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Das blaue Schwarze Meer als dominanter Reisebegleiter, hier mit Schloss Schwalbennest in der Nähe von Jalta.
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Das blaue Schwarze Meer als dominanter Reisebegleiter, hier mit Schloss Schwalbennest in der Nähe von Jalta.

Krim-Tagebuch

Zwischen Raum und Zeit

Der taktvolle Hund, der verzweifelte Taxifahrer und die Geschichte, die immer wieder von anderen Geschichten überschrieben wurde.

2. Oktober Das Meer ist bis zur Mitte dunkelblau, dann metallen. Ich kann es aus dem Bett sehen und hören. Auch vom Schreibtisch aus. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr auf und schalte das Notebook ein. Ich schreibe auf, lösche, laufe über die Außenterrasse zum Wasserbehälter und hole mir warmes Wasser, draußen ist es kalt und heute ausnahmsweise finster. In vollem Bewusstsein, dass die Krim nicht meine Geschichte ist, dass ich nur das momentane Bild behalten kann, bin ich trotzdem ziemlich aufgeregt, was mit dem Genius loci dieses Ortes zu tun hat, nicht mit mir. Ich lösche Geschriebenes und liege im Bett und schaue auf das immer metallener glänzende Meer und höre dem Rauschen (nicht mehr Rumoren) zu.

Das Meer: nah zum Ufer wieder grün, weiter fast unnatürlich blau.

Heute zeigt uns Natalja Parks und Paläste, die wir von allein nicht finden würden, weil dort Sanatorien sind und wir nicht auf die Idee hätten kommen können, dass wir dorthin durften. Die Wächter erzählen sogar von diesen Parks und Palästen; eigentlich kennt jeder Krimbewohner, der auf die eine oder andere Weise im Servicesektor tätig ist, viele Führungen auswendig. In jedem Park sind eigene Hunde, die dort leben dürfen und gefüttert werden.

In Gaspra heißt das Sanatorium unverhofft „Jasnaja Poljana“ (nach Tolstois Landgut), weil hier 1901/02 Lew Tolstoi, der nach einer schweren Krankheit Erholung brauchte, auf Einladung der Gräfin Panina lebte. Ich erkenne den Balkon von einem Foto, das Tolstoi und Tschechow beim Teetrinken zeigt, und fotografiere den leeren Balkon. Nach einem Besuch sagte Tschechow, der ja Arzt war, dass er den nahen Tod Tolstois befürchte. Der junge Tschechow starb fünf Jahre früher als der alte Tolstoi. Beide wurden zu Hauptklassikern des sowjetischen Literaturpantheons, beide haben die Revolution nicht mehr erlebt und konnten von der sowjetischen Literaturwissenschaft ungestört als Vorläufer der Revolution missbraucht werden. Im Park haben die Katzen über die Hunde gesiegt.

Picknick auf den Felsen über Semeis. Auf dem Parkplatz mehrere Hunde, groß, sandfarben oder diabasfarben (wie der Woronzow-Palast in Alupka), ziemlich räudig, manche hinken. Sie eskortieren uns schweigend den steinigen Pfad zwischen den Föhren entlang. Irgendwann bleibt nur ein Hund, als hätten sie ein Abkommen. Er begleitet uns bis zu den Felsen, wo wir unser Lager aufschlagen, und liegt bescheiden in der Nähe, als hätte er keinen Hunger und wäre einfach unser Hund; als würde er spielen, dass er kein Straßenhund sei, sondern zu jemandem gehöre. Wenn er Essen bekommt, isst er ohne Gier und Eile. Es ist kalt, Natalja und Anna haben Decken und Jacken für alle. Das Meer unten ist pittoresk tobend. Der Hund begleitet uns zum Auto, obwohl wir kein Essen mehr für ihn haben. Er legt sich abseits hin und schaut taktvoll Richtung Meer.

Marina Zwetajewa schreibt in ihren Erinnerungen über Maximilian Woloschin, wie er einmal ein Rudel wilder Krimhunde mit Überzeugungskraft dazu gebracht hat, ihn nicht zu zerfetzen. Die Hunde, die wir hier sehen, sind leise, fast stumm, irgendwie verloren, zu der Krim, wie sie manchmal wirkt – ein Raum zwischen Raum und Zeit – passend.

