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Zwischen Liebe und dem nackten Leben

"Umverteilung oder Anerkennung?": Nancy Fraser und Axel Honneth erproben zentrale Begriffe einer zeitgenössischen Kritischen Theorie

Von Herlinde Pauer-Studer

In Zeiten, wenn sich ökonomische und kulturelle Veränderungen überlagern und doch eigenen Gesetzlichkeiten folgen, wenn wirtschaftliche Benachteiligungen und soziale Diskriminierungen ineinander greifen und doch separate Sphären bilden und wenn Schwierigkeiten der kulturellen Identität nicht völlig von Fragen der Chancengleichheit zu trennen sind, stellt sich die Frage, mit welchen normativen Parametern die moralischen Probleme dieser Bereiche zu analysieren sind. In ihrem gemeinsamen Buch Umverteilung oder Anerkennung? setzen sich Nancy Fraser und Axel Honneth mit diesen Herausforderungen auseinander. Nicht zuletzt geht es ihnen um die Frage, welche Interpretationen des Politischen und Sozialen eine Fortsetzung des Projekts der Kritischen Theorie erlauben.

Die Kontroverse zwischen Fraser und Honneth entzündet sich an der Frage, welcher normativen Kategorie die zentrale Rolle zukommt. Fraser plädiert dafür, Anerkennung und Distribution als gleichwertige, aber getrennte Standards zu behandeln. Der Primat des Begriffs der Anerkennung verdecke den Blick auf ökonomische Benachteiligungen und akzentuiere lediglich die im Kontext der Identitätspolitik diskutierten kulturellen und sozialen Diskriminierungen. Honneth vertritt hingegen die These, dass ein Konzept der Anerkennung auch ökonomische Benachteiligungen transparent macht. Anknüpfend an seine früheren Studien differenziert er zwischen drei Dimensionen der Anerkennung: Liebe, Recht und Leistung. Diese Kriterien verdeutlichen die Strukturen persönlicher, rechtlicher und wirtschaftlicher Diskriminierung.

Wer hier nur einen terminologischen Disput vermutet, liegt falsch. Es geht um grundlegende Voraussetzungen der politischen Philosophie. Die Überlegung, welche Formen der Verweigerung von Anerkennung Verletzungen sozialer und ökonomischer Rechte darstellen und welche persönliche Missachtung und Demütigung verkörpern, wird insbesondere relevant, wenn liberale Demokratien gefordert sind, soziale Gruppen und kulturelle Minderheiten zu integrieren, deren identitätskonstitutive Werte in einer gewissen Spannung mit den Prinzipien der Gleichheit und Anerkennung stehen.

Die Diskussion zwischen Honneth und Fraser berührt ein hochaktuelles Thema. Doch bei der Lektüre kann man sich phasenweise des Eindrucks nicht erwehren, dass analytisch gesehen teils ungenau argumentiert wird. Fraser kritisiert zum Beispiel, Honneth mache Anerkennung zu einer Angelegenheit der Selbstverwirklichung. Seine Konzeption basiere auf einer "sektiererischen Berufung auf das gute Leben". Vor so schwerem Geschütz kann sich Frasers eigener Versuch einer Verbindung von Anerkennung und Verteilungsgerechtigkeit, von Statushierarchie und Wirtschaftsstruktur leicht als plausible Alternative präsentieren. Weder klassifiziert Fraser mangelnde Anerkennung als psychische Deformation noch interpretiert sie diese als Verhinderung ethischer Selbstverwirklichung.

Mit ihrer Kritik spielt Fraser auf die Trennung von Moral und gutem Leben an. Dabei übersieht sie aber, dass der Begriff des guten Lebens in der praktischen Philosophie in zwei Bedeutungen verwendet wird. Zum einen umschreibt die Idee des guten Lebens die den Individuen in liberalen Gesellschaften zugestandene Autonomie, ihre Lebensform zu wählen, zum anderen - und dies ist die für Honneths Ansatz maßgebliche Bedeutung - benennt der Begriff des guten Lebens jene allgemeinen Voraussetzungen an Rechten und Gütern, die Menschen für ein individuell autonomes Leben benötigen. In diesem letzteren Sinn bezieht sich der Begriff des guten Lebens auf objektive moralische Bedingungen und reduziert sich keineswegs auf jene Beliebigkeit, an der Fraser Anstoß nimmt.

Umgekehrt provoziert Honneth diese Einwände durch gewisse Unschärfen seiner Konzeption. Er trennt zwischen drei Sphären der Anerkennung: Liebe, Recht und Leistung. Diese Bereiche sind aber nicht nur different, sondern Bereiche, die eine sozialphilosophische Theorie der Anerkennung nicht einfach als gleichwertig nebeneinander setzen kann. Die drei Sphären haben aus der Perspektive der politischen Philosophie unterschiedliche Priorität. Die durch (elterliche) Liebe konstituierte Anerkennung steht als Bedingung einer gelingenden Identitätsbildung in einem psychologischen Kontext. Selbstredend kann man diese Form der Anerkennung moralisch fordern, doch bewegt man sich dann auf dem Boden der Individualethik.

Der Sphäre des Rechts (subjektive Freiheitsrechte, politische und soziale Rechte) kommt in der praktischen Philosophie Vorrang zu, weil die rechtlichen Bedingungen den Rahmen für die anderen Möglichkeiten von Anerkennung vorgeben. Die Ausdifferenzierung der Anerkennungskonzeption in der ökonomischen Sphäre bleibt bei Honneth reichlich offen. Leistung ist zweifellos ein Moment, das wirtschaftliche Anerkennung verdient, doch Leistung allein ist nur ein Aspekt der von einer gerechten ökonomischen Distribution zu berücksichtigenden Gesichtspunkte und Phänomene.

Eine Theorie der praktischen Philosophie kann einen grundlegenden Begriff der Anerkennung auf verschiedenste Formen der Benachteiligung anwenden und Kriterien der ökonomischen Gleichheit, der Chancengleichheit, der Freiheit der Lebbarkeit der eigenen kulturellen Identität entwickeln. Der Begriff der Anerkennung, soll er sich nicht auf symbolische oder kulturelle Konnotationen beschränken, verlangt nach einer Assoziation mit Rechten und einer klaren Trennung von öffentlicher Moral und Individualmoral.

Vielleicht würde dem Projekt von Fraser und Honneth doch etwas mehr Kant als Hegel gut tun: Die Gerechtigkeit einer Gesellschaft steht und fällt mit der rechtlichen Struktur ihrer Institutionen. Kants Idee war es, eine Gesellschaft nach normativen Prinzipien so einzurichten, dass das soziale Leben erträglich bleibt, selbst wenn die Menschen bei weitem nicht so edel sind, wie es die Idee eines Handelns aus Achtung vor dem Moralgesetz vorsieht. Dies bedeutet, dass sich die Sozialphilosophie auch in Zeiten kultureller Differenz und Identitätssuche auf ein institutionelles System konzentrieren sollte, das ein gewisses Maß sozialer und politischer Anerkennung garantiert, selbst wenn die kontingenten Formen personaler Anerkennung wie Liebe, Zuwendung und Gefühle des Respekts versagen.

Nancy Fraser / Axel Honneth: Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 305 Seiten, 13 Euro.

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