dem Schulanfang graut, erlebt nun auch im Schutzraum „Ferien am Fluss“ die Unruhe und aufsteigende Angst der Erwachsenen. „Was haben die Juden Schlimmes getan?“, fragt er seine Mutter. Sie antwortet erregt: „Es gibt böse Leute, die einen Unterschied zwischen dem einen Menschen und dem anderen machen, zwischen einem Volk und dem anderen, die dieses Volk für böse halten. ... Wir müssen laut sagen: Es gibt keinen Unterschied zwischen den Menschen.“ Das versteht auch ein noch nicht durch Erfahrung wehrhaft gewordenes Kind.

Die Mutter gibt den warmen Halt in dieser Kindheit, versucht das Urvertrauen zu beschützen – mit Alltagsvernunft und dem reifen Gefühl für Bedrohung. Sie hofft auf das Gute im Menschen, auch wenn sie Flaubert und Proust liest. Vor allem hat sie sich nicht wie der Vater vom Glauben gelöst. Der Vater ist zum Skeptiker geworden, die Natur beruhigt ihn, nicht aber der Glaube der Vorväter. Er sucht nach neuen Ideen und wird doch immer wieder enttäuscht. Als Rationalist und Ironiker, Pedant und Ästhet sieht er Gefahren schärfer als andere. Unter den jüdischen Badegästen fühlt er sich fremd, wird zum Einzelgänger. Er spricht als einziger von Auswanderung und wird wenig später auf eine Kindheitsfreundin treffen, die als Wissenschaftlerin vor den Verhältnissen in Wien floh. Der Vater als inkonsequent Gutwilliger ist auch ein Scheiternder – als Student, Intellektueller, Fabrikbesitzer. Die Auswanderung nimmt keine Gestalt an. Seine immer wieder enttäuschte Grunderwartung: menschliches Verhalten.

Aber den Sohn beeindruckt er durch entschiedenes Auftreten gegen jeden antisemitischen Affront, auch den versteckten. Es geht nicht ohne Notwehr, der Vater muss mit Erwin trainieren, wie man Übergriffe abwehrt. Das jede andere Art der Vertrautheit übersteigende Gefühl des Schutzes geben beide Eltern, jeder auf seine Weise. „Nach Hause kommen“ wird zu einem geradezu festlichen Vorgang. Wie wenig Vater und Mutter jetzt brauchen, um sich auszusöhnen.

Die Eltern im Kontrast zu all diesen sich kreuzenden Leben in einer abgeschlossenen Ferienkolonie, klassische Charaktere aufgereiht wie auf einem Faden, ein ganzes Ensemble: der sich aufopfernde Arzt, der handfeste Kriegssanitäter, der verkannte Invalide neben der naiven Hysterikerin, der sich erklärende Schriftsteller, von Prinzen der Liebe gebrochene junge Frauen. Männer und Frauen schnappen nach Leben, nach Liebe. Man gehört zusammen, das fordert die äußere Bedrohung.

Neben den Einschlüssen alter Angst knistert dunkel eine neue. Man darf gar nicht daran denken, was mit dem Krieg auf sie zukommen wird. Appelfelds Mutter wird zu Kriegsbeginn ermordet. „Ich habe sie nicht sterben sehen, hörte aber ihren einen und einzigen Schrei“, heißt es in der „Geschichte eines Lebens“. Das Ufer am Pruth ist heute ein anderer Ort, doch mit dem Roman „Meine Eltern“ zittert darüber noch immer die Luft von jenen Stimmen. Das ist unverjährbares Erzählen.

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