Als wir unsere Routen bestimmt haben, waren wir uns einig, dass wir nicht zur Pilgerstätte der Liebhaber der russischen Moderne, Woloschins Haus in Koktebel, fahren. Weder Dmitry noch Oleg, noch ich haben einen persönlichen Bezug dazu. Keiner von uns ist früher in Koktebel gewesen. Wahrscheinlich, weil es zu en vogue war, Koktebel und die ganze mit diesem Dorf und seinem krimtatarischen Namen, der an „Cocktail“ denken lässt, verbundene Mythologie. Zu den berühmten Gästen in Woloschins Haus gehörten: Mandelstam, Gorkij, Andrej Bely, Michail Soschtschenko, Michail Bulgakow, Marina Zwetajewa. In der spätsowjetischen Zeit haben sich viele Künstler und Intellektuelle für die Erben der in Russland brutal abgebrochenen klassischen Moderne gehalten, und Koktebel war einer der Hauptwallfahrtsorte dieses Kultes. Mir waren die literarischen Quellen völlig ausreichend, und ich hatte keine Lust, mich den Pilgern anzuschließen, um dann sagen zu können, dass ich dort gewesen bin, und meine Begeisterung in Prosa und Gedicht festzuhalten.

Was aber vielleicht zu sagen ist, Woloschin hat in Zeiten des blutigen Bürgerkriegs keine Partei ergriffen und, wenn Menschen Hilfe brauchten, allen geholfen, sowohl den „Roten“ als auch den „Weißen“, hat seine Neutralität bewahrt. Vielleicht sollte man heute öfter daran denken.

3. Oktober (…) Nach der offenen Perspektive des Meers, nach den weisen und feierlichen Gebäuden des repräsentativen Sewastopol fahren wir zu den Ausgrabungen der antiken Stadt Chersones. Jan beginnt seine Führung mit den Taurern. Was hier klar wird – diesen Ort, die Krim, wollten alle besitzen. Völker, Reiche, Königtümer, Religionen, Sprachen lösten einander ab. Ich weiß nicht, ob es irgendwo so viele historische Schichten gibt wie auf der Krim. Vielleicht ist das kein Palimpsest, sondern eine Schultafel, auf der der Lehrmeister Geschichte für jede Generation etwas aufschreibt, in der Hoffnung, dass endlich ein Jahrgang kommt, der etwas versteht; dann seufzt er, wischt die Kreide ab und trägt seine dunklen Schriften aufs Neue auf. Wir laufen zwischen den Ausgrabungen, die zu dem Kundigen sprechen, aber wahrscheinlich nicht so deutlich, wie die Kundigen es gerne glauben machen. Jan (der Reiseführer auf dieser Tour, d. Red.) relativiert alles, erzählt, was über was vermutet wird, sagt gleich, dass es aber eine andere Meinung gibt, was die Scherben hier oder die Hausfundamente da bedeuten. Die berühmten Postkartensäulen von Chersones, die hübsch ordentlich stehen, als wären sie die Ruinen eines Tempels, sind von allen Winkeln dieser Ausgrabungen zu einem Platz gebracht und malerisch aufgestellt worden.

