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Zwischen Orient und Okzident

Sudabeh Mohafez, die in Berlin lebende gebürtige Teheranerin, überzeugt mit ihrem Debüt

Von BARBARA VON BECKER

Eine Fata Morgana im Berliner Feierabendverkehr: Mitten auf der Weidendammer Brücke, zwischen Tränenpalast und altem Brecht-Theater, auf dem glitzernden Wasser der Spree steht der Damâwand, der höchste Berg des Iran, sechstausend Meter hoch mit weißbedecktem Haupt. Seine Stille ist "bis hier unten zu spüren, und der braun-blaue Schimmer seiner faltigen, rissig-grauen Flanken legt sich auf die Mitte meiner alt gewordenen, neuen Heimat."

Die 1963 in Teheran geborene Sudabeh Mohafez lebt seit 26 Jahren in Berlin. Hier hat sie Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaften studiert, war Geschäftsführerin eines Frauenhauses, Lehrbeauftragte an der Universität und arbeitete als Übersetzerin und Lektorin. Nach Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien ist der Erzählband Wüstenhimmel Sternenland ihr erstes Buch.

Berlin, das ist die Stadt, von der die Autorin ein literarisches Alter ego sagen lässt: "es war mir ähnlich: eigenbrötlerisch, ein wenig verloren, hässlich, widersprüchlich und vernarbt." Aber nur zwei der sieben Er-zählungen handeln vom Leben in Deutsch-land, wo es schwer ist, die Worte zu finden: "Sie wuchsen hier nicht auf Stengeln, auch nicht an Bäumen, Sträuchern und Stauden. Kopf Stein Pflaster beispielsweise..." Welch Gegensatz zur blumig-arabeskenhaften, bisweilen aber auch für unsere westlichen Ohren mit überreichlichem Zierrat beladenen Sprache des Orients. Nicht jedoch bei Sudabeh Mohafez. Ihre dichterische Sprache scheint die bildmächtige Poesie ihrer alten mit dem so anders gearteten Wort-Schatz der neuen Heimat zu versöhnen. Emphatisches transponiert sie gleich wieder in eine andere, kühlere Tonlage, wechselt vom Konkreten in eher abstrakte Phantasieräume und hält so die literarische Balance zwischen Kopf und Emotion.

Mit dem Gehör tasten

Sudabeh Mohafez' Geschichten sind kurz, oft nur wenige Seiten lang. Der längste der Texte erzählt eine Geschichte aus den siebziger Jahren in Teheran, als dort noch Geschäftsleute vieler westlicher Nationen in Luxusvillen mit Swimmingpools und iranischen Hausbediensteten wohnten. Eine davon war Nâhid, die wie viele in einer nur etwa ein Meter und sechzig hohen Höhle hauste, die man mit einer dünnen Stoffplane gegen die Herbstwinde mehr schlecht als recht abgedichtet hatte. Die ganze Familie, Eltern und mehrere Kinder, schliefen hier in einem Raum, den die Mutter Nâhid nachts im Dunkeln "mit dem Gehör abtastet", um zu spüren, ob eines der erwachsenen Kinder fehlte.

Nâhid hatte gerade ihre Putzstelle bei einer deutschen Familie verloren. Warum sie dennoch deren Haus noch einmal aufsuchte und den kleinen deutschen Jungen mit zu sich nahm, das enthüllt Sudabeh Mohafez in absichtsvoll dezenten Andeutungen. Eine Geschichte über Gewalt gegen Kinder und Frauen in diesen prächtigen Palästen der Zivilisation, wo die junge deutsche Mutter im goldenen Gefängnis verharrt, um vieles unfreier, gedemütigter, passiver als je die Iranerin, die ihren Tschador fest um den Körper wickelt und in ihre menschenunwürdige Höhle zurückkehrt. Die Gefahr, dass die Geschichte zur lehrstückhaften Parabel werden könnte, unterläuft die Autorin mit ihren atmosphärisch starken Bildern, die mit lakonischen Beobachtungen abwechseln, mit ihrer Kunst, durch wenige Worte einer Figur Leben und Charakter zu geben.

Machtausübung der Männer, Verlorenheit der Kinder, die innere Autonomie der Frauen, um diese Themen kreisen in mal mehr mal weniger konkretem literari-schen Zugriff diese Erzählungen. Orient und Okzident erscheinen dabei aber nicht nur als Gegensatzpaar. "Aus Kopfsteinpflaster und Zikadengesang" wird nun ein Haus gebaut, und der Esel, der neben dem Fahrrad auf der Berliner Straße steht, ist kein neuerliches Trugbild der großen Damâwand, sondern gehört einem Mann mit "vielzipfeliger, glöckchenbekränzter Mütze", der für einen Zirkus sammelt, der in Schöneberg gastiert. So lässt es sich ankommen - ob in Berlin oder wie Sudabeh Mohafez mit diesen ihren ersten Erzählungen im Kosmopolitismus der Literatur.

Sudabeh Mohafez: "WüstenhimmelSternenland." Erzählungen. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2004, 128 Seiten, 17 Euro.

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