Nichts kann einander weniger ähneln als Jan Schapiro und die Stadt, in der er lebt. Er ist das Gegenteil von diesem offiziellen Sewastopol. Er ist in der Ostukraine geboren, lebt aber seit seiner Jugendzeit hier. Seine Frau Simha kommt aus Odessa. Die Verbindungen zur Ukraine sind eng; sie erwägen, vielleicht nach Odessa zu ziehen. Jan vermeidet konsequent alles Politische; er hat Verständnis für alle; auf beiden Seiten gibt es vieles, was man nicht begrüßen kann; auf beiden Seiten gibt es eine eigene Wahrheit. Er bleibt bei seinen Interessen; ihn interessiert das Leben der jüdischen Gemeinden, hier und in der Ukraine. Seine Tochter besucht eine jüdische Schule, die aber nur neun Klassen hat. Einer der Grunde, warum die Familie den Umzug nach Odessa in Erwägung zieht. Als ich etwas frage, worüber ich in den Nachrichten gelesen habe, fragt er „Sie lesen Nachrichten?“ mit einer so natürlichen Verwunderung, dass ich mich schäme. Jan lebt mit seiner Familie in einem Haus in einem weniger auf äußere Pracht ausgerichteten Teil der Stadt, der näher zu Chersones ist als zur feierlichen Uferstraße. Im kleinen Garten wachsen viele herrliche Pflanzen nah beieinander: drei Feigen, die eine gibt zwei Ernten im Jahr, die andere eine, die dritte ist noch zu klein; Johannisbeeren; Stachelbeeren; eine kleine Stechpalme; Bambus. Im Haus leben ein Terrier und zwei Katzen. Simha, Jans Frau, ist noch nicht da. Die zwölfjährige Tochter Sonja beginnt gleich, den Tisch für uns zu decken, erzählt von ihrer Schule, passt auf das Geschirr auf, damit das Fleischgeschirr und das Milchgeschirr nicht durcheinandergebracht werden. Dann kommt auch Simha. Zum Tee gibt es von Jan gemachte Marmelade aus Beeren vom Garten. Die Gastfreundschaft und Ruhe sind genau das, was nach der Aufregung, die diese vielseitige Stadt auslost, guttut. Schade, dass unsere Zeit, wie immer hier, so knapp ist.

4. Oktober Heute ist der letzte Tag. Das Geräusch des Meeres war zwar genauso tobend wie jede Nacht, das Meer selbst ist aber ruhig, und die Luft ist warm. Die Badeverbotsschilder sind entfernt worden. Ich betrachte meinen Badeanzug im Koffer und gehe zur Post, um die Ansichtskarten abzuschicken. Menschen essen Eis. Manche schwimmen. Vor der Post steht eine mittelgroße Menge und wartet. – Wann öffnet die Post?, frage ich eine wartende Dame mit Panama. – Um acht. Ich schaue auf die Uhr: halb neun. – Es gibt kein Licht. Sie warten dort auf den Strom. Ich gehe zurück. Der letzte Spaziergang auf der Uferpromenade.

Unser Flug ist spät am Abend. Den Tag werden wir mit Andrej Poljakow (dem Lyriker, d. Red.) verbringen. Ich kann es mir leisten, über die Krim mit einer emotionalen Distanziertheit nachzudenken und keine Partei zu ergreifen. Gewissermaßen muss ich das sogar, weil ich die ganze Situation von Frankfurt her betrachte. Andrej Poljakow lebt seit seiner Geburt in Simferopol. Er ist in russischsprachiger Umgebung aufgewachsen, weil die Krim, im Unterschied zur (insbesondere West-)Ukraine, russischsprachig war (und natürlich ist). Zugleich ist er in der Sowjetrepublik Ukraine aufgewachsen, die, als er Anfang zwanzig war, ein unabhängiger Staat geworden ist, samt der Krim, die 1954 von Chruschtschow der Sowjetrepublik „geschenkt“ wurde (die Kommunisten haben in dem riesigen Raum der Sowjetunion ihre teilweise willkürlichen Grenzen hinterlassen, ein bisschen ist es wie bei den Engländern und ihren Kolonialländern). Was für eine anachronistische feudale Geste ist es, ein Land samt der Bevölkerung zu verschenken! Das war der Nachhall von Stalins Methoden, die ganzen Volker pauschal und sippenhaftmäßig für die Kollaboration mit dem Feind zu deportieren.

(…) Oft geht es Menschen, die über die Krim reden, gar nicht um die Krim. Ich glaube, es ist üblich, dass etwas mit der Rolle der Ursache für eine Konfrontation beladen wird. In der Politik und auch privat. Später, nach allen Tragödien, verflüchtigt sich die Energie, mit der der jeweilige Apfel der Zwietracht aufgeladen wurde. Abgesehen von der Politik: Auf der Krim leben Menschen, die nicht deshalb so gestimmt haben, weil sie russische Nationalisten wären, sondern, weil sie sich als Teil Russlands empfinden, was wiederum nicht bedeutet, dass sie alles gut finden, was in Russland passiert. Sie wollen teilnehmen; auch an den Protesten gegen das, was ihnen in Russland nicht gefällt, wollen sie teilnehmen. Auch als Opposition tätig sein. Diese Menschen scheinen niemanden zu interessieren.

Ich treffe Dmitry, der auch zu seinem letzten Spaziergang aufbricht, vorm Hotel und gebe ihm meine Karten, für den Fall, dass die Post öffnet.

„Abgabe des Zimmers“: Jemand von den Hotelangestellten soll kommen und prüfen, ob alles in Ordnung ist, ein alter sowjetischer Brauch. Eigentlich sollen Badetücher gezählt und Minibar geprüft werden, die Angestellten lächeln nur und wünschen uns eine gute Reise. Für die Sünde, den „Park am Meer“ bebaut zu haben, können die Angestellten nichts. Sie waren freundlich und zuvorkommend, mit Ausnahme einer Dame im Restaurant, die einen skeptischen Gesichtsausdruck hatte, der an einen berühmten sowjetischen Spruch, „Sie sind viele und ich bin allein hier“, erinnerte, besonders, wenn wir mit unseren 0,1 l Wein fünf Minuten nach elf noch nicht fertig waren. Aber so eine Kellnerin, weiß ich heute, kann man überall auf der Welt treffen.

Unser letzter Taxifahrer ist aus der Stadt Donezk, an die ich die ganzen Tage immer wieder denken muss, einem Kriegsgebiet, so nah, so unvorstellbar. Er erzählt, er arbeite während der Touristensaison auf der Krim, die Familie lebe das ganze Jahr davon. In Donezk gebe es keine Arbeit. Früher habe er beim Schrottrecycling gearbeitet. Die Renten der Alten betrügen zweitausend Rubel (umgerechnet 30 Euro). Er sei in Russland geboren und hatte die Möglichkeit, die russische Staatsbürgerschaft zu bekommen und nach Russland überzusiedeln, aber seine Frau wolle das nicht: wegen des Hauses, des Gartens, die Tochter studiere dort im dritten Semester Journalistik. „Aber was ist das für ein Leben!“, sagt er, eine Sperrstunde, und überhaupt, man wisse nicht, wo man lebe, was sei, was sein werde. In einem Donezker Vorort, wo Datschas sind, seien vor kurzem Fischer getötet worden, die im Boot im Fluss saßen, man wisse nicht, wer sie getötet habe, die Donezker Rebellen oder die Ukrainer. Er spricht viel, ich glaube, weil er immer wieder daran denkt, wie er lebt (das ist eine unvorstellbare Situation, mitten, geographisch gesehen, im scheinbar friedlichen Europa ein Bürgerkrieg). Unser Fahrer sagt, dass damals eine Chance verpasst worden sei, alle ostukrainischen Gebiete waren zum Aufstand bereit gewesen, Odessa, Mariupol, alle, aber es habe keine starke Führung gegeben, keine Figur, die all das hatte zusammenfuhren können. Er erzählt von seinen Bekannten in Donezk, alle seien auf die eine oder andere Weise in einer ausweglosen Lage. Arbeit gebe es nicht. Wenn man in die Ukraine käme, würde man dort gleich in die ukrainische Armee eingezogen und mit tödlicher Waffe in den Händen zurückgeschickt. Niemand will Bürgerkrieg. Auf keiner der Seiten. Menschen wollen ihr normales Leben haben. Aber wo willst du es finden, das normale Leben. Dann wechselt er das Thema: Das Meer habe sich beruhigt, die Fahre werde entsperrt. Aber jetzt stünden da Autos Schlange, vielleicht mehrere Tage. Doch bald werde die Kertsch-Brücke gebaut, „unsere Retterin“.

(Wenn ich es jetzt, bereits in Frankfurt, wieder lese, scheint es das Protokoll eines Albtraums zu sein. Der Fahrer sprach aber nicht so hastig, sondern mit einer resignierten, milden Stimme, ruhig und traurig.)

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